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  • Metadaten

    • Dokumenttyp
      Präsentation (Monographie)
      Autor (Präsentation)
      • recensio.net
      Sprache (Monographie)
      Deutsch
      Autor (Monographie)
      • Miegel, Meinhard
      Titel
      Hybris
      Untertitel
      Die überforderte Gesellschaft
      Erscheinungsjahr
      2014
      Erscheinungsort
      Berlin
      Verlag
      Propyläen
      Umfang
      313
      ISBN
      978-3-549-07448-0
      Thematische Klassifikation
      Ideen- und Geistesgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
      Zeitliche Klassifikation
      21. Jahrhundert
      Regionale Klassifikation
      Weltgeschichte
      Schlagwörter
      Hybris
      Größenwahn
      Gesellschaft
      Krise
      Beschränkung
      Sozialer Konflikt
      Politik
      Wirtschaft
      Bildung
      recensio.net-ID
      7ab967e03f3c4fe8813b888cd82cfb6e
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Meinhard Miegel: Hybris. Die überforderte Gesellschaft (präsentiert von recensio.net)

erstellt von Christian Höschler zuletzt verändert: 09.05.2014 16:19

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Lektürekommentar(e) zu

Meinhard Miegel: Hybris. Die überforderte Gesellschaft. Berlin: Propyläen 2014.

Auch zu Titeln, die noch nicht vom Autor oder Herausgeber präsentiert wurden, können auf recensio.net Kommentare abgegeben werden. Statt vom Autor wird die Präsentation in diesem Fall ohne Präsentationstext von der recensio.net-Redaktion im System angelegt.

Selbstverständlich können Autoren oder Herausgeber auch im Nachhinein jederzeit zum kommentierten Werk einen Präsentationstext publizieren; die Metadaten werden dann entsprechend geändert.

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ppohl sagt
28.04.2014 12:41

Miegels Fehlschluss

„Hybris“ bedeutet Selbstüberschätzung oder Überheblichkeit und findet sich bereits im 5. Jahrhundert vor Christus bei dem antiken griechischen Geschichtsschreiber Herodot. Als Keim der antiken Tragödie weist das Wort auf den Umstand hin, dass der Mensch der Hybris allzu leicht verfallen kann und dann wegen seiner Maßlosigkeit und Hochmut von den Göttern bestraft und schließlich vernichtet wird. Als Allegorie wird die Hybris bei den Alten gelegentlich als Haufen vollgefressener Esel dargestellt, die ständig mit den Hufen scharren und dabei lauthals iahen. Durch die Wahl des Titels greift Meinhard Miegel also mit Bedacht auf die Antike als Ursprung der abendländischen Kultur zurück und spannt einen 2,500-jährigen Bogen bis zur „überforderten Gesellschaft“ der Gegenwart. Obwohl durchaus nachvollziehbar, bleiben einige seiner Ausführungen in dieser geistesgeschichtlichen Tour de Force spekulativ, etwa die Verlegung der christlichen Entgrenzung vom Jenseits ins Diesseits, die nach Miegel mit der Aufklärung beginnt.

Sehr treffend dagegen sind Miegels empirisch immer gut belegten Darstellungen der Hybris heutiger frühindustrialisierter Länder in den Bereichen Bauwerke, Mobilität, Schulen, Hochschulen, Bildung, Sport, Arbeit, Bevölkerung, Schulden, Sozialstaat, Technischer Fortschritt, Europa und Globalisierung, die in der kumulativen Fortsetzung ihrer Maßlosigkeit das Leben des Menschen auf dem Planeten – ähnlich wie in der antiken Tragödie - bald auszulöschen drohen. Schlagartig wird dies durch zwei Grafiken des Buches klar, die veranschaulichen, dass die Wohlstandsentwicklung ausgewählter Länder und Weltregionen nicht nur global, sondern auch pro Kopf die verfügbare Biokapazität stets übersteigt (Schaubild 13, S. 171 bzw. Schaubild 12, S. 166). Die Folge: „Wirtschaftete die Weltbevölkerung so wie die Nordamerikaner, aber auch einige europäische Völker, bräuchte sie hierfür vier Globen. Doch selbst wenn sie so wie die angeblich so umweltbewussten Deutschen wirtschaftete, benötigte sie immer noch 2,6 Globen. So sind es ‚nur‘ 1,5.“ (S. 165).

