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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      Jahrbücher für Geschichte Osteuropas / jgo.e-reviews
      Author (Review)
      • Elie, Marc
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch
      Author (Monograph)
      • Junge, Marc
      Title
      Die Gesellschaft ehemaliger politischer Zwangsarbeiter und Verbannter in der Sowjetunion
      Subtitle
      Gründung, Entwicklung und Liquidierung (1921-1935)
      Year of publication
      2009
      Place of publication
      Berlin
      Publisher
      Akad.-Verl.
      Number of pages
      513
      ISBN
      978-3-05-004559-7
      Subject classification
      Social and Cultural History
      Time classification
      20th century → 1920 - 1929, 20th century → 1930 - 1939
      Regional classification
      Europe → Eastern Europe → Russia
      Subject headings
      Gesellschaft
      Zwangsarbeiter
      Geschichte 1921-1935
      recensio.net-ID
      90f9a69081202f309200383d26949e16
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Marc Junge: Die Gesellschaft ehemaliger politischer Zwangsarbeiter und Verbannter in der Sowjetunion. Gründung, Entwicklung und Liquidierung (1921-1935) (reviewed by Marc Elie)

Ausgabe: jgo.e-reviews 2011, 2

Verfasst von: Marc Elie

 

Marc Junge: Die Gesellschaft ehemaliger politischer Zwangsarbeiter und Verbannter in der Sowjetunion. Gründung, Entwicklung und Liquidierung (1921–1935). Berlin: Akademie Verlag, 2009. 513 S., Abb. ISBN: 978-3-05-004559-7.


Im vorliegenden, aus  seiner Habilitationsschrift hervorgegangenen Buch erforscht Marc Junge das Schicksal einer außergewöhnlichen Organisation, die als Traditionsverein für Veteranen des revolutionären Kampfes und Zentrum zur Aufarbeitung der Geschichte der revolutionären Bewegung einen langen, blutigen Weg vom Ende des Bürgerkriegs bis zum Stalinschen Terror zurücklegte. Der Autor geht der Frage nach, wie es der – außerhalb von Partei und Staat angesiedelten – Gesellschaft ehemaliger politischer Zwangsarbeiter und Verbannter (Obščestvo byvšich političeskich katoržan i ssyl’no poselencev, OPK) bis Mitte der dreißiger Jahre gelang, trotz der immer stärker werdenden Einmischung der Parteiführung einen gewissen Grad an politischer Neutralität und wissenschaftlicher Kompetenz zu bewahren. Die OPK schuf sich eine dauerhafte ‚Nische‘ im sich entwickelnden sowjetischen System, so Junges Antwort. Die Organisation war das Ergebnis eines Kompromisses, der anfänglich alle zufriedenstellte: Der junge Partei-Staat war auf die OPK angewiesen, da es ihm an Personen und Konzepten fehlte, um den Bedarf an Traditionsbildung zu befriedigen. Gleichzeitig ordneten sich die ehemaligen Revolutionäre, unter ihnen viele aus diversen nicht-bolschewistischen Parteien (SR, Menschewiki, Anarchisten, Bundisten usw.), einer bolschewistischen Leitung in der Organisation unter und bekamen im Gegenzug materielle Unterstützung vonseiten des Sowjetstaats (Renten und weitere Leistungen) – ein unentbehrliches Gut in Zeiten der Not. So integrierte der Parteistaat durch die OPK bedeutende Figuren der revolutionären Vergangenheit und sicherte sich die Loyalität potentieller Widersacher. Materielle Privilegien gegen Integration und autonome Erinnerungskultur gegen bolschewistische Oberaufsicht – so sah der Kompromiss aus, der der OPK ihr spezifisches Profil verlieh und ihr bis Mitte der dreißiger Jahre das Überleben garantierte; allmählich zerbröckelte er jedoch.

Im Einzelnen verfolgt der Autor die etappenweise Unterwerfung der OPK unter die Partei während der NÖP und der Stalin-Ära. Unter der Drohung der endgültigen Schließung und dem administrativen und polizeilichen Druck verlor die Gesellschaft allmählich ihre Autonomie als „unpolitischer Traditionsverein“. Ursprünglich war sie als parteipolitisch neutrale Organisation gegründet worden. Mitglieder der VKP(b) waren zwar durchgängig in Leitungsfunktionen der OPK, sie dominierten aber bis Mitte der zwanziger Jahre nicht einmal alle ihre Gremien. Erst 1924 gelang es dem OPK-Leiter V. Vilenskij-Sibirjakov, fast sämtliche Organe durch Kommunisten lenken zu lassen. Allerdings bedeutete „Bolschewisierung“ zunächst einmal nicht Politisierung und Verringerung der Aktivitäten der Gesellschaft. Vilenskij - Sibirjakov bemühte sich vielmehr, den Pluralismus gedeihen zu lassen und der OPK große Dynamik zu verleihen. Er konnte jedoch nicht vermeiden, dass sie zum „Nebenschauplatz der innerparteilichen Auseinandersetzungen“ (S. 223) zwischen Stalin und Trotzki wurde. 1927 des Trotzkismus bezichtigt, wurde Vilenskij-Sibirjakov abgelöst. Von nun an musste sich die OPK der von der Stalinschen Gruppe vorgegebenen Generallinie fügen. Der letzte Leiter der OPK, I. Teodorovič, verstand es trotz Glavlit-Zensur, trotz Angriffen durch prominente Historiker und trotz gnadenloser Disziplinierung durch die Kultpropabteilung des ZK, intellektuelle und verlegerische Freiheiten zu sichern und die Instrumentalisierung der historischen Tätigkeit der OPK bis zum Jahre 1932 zu meiden, als die Gesellschaft zu einer reinen „Propagandainstitution der Partei“ (S. 387) wurde.

