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    • Document type
      Presentation (monograph)
      Author (Presentation)
      • recensio.net
      Language (Presentation)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch, Français
      Editor (Monograph)
      • Puschner, Uwe
      • Stange-Fayos, Christina
      • Wimmer, Katja
      Title
      Laboratorium der Moderne. Ideenzirkulation im Wilhelminischen Reich / Laboratoire de la modernité. Circulation des idées à l'ére wilhelminienne
      Year of publication
      2015
      Place of publication
      Frankfurt am Main
      Publisher
      Lang
      Series
      Zivilisationen & Geschichte
      Series (vol.)
      31
      Number of pages
      271
      ISBN
      978-3-631-65046-2
      Subject classification
      Intellectual History
      Time classification
      Modern age until 1900 → 19th century, 20th century → 1900 - 1919
      Regional classification
      Europe → Western Europe → Germany
      Subject headings
      Deutschland
      Fortschrittsgedanke
      Leitkultur
      Reformbewegung
      Gegenkultur
      Geschichte 1888-1918
      recensio-ID
      d9aab9f598b4465fae975303b1891ffd
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Uwe Puschner / Christina Stange-Fayos / Katja Wimmer (eds.): Laboratorium der Moderne. Ideenzirkulation im Wilhelminischen Reich / Laboratoire de la modernité. Circulation des idées à l'ére wilhelminienne (presented by recensio.net)

Lektürekommentar(e) zu

Uwe Puschner / Christina Stange-Fayos / Katja Wimmer (Hg.): Laboratorium der Moderne. Ideenzirkulation im Wilhelminischen Reich / Laboratoire de la modernité. Circulation des idées à l'ére wilhelminienne. Frankfurt am Main: Lang 2015.

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Martin_Renghart says:
Jul 22, 2015 01:38 PM

Die Bezeichnung der Jahrhundertwende als „Laboratorium“ hat mittlerweile eine sehr große Verbreitung erfahren. Hatte Karl Kraus die Endphase der damaligen Donaumonarchie noch als Laboratorium bzw. „Versuchsstation für den Weltuntergang“ bezeichnet, steht der Ausdruck heute eher für die positiven Impulse, die diese Zeit dem späteren Jahrhundert gegeben hat. So auch in dem von Uwe Puschner herausgegebenen Sammelband „Laboratorium der Moderne. Ideenzirkulation im Wilhelminischen Reich“, der auf den Ergebnissen einer im März 2013 in Montpellier stattgefundenen Tagung basiert. Aus diesem Grund besteht er aus neun deutsch- und sechs französischsprachigen Beiträgen, die am Ende des Bandes erfreulicherweise durch Zusammenfassungen in der jeweils anderen Sprache – allerdings nicht in derselben Reihenfolge wie im Band selbst – ergänzt werden.

Der einführende Überblick über die sozialen und politischen Milieus des Kaiserreichs – mit einem ausführlichen Ausblick in die Zeit danach – von Björn Hofmeister lässt die kulturgeschichtliche Ausrichtung des Sammelbandes erst ansatzweise erkennen. Auch den Begriff der „Moderne“ klammert er aus. Hier liegt in der Tat ein gewisses Defizit des Sammelbandes, dass er sich zum Begriff der Moderne nicht weiter positioniert. Auf diese Einführung folgen 15 Beiträge, davon drei über „Akteure“, sechs zu „Reformbewegungen“ und weitere sechs über „Publizistische Auseinandersetzungen“.

Was also verstehen die folgenden Beiträge unter „Modernität“? Walter Rathenau, der sich als einer der wenigen im Band behandelten Intellektuellen der Ambivalenz und gleichzeitig der Notwendigkeiten der „Moderne“ voll bewusst ist, sieht sie als Industrieller ganz als „Industriemoderne“. Während er die Folgen der Technisierung ambivalent bewertete und verlangte, diese dürfe sich nicht zu sehr in lebensweltliche Bereiche ausdehnen, lehnte er die künstlerische Moderne ab, wie Thomas Rohkrämers Beitrag zeigt. In der Tat wäre die Einbeziehung von anderen gesellschaftlich und wirtschaftlich aktiven Persönlichkeiten vom Schlage Rathenaus in dem Tagungsband sinnvoll gewesen, denn sie hätten mehr Realitätsnähe in den Diskurs eingebracht.