Eine geologische Fassung dieses verhängnisvollen Sachverhalts stellt neuerdings der Begriff des Anthropozän (engl. ‚anthropocene‘) dar, indem er das Verhalten des Menschen in einem ursächlichen Zusammenhang mit einer neuen Epoche der Erdgeschichte stellt, die seit dem Beginn der Industrialisierung um etwa 1800 einsetzt. Durchaus bemerkenswert ist hier der Umstand, dass die stratigrafische Kommission der Geological Society of London – die weltweit älteste geowissenschaftliche Vereinigung – vor kurzem überzeugende Argumente für die These fand, dass das als Holozän bezeichnete zwischeneiszeitliche Zeitalter mit stabilen Klimaverhältnissen an sein Ende gelangt und in einem stratigrafischen Abschnitt eingetreten sei, „für den in den letzten Millionen Jahren keine Entsprechung zu finden ist“ (J. Zalasiewicz et al., Are we now living in the Anthropocene? In: GSA Today, Vol. 18, Nr. 2, February 2008; ferner: Paul J. Crutzen, Die Geologie der Menschheit. In: Paul C. Crutzen et al., Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang, 2011). Nun zum Autor der „Hybris“ und seinem Fehlschluss, der sich sogar als hilfreich erweisen könnte.

Seit seiner Zeit mit Kurt Biedenkopf in der CDU ist Meinhard Miegel einer der profiliertesten Vordenker der bürgerlichen Gesellschaft und inzwischen zu einem der engagiertesten Kritiker der westlichen Kultur geworden. Von 1977 bis 2008 war er Mitgründer und Vorstand des „Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft“ in Bonn, seit 2007 ist er Leiter des „Denkwerk Zukunft“, eines unabhängigen Think Tanks zur kulturellen Erneuerung. Zusammen mit seiner kongenialen Kollegin und Weggefährtin, Stefanie Wahl, veröffentliche Miegel im Jahr 1993 eine wegweisende, sozial- wie wirtschaftswissenschaftlich brillante Analyse über „Das Ende des Individualismus“ und bereitete mit ihr den Boden für den Paradigmenwechsel vor, den er in „Hybris“ konsequenterweise weiterhin fordert – aber gut 20 Jahre nach dem Erscheinen des Buches immer noch nicht mit der erforderlichen Radikalität des Denkens in Angriff nimmt, vielleicht weil man, wie Einstein meinte, Probleme niemals mit derselben Denkweise lösen kann, durch die sie entstanden sind. Somit kann die in „Hybris“ empfohlene Kunst der Beschränkung bestenfalls die Folge und nicht die Ursache eines Paradigmenwechsels sein.

Um nun die Frage nach Miegels Fehlschluss in verantwortungsvoller Weise stellen zu können, ist ein Zitat aus dem „Ende des Individualismus“ vorab erforderlich: „Individualistische Kulturen sind mittelbar das Ergebnis geschichtlicher Entwicklungen, die in Europa bis in die Antike zurückverfolgt werden können. Damals beginnt zunächst in Griechenland, später in Rom der Prozess der Ich-Suche und –Findung, der sich im Laufe der Zeit, regional unterschiedlich und von Rückschlägen durchsetzt, immer wieder verdichtet, bis er in Ideologien seinen Niedergang findet: vage erst in der Renaissance, bestimmter schon im Humanismus und der Reformation, noch deutlicher in der Aufklärung, dem Liberalismus und auch im Sozialismus und völlig eindeutig schließlich im Individualismus der Gegenwart. Trotz vielfältiger Hemmnisse treibt und drängt alles in der europäischen Geistesgeschichte zur Emanzipation des Individuums, zu individueller Freiheit und Unabhängigkeit, zu individueller Entfaltung und Selbstverwirklichung (S. 142).