Junge stellt diese im Ganzen deprimierende Untergangsgeschichte, die viele sowjetische Vereinigungen in ähnlicher Weise durchmachen mussten, sehr komplex dar. Er zeigt, dass der Unterwerfungstrend kein „einheitliches, von einem bestimmten politischen oder staatlichen Organ koordiniertes Vorgehen nach genauen Zielvorstellungen oder Richtlinien“ war (S. 166): Die Initiativen zu den Struktur- und Personaländerungen (Bolschewisierung, Entmachtung der demokratischen Mechanismen, Säuberungen) geschahen in vielen Fällen nicht auf Druck von außen, sondern auf Initiative von Parteimitgliedern in der OPK. Umgekehrt waren manche Bol’ševiki – allen voran die Leiter Vilenskij-Sibirjakov und Teodorovič – daran interessiert, eine gewisse intellektuelle Autonomie zu bewahren und die fachliche Kompetenz, auch von Nicht-Parteimitgliedern, höher als politische Loyalität zu bewerten. Insgesamt gilt, dass die Kommunisten in der OPK in Anhänger einer strengeren Anbindung an die Partei und Autonomie-Befürworter gespalten waren. Zweitens ließ sich die Partei auf materielle Kompensierungen für zurückgenommene Freiheiten „als flankierende Maßnahme der Unterordnung“ ein (S. 164). So konnte die OPK ihre Attraktivität durch materielle Leistungen Mitte der zwanziger Jahren noch erhöhen.

Übertrieben hingegen ist die zentrale Behauptung des Autors, die OPK habe ständig und erfolgreich Katz und Maus mit der Partei gespielt und so ihr Fortleben errungen. Junge staunt über die „Überschreitung und Auslotung“ der vom Partei-Staat auferlegten „Grenzen“ (S. 385), sowie darüber, dass die OPK „die Praxis der Kontrollen offensichtlich […] verschlepp[te]“ (S. 407) und die „bestehende[n] Reglementierungen unterl[ief]“ (S. 351). Leider wird dieses Argument nicht bewiesen. Was der Leser in den von Junge ausgebreiteten Archivmaterialien der Gesellschaft entdeckt, sind vielmehr die versuchte Einhaltung der ständig wechselnden Spielregeln und die mutige Forderung nach Erhalt eines fairen intellektuellen Austauschs. Die OPK-Leiter wendeten dazu klassische sowjetische Überlebenstaktiken an, die weniger auf List beruhten als auf dem Spiel auf der Klaviatur des Klientelismus: So bettelten sie bei ihren Patronen um direkte Hilfe und um deren Eingreifen bei Konflikten. Genauso fragwürdig ist Junges These, die OPK habe von der Heterogenität der Partei profitiert, indem sie deren innere „Widersprüche“ ausgenutzt habe (S. 400). Ihre „Gründung [sei] nur möglich [gewesen] aufgrund der heterogenen Struktur der RKP(b)“, heißt es außerdem (S. 75). Auch hier fehlen handfeste Beweise, dass sich innerhalb der Parteiführung verschiedene Meinungen zur OPK herausgebildet hätten.

Der Leser erfährt überhaupt sehr wenig über die Partei und die Welt außerhalb der OPK, weil Junge eine ausschließlich institutionenfokussierte Analyse der Vereinigung liefert. Im Ergebnis wirken die wichtigsten Entwicklungen und Debatten innerhalb der OPK merkwürdig dekontextualisiert. So verdienstvoll das sorgfältige Nacherzählen und Deuten von Sitzungen und Korrespondenzen ist – die Argumente und Beschlüsse werden nicht mit den allgemeinen Tendenzen der sowjetischen intellektuellen Landschaft in Zusammenhang gebracht. Es entsteht kein umfassendes Bild der historiographischen Entwicklungen. Diese Kritikpunkte sollen aber in keiner Weise die grundsätzliche Leistung des Buchs überlagern: Junge hat die beste archivgestützte Monographie zur Geschichte der OPK, einer der wichtigsten gesellschaftlichen Organisationen der früheren Sowjetunion, geschrieben, die einige gängige Deutungen korrigiert, insbesondere die These, die OPK sei schon 1924 eine „Zweigstelle der Partei“ (S. 440) geworden. Junge bestätigt die etablierte Forschungsmeinung, der zufolge die NÖP als Übergangsphase zum Stalinismus zu verstehen ist und die gesellschaftlichen Organisationen in dieser Periode als systemtragend, aber noch nicht als völlig instrumentalisiert gelten können.