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Ueli Gyr: Geschichte des Tourismus. Strukturen auf dem Weg zur Moderne (presented by Ueli Gyr)

Die Bedeutung des Tourismus ist allgemein anerkannt, niemand wird sie in Frage stellen. Tourismus umschreibt ein gesellschaftliches Totalphänomen mit Dimensionen und Wirkungen, die zu überschauen schwer fällt. Im Rahmen moderner Industriegesellschaften wie in Schwellenländern formiert dieses eine darauf gerichtete Milliardenindustrie, deren Entwicklungspotential einmalig ist und weltweit Megasubstanzen produziert, stabilisiert und innoviert. Angesichts globaler Strukturen des Tourismus erstaunt die Tatsache, dass diesbezügliche Wissenschaftsinteressen aber relativ spät einsetzen. Der Weg von einer frühen Fremdenverkehrslehre ab den 1920erJahren zu einer modernen Tourismusforschung wird bedächtig begangen, wobei wesentliche Impulse von der Schweiz, von Italien und später von Deutschland ausgingen. Von einer eigenständigen und etablierten Tourismuswissenschaft kann bis heute nicht die Rede sein, dafür besteht Konsens mit der Anerkennung einer so genannten „Querschnittsdisziplin”.

Tatsächlich wird der Gegenstandsbereich Tourismus von zahlreichen Wissenschaftsinteressen immer wieder ausgemessen und disziplinär fokussiert. Hinter der bunten Vielfalt fachspezifischer Zugänge lassen sich Ungleichgewichte jedoch rasch erkennen. Im Rahmen gegenwärtiger Freizeit- und Urlaubswelten interessiert die sozio-ökonomische Behandlung und Verortung des Globalsystems Tourismus besonders stark. Sie lässt häufig vergessen, dass auch sie eine Geschichte haben. Gerade von diesem Befund geht der vorliegende Beitrag über eine bislang eher stiefmütterlich behandelte „Geschichte des Tourismus” aus. Es wird versucht, Tourismusformen auch epochal zu fassen, mit dem Ziel, sie gesellschaftlich zu verorten und zu verstehen. Im Mittelpunkt steht das Vorhaben, wichtige Strukturen, Prozesse, Typen und Trends des Tourismus vor dem Hintergrund historischer Kulturentwicklungen und Gesellschaftsprozesse im Überblick zu präsentieren. Konzeptionell kann man Reisen als Mittel zum Zweck (Mobilitäten im allgemeinen) und Reisen als Selbstzweck (Mobilitäten touristischer Prägung, darunter Abwechslung, Erholung und Distinktion) unterscheiden.

Unter dieser Perspektive lassen sich frühe Reiseformen ereignisgeschichtlich ab der Antike ebenso typologisieren wie jene des Mittelalters und des Humanismus, wo Reisen zu einer Art individueller Erfahrungs- und Bildungsschulung geraten. Dieses Reisemodell bestimmt, unter verstärktem Einbezug von Muße und Vergnügungen, auch weite Teile der als klassisch eingestuften Vorläufer des modernen Tourismus, darunter die oft mehrjährige Grand Tour der jungen Adeligen im 17. und 18.Jahrhundert: eine formalisierte Aneignung weltmännischer Standes- und Benehmenskultur einerseits, eine auf Muße und Vergnügungen gerichtete Reise als soziales Distinktionszeichen europäischer Elitenträger anderseits. Die Begegnung mit fremden Ländern, Sehenswürdigkeiten und Mentalitäten wird hier modelliert, einiges wird von der nachrückenden bürgerlichen Kultur in der Bildungsreise übernommen bzw. auch im Massentourismus später adaptiert. Zum massiven Aufschwung und Start des neuzeitlichen Tourismus kommt es zwischen 1850 und 1914, wo Bevölkerungswachstum, Verstädterung, Industrialisierung und eine gewaltige Verkehrserschließung zu neuen Tourismusformen und -bedürfnissen führen. Von einer strukturellen Expansion im Sinne des modernen Massentourismus ab den 1960er Jahren zu sprechen ist zulässig. Die Ausweitung spielt nicht nur quantitativ, sondern auch sozial-, alters- und geschlechtsspezifisch mit einer einmaligen Diversifizierung. Mit der zunehmenden Globalisierung des Tourismus geht auch eine systemische Veränderung einher, indem der etablierte Symbolkonsum in traditionellen Reise- und Urlaubskulturen zunehmend durch neuen Abenteuer-, Spiel- und Erlebniskonsum erweitert wird.