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    • Document type
      Presentation (monograph)
      Author (Presentation)
      • recensio.net
      Language (Presentation)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch
      Author (Monograph)
      • Becker, Nikola
      Title
      Bürgerliche Lebenswelt und Politik in München
      Subtitle
      Autobiographien über das Fin de Siècle, den Ersten Weltkrieg und die Weimarer Republik
      Year of publication
      2014
      Place of publication
      Kallmünz
      Publisher
      Laßleben
      Series
      Münchener historische Studien : Abteilung Bayerische Geschichte
      Series (vol.)
      22
      Number of pages
      X, 676
      ISBN
      978-3-7847-3122-3
      Subject classification
      Political History, Social and Cultural History
      Time classification
      Modern age until 1900 → 19th century, 20th century → 1900 - 1919, 20th century → 1920 - 1929, 20th century → 1930 - 1939
      Regional classification
      Europe → Western Europe → Germany
      Subject headings
      Autobiographie
      Bürgertum
      Geschichte 1886-1933
      München
      Politik
      recensio-ID
      e385bb2d9c3b4faf8beda078dddc3e7d
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Nikola Becker: Bürgerliche Lebenswelt und Politik in München. Autobiographien über das Fin de Siècle, den Ersten Weltkrieg und die Weimarer Republik (presented by recensio.net)

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Lektürekommentar(e) zu

Nikola Becker: Bürgerliche Lebenswelt und Politik in München. Autobiographien über das Fin de Siècle, den Ersten Weltkrieg und die Weimarer Republik. Kallmünz: Laßleben 2014.

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Martin_Renghart says:
Mar 11, 2015 01:13 PM

Marc von Knorring, Die Wilhelminische Zeit in der Diskussion. Autobiographische Epochencharakterisierungen 1918-1939 und ihr zeitgenössischer Kontext, Stuttgart 2014.

Nikola Becker, Bürgerliche Lebenswelt und Politik in München. Autobiographien über das Fin de Siècle, den Ersten Weltkrieg und die Weimarer Republik, Kallmünz 2014.

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Gleich zwei wissenschaftliche Arbeiten wurden 2014 veröffentlicht, die Neuland auf dem Gebiet der autobiographischen Forschung betreten: Die 2013 an der Universität Passau eingereichte Habilitationsschrift „Die Wilhelminische Zeit in der Diskussion“ von Marc von Knorring sowie die bereits 2010 an der Ludwig-Maximilians-Universität München eingereichte Dissertation „Bürgerliche Lebenswelt und Politik in München“ von Nikola Becker. Beide wollen mithilfe eines Korpus von Autobiographien das Zeitalter des Wilhelminismus bzw. der Weimarer Republik untersuchen.

Knorring hat hierzu etwa 140 Autobiographien ausgewählt, deren Autoren sämtlich das Kaiserreich aus eigener Erfahrung bewerten und zwischen 1918 und 1939 entstanden sind. Beckers Korpus umfasst ca. 100 Autobiographien von Persönlichkeiten, die im Zeitraum von 1918 bis 1933 in München gelebt haben. Aufgrund der unterschiedlichen Auswahlkriterien kommt es bis auf Kurt Martens, der in beiden Arbeiten vertreten ist, zu keinen Überschneidungen. Denn Knorring beschränkt sich auf Personen, die das „Wilhelminische Zeitalter“ als Epoche begreifen, und damit von vornherein weitgehend auf Personen des Bildungsbürgertums (Knorring, 40; 46), Becker stellt als Anforderung nur, dass sich die Autobiographien nicht ausschließlich auf das Privatleben beschränken (Becker, 6), und schränkt auch die Entstehungszeit der Autobiographien nicht ein. Dies hat zur Folge, dass für Knorring das Entstehungsjahr der Autobiographien nur von untergeordneter Bedeutung für ihre Beurteilung ist (Knorring, 189-193), während dies für Beckers Arbeit nicht gilt.

Knorring hat einen etwas ambitionierteren Ansatz gewählt: Wenngleich er von der Existenz unterschiedlicher Lager ausgeht, sammelt er zunächst sachthematisch die Aussagen der Autobiographien über die im Wilhelminischen Reich herrschenden politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse. Anschließend untersucht er analog historiographische bzw. populärhistorische und publizistische Werke aus derselben Entstehungszeit. Dabei ergibt sich ein ähnliches, wenn auch weniger differenziertes Bild der Epoche. In einem dritten Schritt teilt er dann die Autobiographen anhand seiner bisherigen Ergebnisse in „Deutungsgruppen“ bzw. „Deutungskreise“ ein, die gleiche „Deutungsmuster“ verwenden, um schließlich diese Deutungsgruppen nach gemeinsamen Merkmalen wie Alter, Beruf, Gesellschaftsschicht, Konfession, Geschlecht usw. zu befragen. Den größten Einfluss auf die Deutung der Epoche scheint dabei der Beruf zu haben (Knorring, 310).

Becker dagegen geht von Anfang an von der Existenz bestimmter weltanschaulicher Positionierungen bzw. Lager aus, in denen sich ihre Akteure während der Untersuchungszeit bewegen. Für die Zuordnung entscheidend ist dabei ihre Haltung zu Krieg und Revolution, und entsprechend werden die in den drei Lagern verbreiteten Deutungsmuster dieser Ereignisse und ihrer Folgen nacheinander entwickelt.

