Jürgen Nielsen-Sikora: Europa der Bürger? Anspruch und Wirklichkeit der europäischen Einigung – eine Spurensuche (presented by Jürgen Nielsen-Sikora)
Den Ausgangspunkt des Buches bildet die Gedankenwelt der Aufklärung als eine der das Denken und Handeln des europäischen Bürgertums im 19. und 20. Jahrhundert maßgeblich prägende Kraft. Ohne Frage war die Einigung der europäischen Nationalstaaten seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert immer auch eine Angelegenheit des europäischen Bürgertums gewesen. Entsprechende Überlegungen waren oftmals deutlich vom Denken Hugo Grotius' beeinflusst, dessen Europaverständnis sich freilich in dem Wunsch ausdrückte, die europäische Christenheit unter Berücksichtigung konziliarer Gesichtspunkte neu zu ordnen und die Funktionsfähigkeit des europäischen Staatensystems durch den Aufbau korporativer Strukturen sicherzustellen: Jean-Jacques Rousseau und David Hume konstatierten, dass das "vielgerühmte Gleichgewicht" in Europa von niemandem geschaffen, sondern nur zu erhalten sei. Immanuel Kant hingegen entwickelte das Konzept eines universalen Gleichgewichts der politischen Welt als mögliche und moralisch notwendige Vorstellung eines „ewigen Friedens“. Dass dieser Frieden letztlich ein europäischer Frieden sein würde, liegt in der Logik seiner Gedankenführung.
So gesehen sind auch die Friedensutopien des 18. Jahrhunderts Ausdruck eines Europabewusstseins, das die Staaten trotz der blutigen Kriege, die sie untereinander führten, als Mitglieder einer Völkergemeinschaft verstand, welche den in ihr lebenden Menschen Schutz und Prosperität bot. Doch lange Zeit hat die Forschung diesem Phänomen nur verhältnismäßig geringe Beachtung geschenkt. Es spielte in den 1950er und 1960er Jahren besonders in der deutschen, französischen und italienischen Historiographie eine gewisse Rolle, als es darum ging, den europäischen Integrationsprozess in Gang zu setzen. Angesichts vermeintlich oder tatsächlich bedeutenderer Probleme und Fragestellungen geriet es dann in Vergessenheit und wurde erst im Zuge der Diskussion über vermeintliche und tatsächliche Demokratiedefizite der Europäischen Gemeinschaft und Europäischen Union und der damit verbundenen Suche nach einer stärkeren Einbindung der europäischen Bürgerinnen und Bürger in den europäischen Integrationsprozess im ausgehenden 20. Jahrhundert wiederentdeckt.
In Bezug auf eine größere Bürgernähe stellt der Tindemans-Bericht von 1975 eine wichtige Wegmarke dar. Er bildet den Ausgangspunkt für eine Entwicklung, die zu einer rechtlichen Fixierung des "Europas der Bürger" geführt hat. Indem die Monographie diesen Bericht ins Zentrum der Überlegungen rückt und ihn in die Tradition der Schriften der Aufklärung stellt, behandelt sie ein politisch hoch aktuelles Thema. Es geht darin um einen aus historischer Perspektive verfassten Beitrag zur inhaltlichen Bestimmung dessen, was unter dem Diktum "Europa der Bürger" verstanden werden könnte. Denn Politik und Wirtschaft der europäischen Nationalstaaten, aber auch der Alltag der Bürgerinnen und Bürger werden immer stärker von Entscheidungen auf europäischer Ebene geprägt. Doch leidet Europa insbesondere nach dem Scheitern des Verfassungsvertrags im Jahr 2005 an einer Akzeptanzkrise, obwohl seit den 1970er Jahren verstärkt auf die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger eingegangen wird: Mittels Kompetenzerweiterungen des Europäischen Parlaments, durch die Schaffung symbolischer Identifikationsmöglichkeiten und den Wegfall der Schlagbäume sollte die Kluft zwischen den europäischen Institutionen und der Bürgergesellschaft verkleinert und ein "Europa der Bürger" geschaffen werden. Die Monographie spürt dieser Entwicklung nach und fragt, inwieweit wir heute tatsächlich von einem "Europa der Bürger" sprechen dürfen. Das Bürger-Projekt auf europäischer Ebene, wie es sich politisch erst seit 1974 zusehends herausgebildet hat, wird dabei in den Kontext der wechselvollen Geschichte Europas im 19. und 20. Jahrhundert gestellt.