Was hat nun die Ich-Suche mit der Hybris zu tun? Beide haben gemeinsam, dass eine innere Instanz oder Entität – das Ich, die Hybris – als Ursache für unzählige Verhaltensweisen angenommen wird. Dabei mag die Verdinglichung (Hypostasierung) eines „Ich“ die ursprüngliche Hybris gewesen sein, die alle späteren Manifestationen erst ermöglicht hat. Halten wir hier fest: tatsächlich beobachtet oder sonst wie objektiviert wurden diese Instanzen noch nie. Niemand hat sie jemals unmittelbar wahrgenommen. Machen wir uns ferner klar: der Fehlschluss, um den es hier geht, ist axiomatisch für die Ideologie des Individualismus. Dann müssen wir in logischer Konsequenz feststellen: Der hier zur Diskussion gestellte Fehlschluss besteht darin, dass aus der Beobachtung von Verhalten innere Instanzen oder Entitäten zuerst verdinglicht, und im gleichen Atemzug wieder dazu verwendet werden, um gerade jenes Verhalten zu erklären, von dem sie zuerst abgeleitet wurden. Das Bild der Türme von Babylon aus Miegels „Hybris“ eignet sich zur Veranschaulichung dieses zirkulären Denkprozesses: a) alle babylonischen Türme sind aus menschlichem Verhalten erwachsen; b) der Individualismus folgert paradigmatisch daraus, dass es eine innere Instanz – genannt „Hybris“ - gibt, die kausal allen Verhaltensweisen zur Erbauung von babylonischen Türmen zugrunde liegt; c) in Zukunft werden nun alle Verhaltensweisen, die zu babylonischen Türmen führen, als Auswirkung einer inneren Instanz - genannt „Hybris“ – deklariert und scheinbar ‚erklärt‘. Bei alledem ist eine Hybris aber niemals direkt gesehen worden, immer nur Verhalten. Hilfreich ist Miegels Fehlschluss deshalb, weil er sichtbar werden lässt, dass wir es hier offensichtlich mit einem Zirkelschluss zu tun haben, in welchem Ursache (Hybris, Ich, Psyche, Bewusstsein, etc.) und Wirkung (Verhalten) laufend miteinander vertauscht werden. Da der hier zur Diskussion stehende Fehlschluss auch der Verdinglichung des von uns als so selbstverständlich angenommenen „Ich“ zugrunde liegt, ist er axiomatisch für die noch vorherrschend individualistisch geprägte Kultur des Westens und konstitutiv für deren Definition der „Natur des Menschen“.

Räumt man nun diesen Fehlschluss ein, kann der Weg frei gemacht werden für den möglicherweise über Leben und Tod entscheidenden Paradigmenwechsel, der als gesellschaftlichen Prozess aus der gigantomanischen Kultur der Hybris herausführen könnte. Seien wir uns aber dabei über eines im Klaren: bei diesem Unterfangen steht nichts Geringeres auf dem Spiel als die „Natur des Menschen“, die auch bei aller Akkulturation immer noch integraler Bestandteil der Natur ist und somit als Gegenstand der Naturwissenschaft mit allen daraus resultierenden Konsequenzen betrachtet werden muss. Hilfreich bei dem zu vollziehenden paradigmatischen Manöver dürfte der Umstand sein, dass die naturwissenschaftliche Erforschung menschlichen Verhaltens als Zweig der Biologie im Rahmen der experimentellen und angewandten Verhaltensanalyse (engl. „experimental and applied behavior analysis“) weitgehend unbemerkt vom wissenschaftlichen Mainstream, seit den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts besteht und beachtliche Erfolge in der Grundlagenforschung und deren Anwendung zu verzeichnen hat. In diesem Zusammenhang ist schließlich zu erwähnen, dass aus der naturwissenschaftlichen Analyse menschlichen Verhaltens inzwischen eine Ethik erwachsen ist – vermutlich die einzige, auf die sich Menschen in Zukunft über alle kulturellen Gräben hinweg werden einigen können.

Peter Pohl