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    • Dokumenttyp
      Rezension (Monographie)
      Zeitschrift
      Jahrbücher für Geschichte Osteuropas / jgo.e-reviews
      Autor (Rezension)
      • Ackermann, Felix
      Sprache (Rezension)
      Deutsch
      Sprache (Monographie)
      Deutsch
      Autor (Monographie)
      • Quinkert, Babette
      Titel
      Propaganda und Terror in Weißrussland 1941-1944
      Untertitel
      Die deutsche "geistige Kriegführung" gegen Zivilbevölkerung und Partisanen
      Erscheinungsjahr
      2009
      Erscheinungsort
      Paderborn
      Verlag
      Schöningh
      Reihe
      Krieg in der Geschichte
      Reihennummer
      45
      Umfang
      420
      ISBN
      978-3-506-76596-3
      Thematische Klassifikation
      Militär- und Kriegsgeschichte, Politikgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte, Geschichte des Journalismus, der Medien und der Kommunikation
      Zeitliche Klassifikation
      20. Jahrhundert → 1940 - 1949
      Regionale Klassifikation
      Europa → Westeuropa → Deutschland, Europa → Osteuropa → Weißrussland
      Schlagwörter
      Weltkrieg <1939-1945>
      Wehrmacht
      Besatzungspolitik
      Propaganda
      Partisanen
      Landbevölkerung
      recensio.net-ID
      4daacb15b476dbc486fb88e660c732c0
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Babette Quinkert: Propaganda und Terror in Weißrussland 1941-1944. Die deutsche "geistige Kriegführung" gegen Zivilbevölkerung und Partisanen (rezensiert von Felix Ackermann)

erstellt von Elena Usinger zuletzt verändert: 07.07.2013 18:45

Ausgabe: jgo.e-reviews 2011, 3

 

Verfasst von: Felix Ackermann

 

Babette Quinkert: Propaganda und Terror in Weißrussland 1941–1944. Die deutsche „geistige“ Kriegsführung gegen Zivilbevölkerung und Partisanen. Paderborn: Schöningh, 2009. 420 S., 2 Ktn., Tab. = Krieg in der Geschichte, 45. ISBN: 978-3-506-76596-3.

 

Babette Quinkerts untersucht in ihrer Dissertationsschrift den Zusammenhang von Terror und Propaganda im deutschen Krieg gegen die Sowjetunion am Beispiel der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Anhand von deutschem Quellenmaterial zeigt sie minutiös, wie in den verschiedenen Phasen des Krieges Propaganda als Mittel des Krieges zum Einsatz kam.

Im ersten Kapitel über die Voraussetzungen der „geistigen Kriegsführung“ schildert die Autorin Entwicklungslinien der Planung als Reaktion auf die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs. Es folgt ein Kapitel über Strukturen und Medien der Propaganda, in dem sie die Wehrmacht als Akteur deutlich herausarbeitet. Im empirisch wichtigsten dritten Teil der Arbeit analysiert Quinkert die einzelnen Phasen der deutschen Propaganda in Weißrussland. Dabei beschreibt sie zunächst das Scheitern der deutschen Pläne  für einen schnellen Sieg im Zuge des „Unternehmens Barbarossa“. Nur langsam erfolgte danach die Orientierung auf einen langen Krieg zwischen August 1941 und Anfang des Jahres 1942. Erst dann wurde eine auf große Kampagnen angelegte „Propaganda der Tat“ entwickelt, die versuchte, die Probleme der Bevölkerung mit den Zielen der Besatzer stärker zu verbinden. Die Autorin erarbeitet Neuland, indem sie ausführlich deutsche Operationen zur „Vergrößerung des Hoflandes“, zur Errichtung einer „Neuen Agrarordnung“ sowie zur Einführung einer „Kriegsabgabe“ beschreibt. Doch gerade die im Laufe des Jahres 1942 akut werdende „Bandenbekämpfung“ sowie Bemühungen zu einer verstärkten „Ostarbeiterwerbung“ zeigen, dass die militärische Konfrontationsstrategie und die wirtschaftliche Ausbeutung der Region zu diesem Zeitpunkt kaum mehr glaubwürdig mit den Interessen weiter Teile der Bevölkerung zu vereinbaren waren.

Ab 1943 folgte demnach der Versuch einer Mobilisierung des „Neuen Europas“ gegen die Bol’ševiki: Dieser Kurswechsel verschaffte mit seinen „Hilfswilligen-Aktionen“ und anderen Angeboten einer „gleichberechtigten Partnerschaft“ das Intermezzo einer scheinbaren „nationalen Wiedergeburt Weißrutheniens“. Die Autorin beschreibt die deutsche Gräuelpropaganda gegen Bol’ševiki und Partisanen sowie letzte Versuche, um durch eine inszenierte Reprivatisierung von Bauernland und durch Wehrdorfprojekte wenigstens einen Teil der Bevölkerung trotz der nahenden Front auf die deutsche Seite zu ziehen.

