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Christian Westerhoff: Zwangsarbeit im Ersten Weltkrieg. Deutsche Arbeitskräftepolitik im besetzten Polen und Litauen 1914-1918 (präsentiert von Christian Westerhoff)

Inhaltsverzeichnis anzeigen

Vorwort
1. Einleitung
2. Vom Rückkehrzwang zum Rückkehrverbot:
Die Beschäftigung von Arbeitskräften aus Russland in Deutschland 1906–1918 – ein Überblick
3. Arbeitsmarkt, Verwaltungsaufbau und Wirtschaftspolitik in den besetzten Gebieten
3.1. Das Generalgouvernement Warschau (GGW)
3.2. Das Verwaltungsgebiet des Oberbefehlshabers Ost (Ober Ost)
3.3. Zwischenfazit
4. Rekrutierung und Beschäftigung in den besetzten Gebieten Herbst 1914 bis Sommer 1916
4.1. Anwerbung in den besetzten Gebieten 1914–1916
4.1.1. Die Anwerbung in der Vorkriegszeit
4.1.2. GGW
4.1.3. Ober Ost
4.1.4. Zwischenfazit
4.2. Beschäftigung in den besetzten Gebieten 1915–1916
4.2.1. GGW
4.2.2. Ober Ost
4.2.3. Zwischenfazit
5. Totaler Krieg in der Arbeitskräftepolitik: Zwangsrekrutierung und Zwangsarbeit Herbst/Winter 1916
5.1. Die 3. Oberste Heeresleitung und die Entscheidung für Zwangsmaßnahmen
5.2. Zwangsrekrutierung und Zwangsarbeit seit dem Herbst 1916
5.2.1. GGW
5.2.2. Ober Ost
5.2.3. Zwischenfazit
5.3. Kritik an den Zwangsmaßnahmen
5.4. Abbruch und Beibehaltung der Zwangsmaßnahmen
5.4.1. GGW
5.4.2. Ober Ost
6. ›Zuckerbrot und Peitsche‹: Anwerbung und Beschäftigung Frühjahr 1917 bis Herbst 1918
6.1. Ansätze einer forcierten Anwerbung durch stärkere Anreize 1917–1918
6.1.1. GGW
6.1.2. Ober Ost
6.1.3. Zwischenfazit
6.2. Beschäftigung in den besetzten Gebieten 1917/1918
6.2.1. GGW
6.2.2. Ober Ost
6.2.3. Zwischenfazit
7. Ausblick und Fazit
7.1 Ausblick: Umgang mit der Zwangsarbeit 1918–1945
7.2 Fazit
8. Anhang
8.1. Abkürzungsverzeichnis
8.2. Verzeichnis der Tabellen, Schaubilder und Abbildungen
8.3. Quellen- und Literaturverzeichnis
8.3.1. Archivalische Quellen
8.3.2. Gedruckte Quellen und Literatur

Zwangsarbeit stellt eins der düstersten Kapitel in der Geschichte des Zeitalters der Weltkriege dar. Sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der wissenschaftlichen Debatte wird jedoch Zwangsarbeit in der Regel nur mit dem Zweiten Weltkrieg assoziiert.

In meiner Dissertation habe ich daher untersucht, inwieweit und warum deutsche Behörden bereits während des Ersten Weltkrieges auf Zwangsrekrutierungen und Zwangsarbeit zurückgriffen. Dazu habe ich die deutsche Arbeitskräftepolitik in den besetzten Gebieten Polens (Generalgouvernement Warschau) und des Baltikums (Verwaltungsgebiet Ober Ost) verglichen.