In seiner völkischen, tendenziell alldeutsch geprägten Geschichtssicht sieht Moeller van den Bruck nach Michel Grunwald tendenziell positiv in die Zukunft. Aufgrund seines darwinistisch geprägten Geschichtsbildes, das von der dauernden Konkurrenz der europäischen Völker und einer zukünftigen Dominanz Deutschlands geprägt ist, hat er aber gerade für die Phänomene der Modernisierung im Kaiserreich, den „Vortäuschungen des Fortschritts“ (S.74) wenig Verständnis.

Ein ganz anderes, aber damals nicht weniger verbreitetes Bild der deutschen Geschichte präsentiert Wilhelm Eucken. Da er das Wesen des Deutschen vor allem in der „Innerlichkeit“ sieht, die jedoch durch die zunehmende Bedeutung der Arbeit bedroht sei, besteht die deutsche Mission für ihn darin, die im deutschen Idealismus entfaltete Innerlichkeit zu neuer Blüte zu führen und sie auch anderen Völkern zu vermitteln – notfalls eben auch durch einen Krieg wie ab 1914. Auch Eucken sieht die moderne Arbeitskultur, ohne sich näher mit ihr zu beschäftigen, vor allem als Bedrohung.

Tristan Coignard spricht mit Blick auf die deutsche Sozialdemokratie Bebelscher Prägung von einem „Gegendiskurs“, der aber letztlich nur eine Reform des Wilhelminischen Systems angestrebt habe, um die eigenen Isolation zu überwinden. Nur die Parteilinke sei auf eine echte Stärkung der Sozialistischen Internationalen und eine Überwindung des europäischen Imperialismus ausgerichtet gewesen. Inwieweit dies jedoch auch für die innerdeutschen Verhältnisse, also eine „Modernisierung“ von Gesellschaft und Wirtschaft, gilt, und welches dort Ziel anvisiert wurde, geht aus dem Beitrag nicht hervor.

Marc Gladieux behandelt dagegen die Entstehung neuer menschlicher Lebensformen im Spannungsfeld von Industrialisierung und ländlicher Kultur in Westfalen, die die Tradition in die neue Zeit retten sollten. Diese Lebensformen wurden für ihn in der Bauernpresse, den Heimatvereinen und dem neu gegründeten „Sauerländischen Gebirgsverein“, der den aufkommenden Fremdenverkehr förderte, propagiert. Einen echten Gegendiskurs stellte diese Anpassung an die Industrialisierung aber nicht dar.

Anders verhält sich das bei der von Bernd Wedemeyer-Kolwe untersuchten Lebensreformbewegung, die ebenfalls gegen Kapitalismus, Industrialisierung und Verstädterung gerichtet war und eine Überwindung dieser Phänomene durch ein „Zurück zur Natur“ anstrebte, das die verschiedenen Protagonisten der Bewegung auf ganz unterschiedliche Weise verwirklichen wollten. Gemeinsam war den Anhängern von Vegetarismus, Naturheilkunde, Nacktkultur und den Siedlern der Protest gegen die moderne städtische Zivilisation, gleichzeitig aber auch die Propagierung eines „neuen Menschen“, der einem naturwissenschaftlich geprägten Menschenbild entsprechen sollte.

Ein Projekt im Rahmen dieser Bewegung bildete auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt, die, vom Großherzog von Hessen ins Leben gerufen, von 1899 bis 1914 bestand und einigen Architekten, darunter Peter Behrens und Josef Maria Olbricht, die Möglichkeit zu neuen künstlerischen Formen bieten sollte. Während Behrens und einige weitere Künstler die Kolonie 1903 nicht zuletzt wegen ihrer zunehmend völkischen Einstellung verließen, blieb Olbricht bis zu seinem Tode 1908 der führende Kopf der Gruppe. Obwohl das Projekt kurzfristig kein Erfolg war und seine hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllen konnte, war es durch seinen Einfluss auf das Bauhaus langfristig nicht ohne Wirkung und nahm so einen wichtigen Platz innerhalb des „Laboratoriums der Moderne“ ein.

