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    • Dokumenttyp
      Rezension (Monographie)
      Zeitschrift
      Jahrbücher für Geschichte Osteuropas / jgo.e-reviews
      Autor (Rezension)
      • Ackermann, Felix
      Sprache (Rezension)
      Deutsch
      Sprache (Monographie)
      Deutsch
      Autor (Monographie)
      • Brakel, Alexander
      Titel
      Unter Rotem Stern und Hakenkreuz. Baranowicze 1939 bis 1944
      Untertitel
      Das westliche Weißrussland unter sowjetischer und deutscher Besatzung
      Erscheinungsjahr
      2009
      Erscheinungsort
      Paderborn
      Verlag
      Schöningh
      Reihe
      Zeitalter der Weltkriege
      Reihennummer
      5
      Umfang
      XII, 426
      ISBN
      978-3-506-76784-4
      Thematische Klassifikation
      Jüdische Geschichte, Militär- und Kriegsgeschichte, Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
      Zeitliche Klassifikation
      20. Jahrhundert → 1930 - 1939, 20. Jahrhundert → 1940 - 1949
      Regionale Klassifikation
      Europa → Osteuropa → Weißrussland
      Schlagwörter
      Baranowitschi
      Geschichte 1939-1944
      Besetzung
      Sowjetunion
      Wehrmacht
      recensio.net-ID
      963189f02c18f4634342217372a760c2
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Alexander Brakel: Unter Rotem Stern und Hakenkreuz. Baranowicze 1939 bis 1944. Das westliche Weißrussland unter sowjetischer und deutscher Besatzung (rezensiert von Felix Ackermann)

erstellt von Elena Usinger zuletzt verändert: 15.12.2015 12:58

Ausgabe: jgo.e-reviews 2011, 3

 

Verfasst von: Felix Ackermann

 

Alexander Brakel: Unter Rotem Stern und Hakenkreuz. Baranowicze 1939 bis 1944. Das westliche Weißrussland unter sowjetischer und deutscher Besatzung. Paderborn: Schöningh, 2009. XII, 426 S., 19 Abb. = Zeitalter der Weltkriege, 5. ISBN: 978-3-506-76784-4.


Alexander Brakel legte 2009 im Ferdinand Schöningh Verlag eine exemplarische Studie zur doppelten Besatzung des Ostens der Polnischen Republik vor. In der überarbeiteten Fassung seiner 2006 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz verteidigten Dissertation über die Stadt Baranowicze und ihr Umland bringt er zwei bisher voneinander nur getrennt existierende Forschungsfelder zusammen und analysiert sie in vergleichender Perspektive. Dieses Verdienst kann nicht genug gewürdigt werden, da eine Arbeitsteilung insbesondere zwischen deutschen und polnischen Historikern dazu führte, dass auf der einen Seite Sowjetisierung und auf der anderen Seite deutsche Kriegsführung als weitgehend von einander losgelöste Vorgänge untersucht wurden. Brakel hat mit seiner Studie gerade für Weißrussland Neuland betreten, weil er die sowjetische Besatzung vom September 1939 bis Juni 1941 systematisch in seine Betrachtung einbezieht und dafür eine Vielzahl polnischer, israelischer und sowjetischer Quellen erschloss und diese in den Zusammenhang mit dem Forschungsstand zur deutschen Besatzung vom Juni 1941 bis zum Juli 1944 bringt.

