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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      Jahrbücher für Geschichte Osteuropas / jgo.e-reviews
      Author (Review)
      • Rutar, Sabine
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch
      Author (Monograph)
      • Sojčić, Tvrtko P.
      Title
      Die "Lösung" der kroatischen Frage zwischen 1939 und 1945
      Subtitle
      Kalküle und Illusionen
      Year of publication
      2008
      Place of publication
      Stuttgart
      Publisher
      Steiner
      Series
      Historische Mitteilungen: Beihefte
      Series (vol.)
      71
      Number of pages
      475
      ISBN
      978-3-515-09261-6
      Subject classification
      Military History, Political History, Social and Cultural History
      Time classification
      20th century → 1930 - 1939, 20th century → 1940 - 1949
      Regional classification
      Europe → Southern Europe → South Eastern Europe → Croatia
      Subject headings
      Ustascha
      Jugoslawien
      Kollaboration
      Partisanenkrieg
      Weltkrieg <1939-1945>
      Geschichte 1939-1945
      recensio.net-ID
      61a9d432f8278c963468b2a7145787c3
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Tvrtko P. Sojčić: Die "Lösung" der kroatischen Frage zwischen 1939 und 1945. Kalküle und Illusionen (reviewed by Sabine Rutar)

Ausgabe: jgo.e-reviews 2011, 2

Verfasst von: Sabine Rutar

 

Tvrtko P. Sojčić Die „Lösung“ der kroatischen Frage zwischen 1939 und 1945. Kalküle und Illusionen. Franz Steiner Verlag Stuttgart 2008. 475 S. = Historische Mitteilungen (HMRG). Beiheft, 71. ISBN: 978-3-515-09261-6.


Akribisch und detailreich zeigt Tvrtko Sojčić anhand der internationalen Forschungsliteratur zu dem von 1941 bis 1945 bestehenden Unabhängigen Staat Kroatien (Nezavisna Država Hrvatska, NDH) auf, wie schwer sich die Forschung tut, die Wirkungen von erst kommunistisch, dann nationalistisch oktroyierter Geschichtsschreibung abzuschütteln. Der Autor bedient sich dabei ausschließlich der „analytisch-deskriptiven und explikativen Methode“ (S. 17) und stellt kontroverse Themen versiert in ihren oft widersprüchlichen Kontexten hinsichtlich Quellenlage und deren Aufarbeitung dar, „um dem Leser die Bildung eines eigenständigen Urteils bzw. die Recherche unterschiedlicher Auffassungen zu ermöglichen“ (S. 17). Es gehe ihm allein um eine „Bestandsaufnahme der aktuellen historischen Forschung“ (S. 13) und somit nicht um die Eruierung neuer Forschungsergebnisse, mittels derer historiographische Fehlinterpretationen und Schlagseiten zurechtzurücken wären.

Seine Bestandsaufnahme gelingt Sojčić gut, und insofern wird er seinem eigenen Anspruch gerecht. Allerdings bleiben die Adressaten der Studie etwas unklar: Für mit dem Thema unvertraute Leserinnen und Leser ist das Buch zu dicht und detailbepackt (1.906 Anmerkungen auf 428 Seiten Text!), während es für Kenner trotz der Faktenfülle kaum wirklich Neues liefert. Im Gegenteil, Letztere stolpern bei der Lektüre des öfteren über Redundanzen und auch inhaltliche Widersprüchlichkeiten. Trotzdem kann diese Gesamtschau der zukünftigen Forschung als Basis dienen, zumal der Autor sich nicht scheut, Ursachen, Wirkungen und Verantwortlichkeiten der immer komplizierten ethnischen und ideologischen Gemengelagen zu benennen. Der Detailreichtum der Fußnoten scheint nicht zuletzt auch eine Art Absicherungscharakter zu besitzen, um jedem Vorwurf der Einseitigkeit von vornherein eine Absage zu erteilen.

