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  • Metadaten

    • Dokumenttyp
      Rezension (Monographie)
      Zeitschrift
      Jahrbücher für Geschichte Osteuropas / jgo.e-reviews
      Autor (Rezension)
      • Hein-Kircher, Heidi
      Sprache (Rezension)
      Deutsch
      Sprache (Monographie)
      Deutsch
      Herausgeber (Monographie)
      • Holste, Karsten
      • Hüchtker, Dietlind
      • Müller, Michael G.
      Titel
      Aufsteigen und Obenbleiben in europäischen Gesellschaften des 19. Jahrhunderts
      Untertitel
      Akteure - Arenen - Aushandlungsprozesse
      Erscheinungsjahr
      2009
      Erscheinungsort
      Berlin
      Verlag
      Akad.-Verl.
      Reihe
      Elitenwandel in der Moderne
      Reihennummer
      10
      Umfang
      294
      ISBN
      978-3-05-004562-7
      Thematische Klassifikation
      Sozial- und Kulturgeschichte
      Zeitliche Klassifikation
      Neuzeit bis 1900 → 19. Jh.
      Regionale Klassifikation
      Europa
      Schlagwörter
      Sozialer Wandel
      Elite
      Aufsatzsammlung
      Geschichte 1750-1914
      recensio.net-ID
      3027ab8db763f90ef0cf7f2bbba8604c
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Karsten Holste / Dietlind Hüchtker / Michael G. Müller (Hg.): Aufsteigen und Obenbleiben in europäischen Gesellschaften des 19. Jahrhunderts. Akteure - Arenen - Aushandlungsprozesse (rezensiert von Heidi Hein-Kircher)

erstellt von Henrike Meyer zu Devern zuletzt verändert: 10.12.2015 12:36

Ausgabe: jgo.e-reviews 2011, 2

Verfasst von: Heidi Hein-Kircher

 

Aufsteigen und Obenbleiben in europäischen Gesellschaften des 19. Jahrhunderts. Akteure – Arenen – Aushandlungsprozesse. Hrsg. von Karsten Holste, Dietlind Hüchtker und Michael G. Müller. Berlin: Akademie Verlag, 2009. 294 S. = Elitenwandel in der Moderne, 10. ISBN: 978-3-05-004562-7.


Vor dem Hintergrund der gesamtgesellschaftlichen Modernisierung und der Nationalisierungsprozesse im 19. Jahrhundert veränderten sich die jeweiligen gesellschaftlichen Eliten, wobei auch regionale Besonderheitendiesen Prozess nachhaltig prägten. Auf diese beziehen sich die in dem Band versammelten Beiträge, die aus einem Forschungsprojekt des GWZO Leipzig „Von Ständegesellschaften zu Nationalgesellschaften. Elitenwandel und gesellschaftliche Modernisierung in Ostmitteleuropa (1750–1914)“ hervorgegangen sind, während bislang eher die allgemein europäischen Transformationsprozesse durch die Forschung in den Blick genommen wurden, mit der Modernisierungstheorie als Grundlage der Analysen des Elitenwandels. Die Neuformierung bzw. Transformation von Eliten wird als Aushandlungsprozess verstanden, der erst durch das Aufeinandertreffen von Akteuren in bestimmten gesellschaftlichen „Arenen“ ermöglicht wird. Dabei wird von den jeweiligen Akteuren nicht nur soziales, sondern auch symbolisches und materielles Kapital eingebracht und vor der Folie eigener Interessen versucht, die Deutungshoheit zu erlangen und dadurch den eigenen Status zu verbessern bzw. zu sichern. Hierbei Erfolg zu haben bedeutet „aufsteigen“ oder „obenbleiben“ in einer sich wandelnden Gesellschaft.