Der so gewonnene Ertrag liegt in der Rekonstruktion der großen Linien sowjetischer und deutscher Besatzungspolitik in einem konkreten Gebiet. Zwar wird die Stadt Baranowicze kaum plastisch erkennbar, da die Unterschiede zwischen ihr und dem Umland in der Analyse weitgehend vernachlässigt werden. Aber Brakel kann an ihrem Beispiel zeigen, dass auf lokaler Ebene die deutsche Wirtschaftspolitik gerade durch die Verstetigung der vorangegangenen sowjetischen Enteignungen Bezug auf sowjetische Aneignungsstrategien nahm. Auch zeigt er für Baranowicze das enge Geflecht an Zusammenhängen zwischen der Ausbeutung der jüdischen Bevölkerung und ihrer Ermordung. Ebenso gelingt es ihm, die Bedeutung der Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung für beide Besatzungsregime zu unterstreichen. Er zeigt, dass es in beiden Fällen keinen umfassenden kollektiven Widerstand gab. Dieser regte sich im Fall der deutschen Besatzung erst nach und nach mit einer sich verschlechternden Lage, unter dem Druck des erst im Laufe des Jahres 1942 einsetzenden und 1943 intensivierten Partisanenkriegs sowie im Zuge der sich ändernden Situation an der Front. Geradezu minutiös stellt Brakel die Rolle des einheimischen Verwaltungspersonals bei der Administration der besetzten Gebiete dar. Er verweist auf dessen mehrfachen personellen Austausch unter sowjetischer und dann unter deutscher Herrschaft, der aufgrund der nationalen Zuschreibung dieses Personals Konflikte zu gene-rierte. So wurde „den Juden“ 1939 von polnischer Seite pauschal vorgeworfen, die sowjetische Herrschaft zu stützen. Ebenso wurden im Laufe der nationalsozialistischen Besatzung weißrussische Stimmen laut, die eine vermeintliche polnische Dominanz in der lokalen Verwaltung monierten. Brakel verzeichnet zudem alle Formen weißrussisch konnotierter Kollaboration im Wechselspiel zwischen einer vermeintlichen Förderung nationaler Aspirationen und der de-facto-Ausnutzung der politischen Ziele nationalistischer Aktivisten. Brakel zeigt, dass sich diese Ziele kurzfristig nicht erreichen ließen, weil eine nationale Erweckung der ethnischen Zielgruppe misslang.

Bei der Betrachtung der deutschen Nationalitätenpolitik gegenüber der christlichen Bevölkerung benennt Brakel im Einzelnen Gründe für die ausbleibende Stärkung weißrussischer nationaler Aspirationen: Dazu gehören die geringe Verbreitung der normierten Sprache, ein Mangel an ausgebildeten Fachkräften sowie die geistige Ferne sowohl der Bol’ševiki als auch der „weißruthenischen“ Kollaborateure von der Masse der als weißrussisch verstandenen Bevölkerung. Auch zeigt Brakel überzeugend, dass es trotz wachsender Spannungen auf lokaler Ebene kaum zur Freisetzung von ethnisch motivierter Gewalt kam.

