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  • Metadaten

    • Dokumenttyp
      Präsentation (Monographie)
      Autor (Präsentation)
      • Heinen, Armin
      Sprache (Monographie)
      Deutsch
      Autor (Monographie)
      • Heinen, Armin
      Titel
      Rumänien, der Holocaust und die Logik der Gewalt
      Erscheinungsjahr
      2007
      Erscheinungsort
      München
      Verlag
      Oldenbourg
      Reihe
      Südosteuropäische Arbeiten
      Reihennummer
      135
      Umfang
      208
      ISBN
      978-3-486-58348-9
      Thematische Klassifikation
      Jüdische Geschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
      Zeitliche Klassifikation
      20. Jahrhundert → 1940 - 1949
      Regionale Klassifikation
      Europa → Osteuropa → Rumänien
      Schlagwörter
      Judenvernichtung
      recensio.net-ID
      9df52d36433f162a69fa8fb67434b359
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      Print-Rezension/en zum präsentierten Werk
      Osteuropa, 59 (2009), H. 5, S. 133-135
      Spiegelungen - Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, 58 (2009), H. 3-4
      Tijdschrift voor Geschiedenis, 131 (2008), S. 507-508
      Slavic Review, 68 (2009), H. 2
      Südosteuropa Mitteilungen, 49 (2009), S. 108-110
      Zeitschrift für Siebenbürgische Landeskunde, 32 (103), S. 107-109
      Hintergrund. Zeitschrift für kritische Gesellschaftstheorie und Politik, 21, H. 4; S. 53-61
      HZ, 288 (2009), S. 825-827
      Balkanica, 24 (2010), S. 283-288
      Süddeutsche Zeitung, 18.3.2008, S. 10
      Einsicht. Bulletin des Fritz-Bauer-Instituts, 1 (200), S. 30-31

Armin Heinen: Rumänien, der Holocaust und die Logik der Gewalt (präsentiert von Armin Heinen)

Inhaltsverzeichnis anzeigen

Als rumänisches Genozid, als Shoah ohne deutsche Beteiligung ist das Morden zwischen Pruth und But bezeichnet worden. Richtig dabei ist, dass die Mehrzahl der Täter aus den rumänischen Provinzen stammte, dass die Gewaltverbrecher nicht zum Morden genötigt werden mussten und dass sie Grausamkeiten begingen, die die deutschen Schächer für unehrenhaft hielten. Als Bukarest es aus innen- und außenpolitischen Gründen für nützlich erachtete, sich dem Gewalthandeln zu widersetzen, hörte das Morden auf – auch gegen den expliziten Wunsch Berlins. 2003 schätzte die vom rumänischen Präsidenten eingesetzte Kommission zur Untersuchung des Holocausts die Zahl der Opfer im rumänischen Herrschaftsbereich auf etwa 330.000 Menschen jüdischen Glaubens sowie 11.000 Roma.

Bis heute beruht das Wissen über den rumänischen Teil des Holocaustgeschehens im Wesentlichen auf den Schilderungen Raul Hilbergs. Er trug zusammen, was bis 1961/1989 verfügbar war. Seither sind zahlreiche Quellen in rumänischen, moldauischen und ukrainischen Archiven für die Forschung einzusehen; viele von ihnen wurden in rumänischsprachigen Dokumentensammlungen veröffentlicht. Die Überlebenden des Holocausts haben ihre Erinnerungen aufgeschrieben. Auch das trägt zum Bild bei. Auf dieser Basis haben jüngst Jean Ancel, Andrej Angrick, Lya Benjamin, Denis Deletant, Radu Ioanid und andere den Ereignisablauf ausführlich geschildert.

Der Band beschränkt daher die faktische Darstellung auf das Notwendige. Im Zentrum steht der Versuch, das Geschehene aus der Kenntnis des gedruckten Quellenmaterials in Hinblick auf die neuere Holocaust- und Genozidforschung zu interpretieren. Der Mord an den Juden und Roma im rumänischen Herrschaftsbereich – so die Ausgangsbeobachtung – hatte viele Täter. Als „entangled history“ ist das Geschehen zu analysieren und als Vergleichsgeschichte von deutschem und rumänischem Gewalthandeln.

In weitgefasster Anlehnung an Bourdieu werden fünf Handlungsfelder gewaltorientierten Handelns unterschieden: diktatoriale Gewalt, faschistische Gewalt, militärische Gewalt, Polizeigewalt und kollektive Gewalt. Jede dieser Gewaltformen war in unterschiedlicher Weise mit dem Antisemitismus der Vorkriegsjahre verbunden, jede stand in einem anderen Zusammenhang mit den deutschen Tötungsaktionen. Die Orte der Gewalt variierten, von Südsiebenbürgen über die Walachei und die Moldau bis zur Bukowina, Bessarabien und Transnistrien. Die zeitliche Dynamik des Gewalthandelns resultierte aus der jeweiligen sozialen Logik des Feldes. Schließlich variierte auch die Sprache der Gewalt, sowohl in Hinblick auf die physische Anwendung als auch in Hinsicht der symbolischen Aufladung.

Die Juden des Altreiches wurden wirtschaftlich ausgebeutet und an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Doch die meisten von ihnen überlebten. Die Juden der Bukowina hatten weniger Durchkommens-Chancen, konnten aber ihr Durchhalten zumindest ansatzweise solidarisch organisieren. Die Juden Bessarabiens und vor allem Transnistriens kamen nie über die Rolle der verachteten, lästigen, im Ergebnis zum Tode verdammten Objekte der Verwaltung hinaus. Sie vor allem starben im ersten Kriegsjahr gegen die Sowjetunion. Nach Kriegsende blieb ihr Schicksal außerhalb der rumänischen Erfahrungsräume. Das erklärt zum Teil, warum der rumänische Holocaust so lange kaum diskutiert wurde.

Für die Holocaustforschung zeigt der rumänische Fall, dass jede Erklärung zu kurz greift, die den gesamteuropäischen Kontext ausblendet, die Vielfalt der Täter verschweigt, die unterschiedlichen Logiken der sozialen Handlungsfelder unerklärt lässt, alle Tatorte gleichbehandelt. Mehr als bisher muss der Blick auch den konkreten Gewaltformen und den sie einschließenden symbolischen Entäußerungen gelten. Insofern handelt der Band nicht nur von Rumänien, sondern auch davon, welche Erklärungskraft die neuere, sozial- und kulturgeschichtlich orientierte Holocaustforschung hat.

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