Claudia Kuretsidis-Haider / Irmgard Nöbauer / Winfried R. Garscha / Siegfried Sanwald / Andrzej Selerowicz: Das KZ Lublin-Majdanek und die Justiz. Strafverfolgung und verweigerte Gerechtigkeit: Polen, Deutschland und Österreich im Vergleich (presented by Claudia Kuretsidis-Haider)
Das KZ Lublin-Majdanek war eine zentrale „Relais-Stelle" für den Massenmord der Aktion Reinhardt unter dem Kommando des österreichischen SS- und Polizeiführers Lublin Odilo Globocnik. Österreichische Angehörige der in Lublin stationierten SS- und Polizeieinheiten sowie der Lagerwache und Kapos des Konzentrationslagers waren in die Verbrechen involviert. Den Prozessen der unmittelbaren Nachkriegszeit in Polen sowie der 1970er und 1980er Jahre in Deutschland (v.a. der Düsseldorfer Majdanek-Prozess von 1975 bis 1981) mit mehreren Höchsturteilen standen in Österreich umfangreiche Untersuchungen der Staatsanwaltschaft Graz gegenüber, die allerdings zu keiner Anklage führten und in allen Fällen mit Einstellung des Verfahrens endeten. Im Zuge der 2007 eingeleiteten Vorerhebungen der Staatsanwaltschaft Wien gegen die ehemalige Aufseherin des KZ Majdanek, Erna Wallisch, die nach dem Tod der Beschuldigten im Februar 2008 eingestellt worden waren, wurde erneut die Frage der Beteiligung österreichischer Tatverdächtiger an den Verbrechen in Majdanek evident. Im Gegensatz zu Auschwitz und Mauthausen – den anderen beiden Konzentrationslagern, in denen Österreicher einen relevanten Teil der Wachmannschaften stellten – wurde bislang kein österreichisches Strafverfahren zu Majdanek mit Urteil abgeschlossen.
Die Publikation „Das KZ Majdanek und die Justiz. Strafverfolgung und verweigerte Gerechtigkeit in Polen, Deutschland und Österreich" präsentiert die Erkenntnisse der am 29. Oktober 2010 von der Zentralen österreichischen Forschungsstelle Nachkriegsjustiz gemeinsam mit dem Wissenschaftlichen Zentrum der Polnischen Akademie der Wissenschaften und dem Forschungszentrum des Staatlichen Museums in Majdanek in Wien durchgeführten Konferenz „Das KZ Lublin-Majdanek und die Justiz. Polnische, deutsche und österreichische Prozesse im Vergleich – eine Bilanz", die erste Tagung zu diesem Thema außerhalb Polens. Darüber hinaus veröffentlichen die MitarbeiterInnen der Forschungsstelle Nachkriegsjustiz die Ergebnisse eines vom Bundesministerium für Justiz 2008 in Auftrag gegebenen zweijährigen Forschungsprojekts zum Thema.
Zentrale Aspekte des Sammelbandes sind:
1. Der Beitrag der österreichischen Justiz zur Aufklärung der Verbrechen in Majdanek.
2. Die Methoden und die „Effizienz" der Strafverfolgung in Polen, Deutschland und Österreich vor dem Hintergrund der jeweiligen Rechtslage sowie der politisch-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.
3. Die erstmalige wissenschaftliche Analyse des von der Staatsanwaltschaft Graz zwischen 1964 und 1973 geführten Untersuchungsverfahrens gegen 64 Personen, die der Verbrechen im KZ Lublin beschuldigt wurden.
4. Die Rolle von ZeugInnen vor Gericht am Beispiel des Dokumentarfilms von Eberhard Fechner über den Düsseldorfer Majdanek Prozess 1975 bis 1981.
5. Die Frage der Sinnhaftigkeit und noch bestehenden Möglichkeiten zur Ahndung von NS-Verbrechen in Österreich.
In dieser Publikation werden damit erstmals die Majdanek-Prozesse in Polen, Deutschland und Österreich einem transnationalen Vergleich unterzogen und Parallelen, Unterschiede sowie Versäumnisse der strafrechtlichen Ahndung der Massenverbrechen in einem der größten nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager wissenschaftlich untersucht.