Brakel kann zeigen, dass der Anteil an jüdischen Kadern in sowjetischen Strukturen anders als in der Wahrnehmung der polnischen Bevölkerung nicht unverhältnismäßig hoch war. Dabei greift er auf sowjetische Statistiken und die dort vermerkte „Nationalität“ zurück. Mit der direkten Interpretation dieser Kategorie als nationale Zugehörigkeit geht aber ein historiographisches Problem einher, vor dem alle Kollegen stehen, die nach siebzig Jahren versuchen, sogenannte ethnische Beziehungen in Zeiten des Krieges zu rekonstruieren. So nimmt Brakel die dort angegebenen Zahlen für bare Münze, ohne darauf hinzuweisen, dass es sich um administrative Zuschreibungen handelt, die nicht mit dem Selbstbild der Betroffenen übereinstimmen mussten. Auch übergeht er bei diesem Vorgehen ein Charakteristikum der Region, das in der Überlagerung und Mehrdeutigkeit von religiösen, sprachlichen, ethnischen und lokalen Identitäten lag. Zwar weist Brakel darauf hin, dass der Grad der Nationalisierung von ethnischen Identitäten in der Region gerade bei der russisch-orthodoxen Bevölkerung Mitte des 20. Jahrhunderts noch gering gewesen sei. (S. 93) Dennoch analysiert er die lokale Gesellschaft nach den scheinbar strikt voneinander getrennten Gruppen Juden, Polen und Weißrussen. Das führt dazu, dass er multiple und im Fluss befindliche ethnische Identitäten in seiner Analyse ausschließt. Ebenso berücksichtigt er den situativen Charakter dieser Selbstbilder nicht, indem er behauptet, Anträge auf Wechsel zur weißrussischen „Nationalität“ seien in den Fällen „entlarvend, in denen die Anträge selbst auf Polnisch oder Russisch verfasst waren“. (S. 142) So verschenkt Brakel ein zentrales Argument, um zu erklären, warum es auf lokaler Ebene so wenige ethnisch motivierte Konflikte gab. Brakel stößt also mit seiner Vorstellung, die Bevölkerung bestehe aus „Angehörigen der unterschiedlichen Nationalitäten“, an Grenzen. Obwohl er selbst das starke Fortwirken lokaler Identitäten etwa bei der Selbstbeschreibung der Bauern der Region als „Hiesige“ vermerkt, betrachtet er alle russisch-orthodoxen Bauern im Rückblick pauschal als Weißrussen in einem nationalen Sinne (S. 41). Zwar kritisiert er das Argumentationsmuster derjenigen polnischen Kollegen, welche „Gesellschaft“ allein als Interaktion strikt voneinander getrennter nationaler Gruppen verstehen. Indem er die von ihnen aufgeworfenen Fragen nach einer „jüdischen Kollaboration“ (S. 78) oder einem polnisch-weißrussischen Konflikt aufgreift und bei der Argumentation vor allem auf die Dokumentation der Besatzer zurückgreift, beteiligt er sich selbst an der rückwirkenden Konstruktion dieser Gruppen als Nationalitäten. So konstatiert Brakel zunächst Konflikte zwischen Weißrussen und Polen, die eher auf soziale Spannungen zurückgingen, um dann zu dem Schluss zu kommen, dass sie doch entlang nationaler Linien verliefen (S. 143). Weiterhin vermerkt er, ein „mangelndes nationales Verständnis der Bewohner des Gebietskommissariats Baranowicze“ zeige sich „etwa an den hilflosen Versuchen vieler Polen, ihren Wunsch nach Wechsel der Nationalität zu begründen“ (S. 142), zumal viele dieser Anträge auf Polnisch oder Russisch geschrieben waren. Brakel blendet in der Analyse aber systematisch die Präsenz der Besatzer aus, die sich selbst nationaler Kategorien bedienten, um sich eine Orientierung in einer ihnen fremden Region zu ermöglichen. So schufen sowohl die sowjetischen als auch die deutschen Besatzer selbst immer wieder Situationen, in denen ‚Nationalität‘ zu einem entscheidenden Kriterium wurde. Dass sich die Bevölkerung daran je nach Situation anzupassen suchte, ist kein Widerspruch, sondern bestätigt allein, dass diese Identitäten situativ und veränderlich waren. Im Kern bleibt für die Überprüfung von Brakels Thesen das zentrale Problem das der Quellen: Ohne eine große Dichte an weiteren Selbstzeugnissen ist nicht zu rekonstruieren, welche Identität die Antragsteller hatten und in welchem Grad sie national bestimmt war. In diesem Sinne lassen sich weder angebliche Weißrussen noch Polen demaskieren. Für die Erklärung, warum trotz der Widersprüchlichkeit von lokalen, ethnischen, religiösen und nationalen Identitäten in durch die Radikalisierung des Krieges geschaffenen Situationen immer wieder gerade nationale Kategorien wirkungsmächtig wurden, hat die Arbeit zu Baranowicze wertvolles Material zusammengetragen und verdichtet. In seiner Interpretation bedarf es aber einer genaueren kulturwissenschaftlichen Definition, was mit „nationaler Minderheit“, „Nationalität“, „nationalem Hass“ sowie „indigener Kultur“ gemeint ist.