Ein anderes Projekt in diesem Zusammenhang war auch die zwischen 1900 und 1904 bestehende „Neue Gemeinschaft“ der Theaterkritiker Julius und Heinrich Hart. Diese umfasste nach Yves Iehl viele damalige Intellektuelle, häufig Anarchisten oder von der Mystik beeinflusste Denker von Erich Mühsam über Martin Buber bis Rudolf Steiner und hatte ihr wichtigstes Refugium am Schlachtensee bei Berlin. Auch hier geht es wieder um die Propagierung eines „neuen Menschen“, diesmal aus dem Geist des Monismus heraus, ohne dass dabei ein totaler Bruch mit der wilhelminischen Kultur und Gesellschaft beabsichtigt gewesen wäre. Genaueres über die Aktivitäten der Gruppe findet man in dem Artikel jedoch nicht.

Schließlich berichtet Agnès Calladine über das 1913 von Rudolf Steiner ins Leben gerufene Goetheanum in Dornach bei Basel, das zu einem Zentrum seiner Anthroposophie und während des Ersten Weltkriegs zu einem Rückzugsort für europäische Pazifisten geworden war. Darunter waren auch Andrei Biély und Maximilian Volochine, die trotz des zunehmenden Kriegsnationalismus in Europa dem humanitären Ideal von Dornach verpflichtet blieben und nach ihrer Rückkehr nach Russland 1916 auf der Halbinsel Krim ebenfalls ein ähnliches Refugium gründeten.

Nach diesem Ausflug in die europäische Transfer- und Verflechtungsgeschichte untersucht Christina Stange-Fayos die Bemühungen der deutschen Frauenbewegung, vor allem des Bundes Deutscher Frauen, um eine Verbesserung der Stellung der Frau im Bürgerlichen Gesetzbuch, das 1896 vom Reichstag beschlossen wurde. Nachdem ihre Petition jedoch nicht angenommen wurde, machte die bürgerliche Frauenbewegung und ihre Führerin Helene Lange durch Petitionen und Artikel in der Zeitschrift FRAU auf die Problematik des neuen Familienrechts aufmerksam.

Michel Lefèvres Analyse der Presse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts untersucht exemplarisch mehrere Zeitungsausgaben aus den Jahren 1858 und 1909 und vergleicht dabei Syntax, Kontextualisierung, Wortwahl und Layout. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass die Presse durch ihre stärkere Orientierung an der Alltagssprache als „Gegenkultur“ zur Literatur zu betrachten sei und neuere Zeitungen den traditionsreicheren tendenziell ihren moderneren Stil aufgezwungen hätten.

Oliver Saal zeigte für die Zeit von 1902 bis 1914 die wichtige Stellung der Zeitschrift „Hammer“ innerhalb des völkisch-antisemitischen Netzwerks auf. Sie verherrlichte ein idealisiertes, „deutsches“ Landleben, verachtete Frauen, die städtischen Massen und richtete sich vornehmlich gegen die Juden, die als Hauptgefahr für eine gesunde deutsche Gesellschaft überhaupt angesehen wurden, da sie geographisch wie moralisch angeblich „heimatlos“ und nur auf Gewinn aus seien. Deshalb könne erst nach ihrer Ausscheidung aus der deutschen Gesellschaft eine harmonische, aber autoritär geführte „Volksgemeinschaft“ mit einer neuen geeigneten Führerschaft entstehen.

