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    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      Jahrbücher für Geschichte Osteuropas / jgo.e-reviews
      Author (Review)
      • Neutatz, Dietmar
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      English
      Author (Monograph)
      • Ward, Christopher J.
      Title
      Brezhnev's Folly
      Subtitle
      The Building of BAM and Late Soviet Socialism
      Year of publication
      2009
      Place of publication
      Pittsburgh
      Publisher
      Univ. of Pittsburgh Press
      Series
      Pitt Series in Russian and East European Studies
      Number of pages
      XII, 218
      ISBN
      978-0-8229-4372-3
      Subject classification
      Social and Cultural History, History of technology
      Time classification
      20th century → 1970 - 1979, 20th century → 1980 - 1989, 20th century → 1990 - 1999
      Regional classification
      Europe → Eastern Europe → Russia, Europe → Eastern Europe → Belarus, Europe → Eastern Europe → Ukraine, Asia → Sibiria
      Subject headings
      Planwirtschaft
      Baikal-Amur-Magistrale
      Infrastruktur
      recensio.net-ID
      d59eb87352b10f00faa1d6ee65ef6a4e
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Christopher J. Ward: Brezhnev's Folly. The Building of BAM and Late Soviet Socialism (reviewed by Dietmar Neutatz)

Ausgabe: jgo.e-reviews 2011, 2

Verfasst von: Dietmar Neutatz

 

Christopher J. Ward: Brezhnev’s Folly. The Building of BAM and Late Soviet Socialism. Pittsburgh, PA: University of Pittsburgh Press, 2009. XII, 218 S., 2 Ktn., Abb., Tab. = Pitt Series in Russian and East European Studies. ISBN: 978-0-8229-4372-3.


Brežnevs Wahnwitz“ nennt Christopher Ward sein Buch über die Baikal-Amur-Magistrale (BAM), jene Eisenbahnlinie, die in den Jahren 1974 bis 1984 (eigentlich bis 2003) gebaut wurde. Der Bau wurde von großem propagandistischem Getöse begleitet und sollte die Leistungsfähigkeit und Geschlossenheit des Sowjetvolkes demonstrieren. Zwischen 1974 und 1984 befanden sich etwa 500.000 Mitglieder des Kommunistischen Jugendverbandes (Komsomol) im Arbeitseinsatz an den Baustellen. Während die westlichen und asiatischen Industrieländer den Sprung ins Dienstleistungs- und Informationszeitalter vollzogen und die Computertechnologie ihren Siegeszug antrat, baute man in Brežnevs Sowjetunion mit verschwenderischem Einsatz von menschlicher Arbeitskraft eine Eisenbahn im Stil der Raumerschließung des 19. Jahrhunderts und pries das anachronistische Unterfangen auch noch als Symbol der „wissenschaftlich-technischen Revolution“.

Die Trasse verläuft über 4.234 Kilometer von der zwischen Krasnojarsk und Irkutsk gelegenen ostsibirischen Stadt Tajšet nach Osten bis an den Pazifik, im Schnitt ca. 700 Kilometer nördlich parallel zur Transsibirischen Eisenbahn. 1984 wurde der Verkehr aufgenommen, ab 1989 war die Bahnlinie durchgehend befahrbar. Sie sollte der Sowjetunion als transkontinentale Verbindungslinie eine Schlüsselfunktion für den Warentransit zwischen den RGW-Ländern und den aufstrebenden Anrainerstaaten am Pazifik verleihen und im Tausch gegen Hochtechnologieprodukte Holz und Erdöl quer durch Sibirien transportieren. Ähnlich wie um 1900 beim Bau der Transsibirischen Eisenbahn wurden entlang der Trasse neue Städte und Industrien errichtet. Das großangelegte und mit höchster staatlicher Priorität verfolgte Bau- und Entwicklungsprogramm fiel aber zunehmend mit der Krise der sowjetischen Wirtschaft in den achtziger Jahren zusammen. Statt Stärke demonstrierte der Bau der BAM die Dysfunktionalität und Ineffektivität des sowjetischen Systems.

Die BAM stand unter der Ägide des Komsomol, der unter Rückgriff auf Traditionen der dreißiger bis fünfziger Jahre die Jugend mobilisierte. Die Propaganda überhöhte das Unternehmen zum „Jahrhundertprojekt“ und zum „Weg in die Zukunft“. Es gehörte zusammen mit Chruschtschows Neulanderschließung, dem Raumfahrtprogramm und anderen gigantomanischen Vorhaben in die Reihe der sowjetischen Großunternehmungen, die den Anbruch des Sozialismus einläuten sollten. Brežnev betrachtete den Bau der BAM als das Projekt der Periode des „entwickelten Sozialismus“.

Diese Projektionen handelt Christopher Ward in der Einleitung auf knappem Raum ab. Sie sind nicht der eigentliche Gegenstand seines Buches. Er möchte vielmehr zeigen, was man am Beispiel der BAM über die Brežnevzeit lernen kann, und hat zu diesem Zweck fünf Bereiche ausgewählt, denen er jeweils ein Kapitel widmet: 1. ökologisches Bewusstsein und Umweltschutz, 2. Verbrechen und Korruption, 3. Frauen und Gender, 4. Nationalitäten, 5. Auslandsreisen von BAM-Arbeitern und Arbeitseinsatz von Ausländern bei der BAM.