Grundannahme der vierzehn versammelten Beiträge des Bandes ist, dass, vom Konzept der Arenen in einem weiteren Sinn ausgehend, Akteure, Handlungs- und Deutungsweisen, Sinnstiftungen, Interessen, Institutionen, aber auch Orte und Traditionen durch die jeweiligen Spezifika als relational zueinander zu sehen sind, d.h. dass sich diese Faktoren als Ergebnis von Aushandlungsprozessen gegenseitig bedingten, um so zu zeigen, wie Eliten im 19. Jahrhundert als soziale und politisch dominante Gruppen neu bzw. anders definiert und legitimiert wurden. Insgesamt wird deutlich, dass sich ‚alte‘ (der Adel) und ‚neue‘ (bürgerliche) ‚Anwärter auf Elitenpositionen‘ trafen und trotz Loyalitäten zu ihrer jeweiligen Herkunftsgruppe und entsprechender Werte verständigten und ihre Interessen verhandeln konnten. Deutlich wird auch, dass der Adel in Ostmitteleuropa eine bedeutende Rolle für den gesellschaftlichen Wandel spielte, weil er in der Lage war, sich zu modernisieren, und dass rein adelig besetzte Positionen auch einem funktionalen Wandel unterlagen, z. B. dass gewinnorientierte Wirtschaftsweisen durchaus mit Adeligkeit verbunden werden konnten. Dies führte dazu, dass in allen Gesellschaften parallele Eliten existierten, die sich unterschiedlich konstituierten und ihre besonderen Interessen und Formen der Selbstdarstellung entwickelten.

Nach einer Einführung in die dem Projekt zugrundeliegenden Prämissen behandeln die Beiträge in einer Sektion staatlich-administrative Bereiche wie Militär und Gerichte, in einem nächsten Abschnitt „ökonomische Arenen“ wie Wirtschaftsvereine oder die Zuckerrübenindustrie als neuartige Industrie, in zwei weiteren Sektionen ‚traditionelle‘ politische und andere Arenen wie kulturelle Öffentlichkeiten. Hierbei konzentrieren sich die Beiträge vor allem auf Beispiele aus Zentraleuropa (Teilungsgebiete Polens, die Habsburgermonarchie sowie mitteldeutsche Gebiete), wobei nur der vergleichend angelegte Beitrag von Charlotte Tacke über die Jagd in Italien und Deutschland (am Beispiel schlesischer Güter) diesen Raum zum Teil verlässt und nur der Beitrag von Yvonne Kleinmann die jüdischen Eliten thematisiert.

Insgesamt stellen die Beiträge also durchaus unterschiedliche Arenen der Aushandlungsprozesse vor, die zum „Obenbleiben“ bzw. „Aufsteigen“ von (neuen) Eliten führten. Da es leider keine inhaltlichen Überschneidungspunkte in den durchweg sehr interessanten Beiträgen gibt, bietet sich kaum eine Möglichkeit des Vergleichs. Es wird auch nicht deutlich, ob die Fallbeispiele repräsentativ für verschiedene Arenen sind: So wäre etwa zu fragen, in welchem Maße die Jagd in anderen Regionen als Arena des Elitenwandels anzusehen ist. Auch wird nicht bzw. nur ansatzweise deutlich, auf welche spezifischen Traditionen, Erinnerungskulturen etc. sich die jeweiligen Eliten beriefen und diese daher förderten. Ebenso wird die Rolle der Kommunalpolitik und der jeweiligen Landespolitik nur angeschnitten, obwohl diese ebenfalls als eine mögliche Arena des allmählichen Elitenwandels anzusehen sind. In welchem Rahmen die für Ostmitteleuropa typische Multiethnizität den Elitenwandel beeinflusste, wird ebenfalls nicht explizit thematisiert. Insgesamt entstehen mehr Fragen, als der Band beantworten kann: So bleibt zu hoffen, dass er als Anregung und Grundlage zu weiteren, vielleicht auch vergleichend angelegten Forschungen zum Elitenwandel dienen wird.