Hintergrund für den massenhaften Einsatz ausländischer Arbeitskräfte in der deutschen Kriegswirtschaft war ein kriegsbedingter Mangel an Arbeitskräften im Reich. In dieser Situation boten sich die besetzten Gebiete an der West- und Ostfront als zusätzliche Rekrutierungsgebiete an. Dort wurde die Rekrutierung von Arbeitskräften für die Industrie und Landwirtschaft in Deutschland, aber auch für Arbeiten vor Ort immer weiter forciert. Da sich aus Sicht der deutschen Behörden nicht genügend Arbeitskräfte freiwillig meldeten, waren Rekrutierung und Beschäftigung zunehmend von Zwang gekennzeichnet.

Die Analyse der Politik in den besetzten Gebieten zeigt, dass die deutsche Arbeitskräftepolitik im zivil verwalteten „Generalgouvernement Warschau“ weitgehend durch die Tradition der freien Arbeitswanderung nach Deutschland bestimmt blieb, die vor 1914 jedes Jahr hunderttausende polnische Saisonarbeiter nach Deutschland geführt hatte. Allerdings untersagten die Behörden im Reich bereits im Herbst 1914 den russisch-polnischen Arbeitskräften, für die Dauer des Krieges ihren Arbeitsplatz zu verlassen und in ihre Heimat zurückzukehren. Durch Betriebsstilllegungen und andere Maßnahmen verschärften die deutschen Besatzungsbehörden zudem die angespannte wirtschaftliche Lage der polnischen Bevölkerung, um zusätzliche „Anreize“ für eine Arbeitsaufnahme in Reich zu schaffen. Tatsächlich war die Not so groß, dass sich viele Menschen selbst durch das Rückkehrverbot nicht davon abhalten ließen, in Deutschland eine Arbeit aufzunehmen.

Demgegenüber entwickelte sich das militärisch verwaltete Verwaltungsgebiet „Ober Ost“ zu einer durch die Vorstellungen Erich Ludendorffs und seiner Entourage geprägten Ausbeutungskolonie, in der die Bevölkerung zwangsweise zu zahlreichen Arbeiten vor Ort herangezogen wurde. Selbst Proteste und die geringe Effektivität der Zwangsarbeit ließ die Behörden nicht von ihrer Politik abrücken.

Nach seinem Wechsel an die Spitze der Dritten Obersten Heeresleitung versuchte Ludendorff im Herbst 1916, seine Idee einer zwangsweisen Erfassung sämtlicher Arbeitskräfte auf den gesamten deutschen Machtbereich auszudehnen: Im Reich durch den vaterländischen Hilfsdienst, in den besetzten Gebieten durch Zwangsrekrutierungen und Zwangsarbeit.

Damit nahm die Militärverwaltung in Ober Ost in der Tendenz viele Ideen vorweg, die in der Zwischenkriegszeit unter dem Begriff „totaler Krieg“ zusammengefasst und auch von den Nationalsozialisten aufgegriffen wurden. Ober Ost lässt sich somit als ein wichtiges „Laboratorium“ der Zwangsarbeit und des „totalen Kriegs“ bezeichnen – ein Umstand, dem die Forschung zukünftig mehr Rechnung tragen sollte.

Dennoch würde ich davon absehen, wie Ulrich Herbert den Ersten Weltkrieg als „Probelauf“ für das nationalsozialistische Zwangsarbeitssystem anzusehen. In den Besatzungsverwaltungen und bei den Arbeitsämtern gab es zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg kaum personelle Kontinuitäten. Zudem war die nationalsozialistische Arbeitskräftepolitik – insbesondere mit Blick auf die jüdischen Arbeitskräfte – von einer Brutalität gekennzeichnet, wie sie in den Jahren 1914 bis 1918 undenkbar gewesen wäre. Ich halte es daher für sinnvoller, von einem „Erfahrungshorizont“ zu sprechen.

Eberhard Demm sagt
02.11.2012 10:57

Dies ist die in jeder Hinsicht und mit Abstand beste Dissertation, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Vgl. künftig meine äußerst positive Rezension in der Historischen Zeitschrift.

Prof. em. Dr. Dr. Eberhard Demm, vormals Université Jean Moulin Lyon (Lyon III)