Aufgrund der Bedeutung dieser Ereignisse für die Autobiographen erscheint diese Vorgehensweise zwar nachvollziehbar; durch die Beschränkung auf vornehmlich politische Deutungsmuster geraten andere für die „bürgerlichen Lebenswelten“ konstitutive Diskurse aber nur wenig in den Blick, und doch hätten sie, wie der Abschnitt über das „Münchenbild“ zeigt, für eine gewisse Auflockerung sorgen können.
Beiden Abhandlungen ist schließlich ein biographisches Glossar der behandelten Autoren angehängt, das bei Becker auch zusätzliche Informationen zu den Autobiographien enthält.

Während das in München spürbare Gefühl der „Verzweiflung“ über die Weimarer Zeit (Becker, 589) einem bekannten nationalen Deutungsmuster entspricht,( ) das je nach Lager verschiedene Ausprägungen erfahren kann, erstaunt im Ergebnis vor allem die unterschiedliche Beurteilung des wilhelminischen Zeitalters: Hier kommt Knorring zu dem Ergebnis, die meisten Autobiographien und Memoiren wie auch die historischen Werke zeichneten „ein düsteres Bild des untergegangenen Zeitalters“ (Knorring, 312), andererseits erkannten viele, vor allem konservative Münchner, darin eine „goldene Epoche“ im Vergleich zum Nachkriegsmünchen, das eine „negative Gegenfolie“ gebildet habe (Becker, 529). Dieser Unterschied liegt zunächst sicher an den unterschiedlichen Lebensmittelpunkten – auch bei Knorring erscheint der süddeutsche Raum und insbesondere München in einem besseren Licht als Preußen bzw. Berlin (Knorring , 178f.) – andererseits sind auch Beckers Autoren zum großen Teil gebürtige Nichtbayern. Zweitens spielt die überwiegend bildungsbürgerliche Herkunft der Autoren eine Rolle, von denen nur die Hälfte überhaupt auf die dynamische wirtschaftliche Entwicklung des Kaiserreichs eingegangen ist (Knorring, 122). Nicht wenigen von ihnen erscheint diese Entwicklung sogar negativ, sei die Orientierung am wirtschaftlichen Erfolg doch „ein Zeichen inneren Verfalls“ (Knorring, 155) gewesen.

Demgegenüber nehmen Beckers Autobiographen, die oft wenig reflektiert und manchmal auch widersprüchlich argumentieren, aufgrund ihrer Schichtenzugehörigkeit die Wilhelminische Zeit überhaupt nicht als eigene Epoche wahr, sondern sprechen meist nur vom „Kaiserreich“, „Bismarckreich“ oder einfach der „Vorkriegszeit“. Auch wenn der „Byzantinismus“ und „Bureaukratenstaat“ (Becker, 117f.) unter Kaiser Wilhelm gelegentlich kritisiert, aber zum Teil eben bereits auf Bismarck zurückgeführt wird, ist von allgemeinen Krisenerscheinungen wie bei Knorring nirgendwo die Rede. In der Tat sieht unter den Münchner Autobiographen nur der Psychiater Oswald Bumke das Kaiserreich ausgesprochen kritisch, wenn er die „Entseelung der Welt durch die Maschine“, die „ungeheuere Überschätzung der äußeren Güter des Lebens“ sowie „politische Maßlosigkeit“ beklagt. (Becker, 531) Vor allem aber waren Beckers Autobiographen im Durchschnitt etwa 25 Jahre jünger als bei Knorring und häufig im wilhelminischen Zeitalter sozialisiert worden. Für sie erschien die Zeit vor 1914 im Gegensatz zur Nachkriegszeit als „goldenes Zeitalter.“ Knorrings Autoren dagegen waren überwiegend in der Bismarckzeit sozialisiert worden und erlebten den Wilhelminismus als Niedergang, wenn nicht gar als Perversion der gründerzeitlichen Kultur.

Es scheint also so, dass die von Knorring hinterfragte Bedeutung der Generationen bzw. Alterskohorten (Knorring, 42) doch nicht unerheblich ist.

Beide Untersuchungen weisen, trotz ihrer guten Verständlichkeit, aus Sicht des Lesers aber auch einige ähnliche Defizite auf: Sie betrachten die Autobiographien vor allem als Steinbruch historischer Bewertungen und Meinungen, als „Faktenlieferanten“ (Becker, 20) ohne die eigentliche Funktion einer Autobiographie als Erzählung und Vermächtnis zu würdigen. Lediglich Becker macht in der Einleitung Angaben zum Quellenwert von Autobiographien und nennt im Glossar die persönlichen Motivationen einiger Autoren.

Zu fragen gewesen wäre hier etwa nach dem Zusammenhang zwischen dem Epochenbild und dem persönlichen Erleben der Autobiographen und auch nach der Handlungsführung der Autobiographien.

Zwar geht vor allem Becker in den 30.000 Seiten an gelesenen biographischen Texten (Becker, 5) gelegentlich auch auf persönliche Erlebnisse und Prägungen der Betreffenden ein, dies jedoch nicht in systematischer Form. Beiden Arbeiten hätte eine weitere Einbeziehung der Sozialisierung der betreffenden Personen wie auch ihr Erleben der Epochenumbrüche (also 1888/90, 1918/20, 1933) vermutlich gutgetan. Vielleicht hätte Knorring so auch die Bewertung des Wilhelminismus, den er selbst als Epochenbegriff nicht weiter diskutiert, aus dem Geist der Gründerzeit heraus verständlicher machen können. Schließlich kommt auch die Frage nach einer gemeinsamen europäischen Kultur bzw. Identität, wie sie aus heutiger Sicht vor 1914 bestanden hat, in beiden Arbeiten kaum vor.

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1. Vgl. etwa Sebastian Ullrich, Der Weimar-Komplex. Das Scheitern der ersten deutschen Demokratie und die politische Kultur der frühen Bundesrepublik 1945-1959, Göttingen 2009.