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  • Metadata

    • Document type
      Presentation (article in a journal)
      Author (Presentation)
      • Kattcina, Tatiana
      Language (Presentation)
      Deutsch
      Language (Article)
      Deutsch
      Author (Article)
      • Kattcina, Tatiana
      Title (article)
      Das Elberfelder System in Ostsibirien
      Subtitle
      Idee und Realität um die Jahrhundertwende
      Title (Journal)
      Jahrbücher für Geschichte Osteuropas
      Short name
      JGO
      Actual year of publication
      2013
      Volume
      61
      Issue
      3
      Pages
      386-410
      Place of publication
      Stuttgart
      Publisher
      Franz Steiner
      ISSN
      0021-4019
      Subject classification
      Social and Cultural History
      Time classification
      Modern age until 1900 → 19th century, 20th century → 1900 - 1919
      Regional classification
      Europe → Eastern Europe → Russia
      Subject headings
      Sibirien <Ost>
      Industrialisierung
      Elberfelder System
      Soziale Fürsorge
      recensio.net-ID
      62ccfc141edb48f5b80c57872491feea
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      http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/deed.en
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Tatiana Kattcina: Das Elberfelder System in Ostsibirien. Idee und Realität um die Jahrhundertwende (presented by Tatiana Kattcina)

Am Beispiel Ostsibiriens werden die Entstehung und das Funktionieren des Systems der Stadtteils-Armenpflegschaften dargestellt. Dieses war ein neues Paradigma für die Bekämpfung des Armutsproblems in den städtischen Gesellschaften zu Beginn des Industriezeitalters. Auf der Basis einer kritischen Auswertung der Bestände von Provinzarchiven und der regionalen Presse wird herausgearbeitet, wie widersprüchlich die Armenunterstützung funktionierte, welche praktischen Ergebnisse sie bewirkte und inwieweit sie dem Vorbild des Elberfelder Systems entsprach.

Hier gibt es einige der Ergebnisse:

1. Das System der Quartierspflegschaften etablierte sich auf kommunaler Ebene unter dem Einfluss lokaler Besonderheiten und eines lokalen Verständnisse von Armenhilfe vor dem Hintergrund schwacher staatlicher Regulierung der Standards öffentlicher Fürsorge.

2. So basierte das Modell der städtischen Fürsorge in Irkutsk auf dem Antragsprinzip; es war unnötig zentralisiert und schloss die persönliche Beteiligung der Bürger aus, die sich an der Behebung der Misere ihrer Mitbürger beteiligen wollten. Demgegenüber wurde die Quartiersarmenpflege in Krasnojarsk von der Sinel’nikov-Gesellschaft initialisiert und baute auf den Prinzipien der Individualisierung und Dezentralisierung auf. Mit ihrer prophylaktischen Ausrichtung durch die Ermittlung von Brennpunkten und Ursachen der sozialen Not stand sie dem Elberfelder System näher. Allerdings kontrollierte keines der beiden Systeme die soziale Wiedereingliederung, sodass es unweigerlich zu Missbrauch seitens der Bedürftigen kam.

3. In den Städten Ostsibiriens wurden grundlegenden Prinzipien des Elberfelder Systems verletzt, die ihm Stabilität und Flexibilität seiner Hilfe umfassenderen Charakter verliehen.

4. In Ostsibirien wurde die effektive Umsetzung des Elberfelder Systems nicht nur durch die einschlägige Gesetzgebung erschwert sowie durch unzureichende materielle und personelle Ressourcen und die ethnische Vielfalt der Bevölkerung, sondern auch durch das Fehlen einer „Schule der Teilnahme am öffentlichen Leben“, das isolierte Agieren der sozialen Einrichtungen sowie die Ablehnung organisierter Hilfe durch die örtliche Bevölkerung in Verbindung mit der Treue zur Tradition des Almosengebens.

5. Die wirtschaftlichen, politischen und demografischen Umbrüche, die sich in der sibirischen Gesellschaft am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts vollzogen, die Beschleunigung der gesellschaftlichen Veränderungen und eine wachsende Differenzierung und Komplexität der Gesellschaft erhöhten unaufhaltsam das soziale Risiko und machten die Lebensumstände immer komplexer, unter denen Menschen Hilfe suchen mussten.

6. Das bestehende System der sozialen Fürsorge war diesen Anforderungen nicht gewachsen. Zwar hatte man sich offiziell der Idee einer bedarfsorientierten Hilfeleistung verschrieben, aber die städtischen Dumen und Ausschüsse gaben weiterhin einen erheblichen Teil der Mittel für traditionelle Formen der Hilfe wie die Verteilung von Sachen und Geld vor Ostern und Weihnachten aus, ohne die familiäre und materielle Lage der Empfänger zu überprüfen. Die Organisation der Arbeit war auf die lokale Bewältigung schon existierender sozialer Probleme ausgerichtet, mit denen sich die Menschen an die Einrichtungen wandten.

7. Es fehlte in der sibirischen Gesellschaft ein umfassendes Verständnis für das weitaus komplexere Ziel der Wiedereingliederung und dafür, dass die Fürsorgearbeit ausreichend und auf Dauer angelegt sein musste und wie die personellen und materiellen Ressourcen effizient zu nutzen waren.