Wenke Richter: Die vier mitteldeutschen Universitäten in Leipzig, Wittenberg, Jena und Erfurt im Dreißigjährigen Krieg. Eine Frequenzanalyse
Aus Sicht der Bildungs- und Universitätsgeschichte sticht Mitteldeutschland in der Frühen Neuzeit auf besondere Art und Weise heraus. Es ist eine der wenigen Regionen Mitteleuropas, die mit vier Universitäten in Erfurt (gegründet 1392), Leipzig (1409), Wittenberg (1502) und Jena (1548/58) innerhalb eines begrenzten geographischen Raumes eine hohe Dichte von akademischen Bildungsinstitutionen aufweist. Ihre Gründungen beruhen überwiegend auf Konkurrenzsituationen. Es ist daher hinsichtlich der Konstitution von so genannten „Bildungslandschaften“ besonders interessant, wie Koexistenz und Konkurrenzsituationen die Entwicklung der einzelnen Hochschulen bedingten – erst recht unter den Bedingungen einer Krisenzeit, wie es der Dreißigjährige Krieg ganz zweifellos war.
Mittels einer Immatrikulationsanalyse wird in diesem Zeitschriftenbeitrag nicht nur erstmals die quantitative Entwicklung der vier mitteldeutschen Universitäten hinsichtlich ihrer Besucherfrequenz nachgegangen, sondern aus dem Vergleich Erkenntnisse und Rückschlüsse zum Zustand der jeweiligen Hochschule sowie zueinander während des Großen Krieges gezogen.
Folgende Erkenntnisse konnten zusammengefaßt aus der Untersuchung gewonnen werden: Anhand der Frequenzanalyse ist zu erkennen, dass der Dreißigjährige Krieg ohne Zweifel die Matrikeleinschreibungen der Universitäten im Reich stark beeinflusst hat, was hier am Beispiel der vier mitteldeutschen Universitäten gezeigt wurde. Sensibel reagierten Hochschulbesucher auf militärische Auseinandersetzungen oder Folgen des Krieges wie Seuchenzüge, Plünderungen und Verwüstungen. Die Hochschulen erlitten Einbußen – oftmals in unmittelbaren Zusammenhang mit Kriegsereignissen –, konnten sich aber nach Beendigungen von Kriegshandlungen zumeist rasch wieder erholen. Trotz der starken Eingebundenheit der mitteldeutschen Territorien und Städte in die militärischen Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges kam es nirgends zu einem völligen Zusammenbruch der Universitäten. Nach dem Ende des Krieges erlangten die bereits zuvor besucherstarken Hochschulen Leipzig und Wittenberg ihre alte Position zurück. Aufgrund ihrer katholischen Ausrichtung spielte die Universität Erfurt innerhalb der mitteldeutschen Bildungslandschaft eine ambivalente Rolle. Zu keiner Zeit war sie den lutherischen Hochschulen in Leipzig, Wittenberg oder Jena eine ernsthafte Konkurrenz, die ihrerseits jedoch – zumindest kurzfristig, etwa bei akuter Kriegsgefahr oder in Pestzeiten – durchaus als Ausweichuniversitäten solche Studenten an sich binden konnten, die unter normalen Bedingungen eher an die benachbarten Hochschulen gezogen wären. Insgesamt betrachtet, kam es jedoch während der gesamten Kriegszeit zu keiner grundlegenden Verschiebung im Gefüge der mitteldeutschen Universitätslandschaft.