Der stark ausgeprägte Hang zu Utopien der bisherigen Diskurse erreicht einen Höhepunkt in den drei kolonialen Zukunftsentwürfen, die Catherine Repussard vorstellt und die nach ihrer Ansicht ein echtes Laboratorium politischer, sozialer wie auch spiritueller Natur (S. 205f.) dargestellt hätten. Zwei ursprünglich aus Österreich-Ungarn stammende Autoren und eine dem deutschen Kaiserreich entstammende Autorin entwickeln dabei je eine sozialistische, liberal-bürgerliche und völkische Utopie.

Einen interessanten, aber sorgfältig eingekleideten demokratischen Gegenentwurf zur wilhelminischen Gesellschaft lieferte Heinrich Manns Roman „Die kleine Stadt“, der von Ingrid Maag vorgestellt wird. Dort demonstriert Mann am Beispiel einer italienischen Kleinstadt seine zentralen Ideale Demokratie und Humanität und entwirft damit eine „positive Gegenfolie“ (vgl. S.227) zu den Verhältnissen in Deutschland.
Es sagt jedoch einiges über die Verfasstheit der wilhelminischen Gesellschaft aus, dass dieses „Hohelied der Demokratie“ (S. 232) zumindest in der im Sammelband behandelten Literatur ohne Parallele ist. Es wäre schön gewesen, wenn Maag mehr zur Reaktion der deutschen Öffentlichkeit auf den Roman gesagt hätte.

Der Roman „1906. Der Zusammenbruch der Alten Welt“, Thema von Stefan Noacks abschließendem Artikel, überschreitet in mehrfacher Hinsicht die Thematik der bisherigen im Band versammelten Zukunftsentwürfe, denn er prognostizierte im Jahr 1905 für das folgende Jahr einen das ganze alte Europa bedrohenden, zerstörerischen Weltkrieg. Innerhalb des Sammelbandes wirkt dieses Untergangsszenario freilich recht einsam, da es im Gegensatz zu den anderen Utopien keinen Bezug auf die derzeitigen wie zukünftigen gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse im Deutschen Reich nimmt. Dafür nimmt der innovative Beitrag anders als die vorhergehenden auch die überaus große in- wie ausländische Resonanz auf den Roman in den Blick.

Die aus der Tagung hervorgegangenen Beiträge bieten insgesamt ein gutes Bild von den vielfältigen Diskursen, Gegendiskursen, Utopien und Anti-Utopien, die im deutschen Kaiserreich während seiner wilhelminischen Ära zirkulierten und speisen sich letztlich, bis eben auf den letzten, aus der Kritik an dessen politischer, gesellschaftlicher und kultureller Verfasstheit. Sie zeigen, dass es in vielen Fällen eher um die Überwindung oder Transzendierung dieser Ordnung und weniger um deren Reformierung ging. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass gerade die westfälischen Bauern, die am meisten von den Folgen der Industrialisierung betroffen waren, eher maßvolle und evolutionäre Ideen entwickelten, während die Zukunftsentwürfe städtischer Provenienz heute oft als problematische Vorgriffe auf spätere Ideologien erscheinen. Vielleicht ist der Begriff eines Laboratoriums „der Moderne“ dem Kaiserreich aber nicht ganz angemessen, zumal der Begriff „modern“ in den zeitgenössischen Diskursen und Gegendiskursen kaum auftaucht. Da in den besprochenen fiktionalen und nichtfiktionalen Texten vor allem bürgerliche Intellektuelle zu Wort kommen, nicht dagegen die von ihnen kritisierten staatlichen und wirtschaftlichen, ggf. auch kirchlichen Eliten, bleibt das gebotene diskursive Bild des wilhelminischen Deutschlands ergänzungsbedürftig. Ebenso könnten noch einige inhaltliche Unklarheiten beseitigt werden, wie etwa die angeblich negative Einstellung der Deutschkonservativen zu Kolonialismus und Flotte und ihre Präferenz für eine Ostexpansion des Reiches (S. 206, S. 207, Anm. 26). Dennoch kann der Sammelband jeder/m, die/der sich mit der Zeit näher beschäftigten möchte, sehr empfohlen werden.