Damit hat Babette Quinkert, inspiriert von der Arbeit von Christian Gerlach, wertvolle Quellenarbeit geleistet. (Christian Gerlach: Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941–1944. Hamburg 2000.) Die Autorin distanziert sich in ihrer Analyse von der älteren Forschungsliteratur, welche die Akteure der „geistigen Kriegsführung“ als lediglich Ausführende entlastete. Sie zeigt im Gegenzug, wie diese ebenfalls aktiv zur Radikalisierung der deutschen Besatzungspolitik beitrugen. Dabei betont sie, dass Terror etwa durch Hunger oder flächendeckende Zerstörung ziviler städtischer Strukturen als reguläres Mittel zur Zermürbung des Feindes bereits Jahre vor Kriegsbeginn als theoretische Optionen fixiert worden war. Dabei kam aber auch die Angst vor den politischen Offizieren der Roten Armee sowie dem Einsatz von Zivilisten in der Kriegsführung zum Tragen. Quinkert zeigt, dass die deutschen Planer davon ausgingen, dass die sowjetische Gesellschaft instabil sei. Sie werde allein durch Propaganda und Terror zusammengehalten und sei entsprechend leicht zu destabilisieren. Daraus resultierten bereits seit Mitte der dreißiger Jahren Planungen, Antisemitismus und Antikommunismus gezielt zur Destabilisierung lokaler Gesellschaften einzusetzen. Gerade dort, wo viele Juden lebten, sollten die örtlichen Antisemiten und Antibolschewisten selbst zur Anwendung von Gewalt animiert werden. Zwar rekonstruiert Quinkert diese Strategie minutiös. Durch ihren Fokus auf die Wurzeln der Propaganda nimmt sie aber nur wenig Bezug auf das Ergebnis, das gerade für ethnisch vorwiegend weißrussisch besiedelte Territorien zeigt, dass es nur in sehr wenigen Fällen zu Ausschreitungen der lokalen Bevölkerung kam. So ist der Plan, mit tatsächlichen Morden eine Kettenreaktion auszulösen, trotz lokaler Ausschreitungen nicht überall aufgegangen. Warum dies so war, erfährt der Leser in der vorliegenden Arbeit nicht.

Die Stärke von Quinkerts Studie liegt in der Analyse der deutschen Akteure, etwa des Reichsministers für die besetzen Ostgebiete Alfred Rosenberg. Dessen Planungen bewirkten, dass nach dem Überfall auf die Sowjetunion zunächst nicht mit deren „Zerschlagung“ und der Schaffung von Rumpfstaaten gedroht wurde, um die Sympathien von Teilen der Roten Armee und der lokalen russischen Bevölkerung nicht zu verspielen. Nach dem militärischen Sieg sollte diese Perspektive Anwendung finden, um insbesondere die nichtrussische Bevölkerung im Baltikum, in Weißrussland und in der Ukraine für die Sieger zu gewinnen. Bei der Unterscheidung zwischen Russen und Nichtrussen galten die Weißrussen allgemein als tendenziell deutschfreundlich. Das war für die deutschen Dienststellen ein wichtiger Ansatzpunkt – so betrachtete man in Weißrussland gerade die Landbevölkerung als potentiell kooperierende Besetzte. Zur dauerhaften Schwächung Russlands war demnach vorgesehen, eine nationale weißrussische Elite zu fördern, auf die sich die deutsche Herrschaft in der Region zwischen Russland und Polen würde stützen können.

Der schwache Punkt in der Anlage dieser Arbeit ist die alleinige Fokussierung auf deutsche Quellen. Dadurch wird es nicht möglich, die Wirkung der Propaganda zu untersuchen. Damit verpasst Quinkert, die auf dem weißrussischen Territorium angewandte Propaganda in Bezug auf neuere Forschungsansätze nach kommunikativen Strategien sowie nach der Interaktion mit der Zielgruppe zu befragen. (Vgl. hierzu Thymian Bussemer: Propaganda. Konzepte und Theorien. Wiesbaden 2005.) Zwar verweist die Autorin auf die Stimmungsberichte der Einsatzkommandos und die Informationen von Vertrauensleuten; sie stellt deren Aussagekraft aber selbst in Frage. So kommt sie zum Schluss, dass die vorhandenen Quellen keine wissenschaftlich fundierten Aussagen über die Wirkung der Propaganda zuließen (S. 20). Doch schon die Lageberichte des NKVD enthalten wichtige Anhaltspunkte, um die Wahrnehmung der „Stimmung in der Bevölkerung“ von deutscher und sowjetischer Seite in ein Verhältnis zueinander zu setzen. Selbst die lückenhafte Dokumentation des Verhaltens  weißrussischer Kollaborateure ließe sich daraufhin durchsehen, ob diese in ihren Gesuchen und Plänen direkten Bezug auf die deutsche Kommunikationsmaschinerie nahmen. Ebenso müssten die propagandistischen Bemühungen der Gegenseite darauf überprüft werden, ob sich zumindest in Ansätzen eine „Beziehungsgeschichte“ deutscher und sowjetischer Bemühungen um die lokale Bevölkerung schreiben ließe. Da die Autorin dies nicht einmal versucht hat, schöpft sie die akribisch zusammengetragenen Quellen interpretatorisch nicht voll aus. Aber die von ihr systematisch beschriebene Entwicklung in den besetzten weißrussischen Gebieten bietet eine gute Grundlage, um in folgenden Arbeiten diesen Schritt zu gehen. Dabei könnte Propaganda noch stärker in eine breitere kulturwissenschaftliche Betrachtung von Information und Kommunikation als den zentralen Aspekten der Wirklichkeitskonstitution in Kriegssituationen eingebettet werden.