In Abkehr von der dominierenden Vorstellung, der Mensch könne sich die Natur nach Belieben dienstbar machen, wurde in den siebziger Jahren auch in der Sowjetunion ökologische Kritik artikuliert. Bei der BAM waren das einige Funktionäre sowie Journalisten regionaler Zeitungen und die Bevölkerung der betroffenen Gebiete. Die BAM-Bauer selbst nahmen keine Rücksichten auf die Natur. Ward erklärt das mit der Dominanz von Jugendlichen auf den Baustellen, denen es um Tempo ging und die ein nur geringes Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Natur an den Tag legten.

Als die ersten Komsomolbrigaden 1974 auf die Baustellen kamen, erwartete man von ihnen, dass sie eine sozialistische Mustergesellschaft bilden würden. Die Jugendlichen gingen jedoch nicht zur BAM, weil sie den Sozialismus aufbauen wollten, sondern um gutes Geld zu verdienen und sich um ihre weitere Karriere zu kümmern. Viele waren, abgeschnitten von der Umwelt, schockiert von den widrigen Lebensbedingungen. Kriminalität war ein großes Problem, verstärkt dadurch, dass der Komsomol zunehmend solche Mitglieder zur BAM schickte, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren. Auf den BAM-Baustellen häuften sich Alkoholismus, Diebstahl, Sexualdelikte, Arbeitsverweigerung und Korruption. Ward interpretiert diese Verhaltensweisen nicht als Devianz, sondern als Ausdruck des Wertewandels einer jungen Generation, die wenig später in den neunziger Jahren ihr Agieren konsequent auf persönlichen Profit ausrichtete. Das letzte Jahrzehnt der Sowjetunion erscheint somit als eine Übergangszeit, in der die sozialistischen Werte und Normen bereits stark an Wirkung eingebüßt hatten. Das ist eine interessante Deutung, die allerdings empirisch noch besser zu untermauern wäre, denn Wards Ausführungen über Kriminalität und Korruption sind eher impressionistisch und anekdotenhaft. Über das Ausmaß der Phänomene erfährt man wenig Konkretes.

Auch im Hinblick auf die Gleichberechtigung der Geschlechter war die BAM-Gesellschaft nicht fortgeschrittener als der Rest der Sowjetunion. Was die nationale Integration und die interethnischen Beziehungen betrifft, konstatiert Ward ebenfalls eine Diskrepanz zwischen der Realität und dem offiziellen Popanz von der BAM als einem Mikrokosmos der Brüderlichkeit. Auf den Baustellen dominierten Russen, Ukrainer und Weißrussen, während nichtslawische Nationalitäten marginalisiert wurden. Nicht die einträchtige Arbeit am sozialistischen Projekt, sondern Segregation und nationalistisch motivierte Konflikte prägten den Alltag. Besser als in den anderen Kapiteln gelingt es Ward hier, anhand von statistischen Angaben und aussagekräftigen Quellen ein repräsentatives Gesamtbild zu zeichnen, das über das Impressionistische von Einzelbeispielen hinausgeht.

Zu den Belohnungen, die BAM-Bauer erhalten konnten, zählten Auslandsreisen. Eigentlich sollten die Jugendlichen als Botschafter des Sowjetsystems ins (sozialistische) Ausland fahren, aber ihr häufig zügelloses und unkultiviertes Verhalten sowie der Augenschein, den sie dort nahmen, machte aus diesen Reisen in doppelter Weise einen Bumerang. Umgekehrt galt das auch für die Jugendlichen aus den Satellitenstaaten, die auf die BAM-Baustellen kamen und dort Ineffizienz und Korruption erlebten. Beides trug zu einem Vertrauensverlust bei.

Am Ende des Buches steht als Fazit, das Projekt BAM verkörpere in seinem Versagen, den hohen Erwartungen zu entsprechen, den Realitätsverlust der Brežnevschen Führung und deren Unfähigkeit, auf die eigentlichen Probleme des Landes zu reagieren. Viele Jugendliche hätten über die Arbeit an der BAM den Glauben an die Versprechungen des Sowjetsystems verloren und sich innerlich von ihm verabschiedet. Diese These leuchtet an sich ein, erweist sich aber bei näherem Hinsehen mehr als suggestiv denn als empirisch begründet, denn die vorangegangenen Kapitel eignen sich nur bedingt, um sie zu untermauern. Wie die Hunderttausenden Jugendlichen die Arbeit an der BAM erlebten und was diese Erfahrung bei ihnen bewirkte, untersucht das Buch nämlich gar nicht. Der Verfasser fokussiert vielmehr auf einige Teilaspekte, deren Auswahl er nicht begründet und die jeweils nur über bestimmte Gruppen von BAM-Arbeitern Auskunft geben, ohne dass klar wird, wie repräsentativ und aussagekräftig die ins Treffen geführten Beispiele sind. Wer sich über die BAM und über das, was sie für die Brežnevära bedeutete, informieren möchte, wird in diesem Buch nur Teilantworten finden.