Inhaltlich gerät der Band weitgehend zu einer chronologisch angeordneten Diplomatie- und Militärgeschichte, unter Konzentration auf die Außenpolitik Deutschlands und Italiens im Krieg sowie die deutsch-kroatischen und, in geringerer Ausführlichkeit, italienisch-kroatischen Beziehungen. Er beginnt mit dem Ende der Ära Stojadinović, beschreibt das Ende des Zwischenkriegsjugoslawiens, die Zerschlagung des Staates im Aprilkrieg 1941, die Ausrufung der NDH noch vor der jugoslawischen Kapitulation, das Ustaša-Regime und dessen Terror sowie die Dynamiken der Kriegsparteien auf dem Gebiet der NDH. Hier ist das Teilkapitel zur Rolle der katholischen Kirche in der NDH hervorzuheben (S. 274–297), das eine gelungene Zusammenfassung darstellt und durchaus einen Beitrag zur historiographischen Objektivierung zu leisten vermag. Ähnlich ausgewogen auch der abschließende „Exkurs“ in die Diskussion um die jugoslawischen Kriegsopferzahlen (S. 361–392). Durchweg wird allerdings auch deutlich, dass der ‚alten‘, kommunistischen Mythologisierung neuerdings dezidiert anti-kommunistische, kaum minder tendenziöse Sichtweisen entgegengestellt wurden und werden – gestützt etwa durch die Rechtsgutachten eines Dieter Blumenwitz – , was die Forschungslage schwer durchschaubar und insgesamt nach wie vor prekär macht. Insbesondere den Einsteigern in das Thema wird es anhand dieses Bandes nicht immer leicht fallen, in den Anmerkungen Wissenschaft von politisch motivierter Pseudowissenschaft zu unterscheiden.

Mehrfach verwendet der Autor den Genozid-Begriff. An den ethnischen Deutschen in Jugoslawien sei von den Tito-Kommunisten ein „partieller Völkermord“ (S. 115) verübt worden. Trotz oder vielleicht gerade aufgrund der schon logisch unmöglichen Einschränkung „partiell“ im Zusammenhang mit Völkermord erscheint der Ausdruck so drastisch wie unentschlossen. Der Befund, es habe durch die Folgen der Kollektivschuldzuweisung schließlich „praktisch kein deutsches Minderheitenproblem“ (S. 115) mehr gegeben, ist allerdings zutreffend, ebenso wie die Schlussfolgerung, die ethnischen Deutschen seien „im Zuge der Besatzungspolitik sowohl zu Tätern als auch zu Opfern des ideologischen Konflikts zwischen dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus einerseits sowie der Stellung als Minderheit zwischen den slawischen Nationalismen andererseits“ (S. 115) geworden.

Erneut taucht der Genozid-Begriff im Zusammenhang mit der Gewaltpolitik der Ustaša der serbischen Bevölkerung gegenüber auf: „Die Abrechnung der Ustaše mit den Serben, welche den neuen kroatischen Staat nicht anerkannten, war erbarmungslos und trug durchaus die Züge eines Genozids bzw. Verbrechens gegen die Menschlichkeit“ (S. 235), und hier wird der Begriff auch problematisiert und dessen Anwendbarkeit aus Sicht des Autors erläutert. Überzeugender wird im Anschluss dargelegt, wie die serbischen Četnici die Massenvertreibung der Serben zur Vergeltung nutzten, was die Gewalt derart eskalieren ließ, dass – wie bekannt – die deutschen Dienststellen ihren Abscheu darüber äußerten (S. 237). Der ebenfalls zunehmende Terror der Tito-Partisanen gegenüber der Zivilbevölkerung brutalisierte die Kampfführung noch zusätzlich, so dass sich die Gewalt buchstäblich auf allen Seiten hochschaukelte. Die kommunistische Siegerjustiz suchte sich nach dem Krieg schließlich in der deutschen Bevölkerung sowie den inländischen nicht-kommunistischen Gruppen – den Ustaše, den Domobranzen, dem katholischen Klerus – diejenigen aus, die die Vergeltung für die Verbrechen der Besatzungsherrschaft zu spüren bekamen.

Im knapp einhundert Seiten umfassenden Kapitel zum Ustaša-Terror (S. 199–297) verdeutlicht Sojčić anschaulich die Natur des Krieges, der quer durch alle ethnischen und ideologischen Fronten zunehmend jeden gegen jeden aufbrachte. Allerdings kommt der Autor auch hier zu etwas eingleisigen, wenn nicht widersprüchlichen Schlussfolgerungen, wenn er etwa eingangs konstatiert, „niemand außer den Serben“ sei 1941 bereit gewesen, den jugoslawischen Staat zu verteidigen (S. 13), andererseits die Schuld für den Staatszerfall der „verantwortungslosen serbischen Offiziersgruppe, die das Wohl ihres Landes britischen Interessen und persönlichen Eitelkeiten opferte“ (S. 394) zuschreibt. Bei aller an den Tag gelegten Sachlichkeit, Konzentration auf die Fakten sowie balancierten Darstellung kontroverser Forschungsergebnisse kann auch er sich bisweilen seinem eigenen kroatischen Hintergrund nicht gänzlich entziehen – ein Indiz dafür, wie emotionsgeladen die historiographischen Interpretationen um Faschismus, Kommunismus und Kriege tatsächlich einstweilen bleiben.