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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      Jahrbücher für Geschichte Osteuropas / jgo.e-reviews
      Author (Review)
      • Anders, Freia
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch
      Author (Monograph)
      • Brandes, Detlef
      Title
      Die Sudetendeutschen im Krisenjahr 1938
      Year of publication
      2008
      Place of publication
      München
      Publisher
      Oldenbourg
      Series
      Veröffentlichungen des Collegium Carolinum
      Series (vol.)
      107
      Number of pages
      XIV, 399
      ISBN
      978-3-486-58742-5
      Subject classification
      Political History, Social and Cultural History
      Time classification
      20th century → 1930 - 1939
      Regional classification
      Europe → Eastern Europe → East-Central Europe → Czech Republic
      Subject headings
      Sudetendeutsche
      Gewalt
      Nationalsozialismus
      recensio.net-ID
      864fad4dadd3f5bace586a07b51a6bec
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Detlef Brandes: Die Sudetendeutschen im Krisenjahr 1938 (reviewed by Freia Anders)

Ausgabe: jgo.e-reviews 2011, 2

Verfasst von: Freia Anders


Detlef Brandes: Die Sudetendeutschen im Krisenjahr 1938. München: Oldenbourg, 2008. XIV, 399 S., 10 Tab., 4 Abb. = Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, 107. ISBN: 978-3-486-58742-5.

 

Auch 65 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges werden die Ursachen für die Aussiedlung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei noch kontrovers diskutiert. Zum 70. Jahrestag des „Münchner Abkommens“ hat Detlef Brandes eine vorzüglich ausgestattete, fundierte historische Studie vorgelegt, deren Perspektive sich auf die unmittelbare Zeit vor der von den europäischen Großmächten gebilligten Aufteilung des Landes richtet. Brandes zentrale Hypothese ist, dass die Entwicklung der Beziehungen zwischen Tschechen und Deutschen in den böhmischen Ländern, die schließlich zur „Vertreibung und Zwangsaussiedlung der Deutschen […] geführt“ (S. VII) habe, nicht nur in den tschechischen Erfahrungen mit der nationalsozialistischen Besatzungspolitik begründet liegt, sondern auch in der zunehmenden „Konfrontation“ zwischen den Bevölkerungsgruppen seit dem Wahlerfolg der Sudetendeutschen Partei bei den tschechoslowakischen Parlamentswahlen im Mai 1935. Diese Konfrontation kulminierte in der Zeit zwischen dem „Anschluss“ Österreichs am 12. März und dem „Münchner Abkommen“ vom 29. September 1938. Der Autor hat sich der Mühe unterzogen, die reichhaltige Literatur über die außen- und innenpolitischen Aspekte der „Sudetenfrage“ sowie tschechische regionalgeschichtliche Studien neu zu durchforsten. Erstaunlich ist, welche Fülle von Belegen er für seine These ausmachen kann. Dabei ist es nicht die große Politik, die er zu interpretieren beansprucht. Vielmehr interessiert ihn, „warum und wie die Sudetendeutsche Partei die Unterstützung von acht bis neun Zehntel [sic!] der Sudetendeutschen“ (S. VII) gewann, „obwohl sie sich Ende April 1938 zum Nationalsozialismus bekannte“ (S. 319). Sein Material erlaubt die Interpretation, dass ihr der Erfolg beschieden war, eben weil sie sich zum Nationalsozialismus bekannte.

Das Buch verfolgt streng chronologisch die Politik der Sudetendeutschen Partei (SdP) in der Region und das alltagsgeschichtliche Geschehen „vor Ort“. Brandes’ methodisch klassisch gehaltene Darstellung liefert eine „dichte Beschreibung“ der Ereignisse auf einer beeindruckend breiten Quellenbasis. Neben Aufzeichnungen von Politikern und dem einschlägigen Fond der Sudetendeutschen Partei greift Brandes vor allem auf die in Prager Archiven einsehbaren Bestände des Innenministeriums und der Landesbehörden zurück, also auf Berichte der Polizeibehörden, Bezirkshauptleute, Finanzwachen an den Grenzen und auf Beschwerden sowohl von Seiten der tschechischen Minderheit als auch von deutschen Sozialdemokraten und Kommunisten. Diese Quellen geben minutiös Auskunft über das Ausmaß der bereitwilligen, aber auch distanzierten Akzeptanz, die die Politik der SdP unter Führung Konrad Henleins in der sudetendeutschen Bevölkerung fand.

Zu Beginn der Studie werden die nationalen Auseinandersetzungen in der Ersten Republik resümiert. Für die Jahre 1935 bis 1937 beschreibt Brandes die wachsende Unzufriedenheit der deutschen Bevölkerung Böhmens und Mährens über vermeintliche und tatsächliche Benachteiligungen, die als nationale Diskriminierung wahrgenommen wurden. Dazu gehören die wirtschaftliche Lage in der von der Wirtschaftskrise besonders betroffenen strukturschwachen Region, die Kritik am verfassungsrechtlichen Konzept des „tschechoslowakischen Nationalstaates“ oder die gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil unterproportionale Beschäftigung von Deutschen im öffentlichen Dienst, für die ausreichende Kenntnisse des Tschechischen Voraussetzung waren. Die zeitgenössischen sudetendeutschen Gravamina, die in der neueren Forschung (Boyer, Kučera, von Puttkamer) mittlerweile kritisch hinterfragt wurden, werden in ihrer Relevanz für die politische Stimmung in der Region betrachtet, die ihnen zugrunde liegenden Fakten dabei nüchtern abgewogen.

Aufgezeigt werden die von der Bevölkerung als wenig erfolgreich wahrgenommenen Bemühungen der deutschen, sich zur Republik bekennenden ‚aktivistischen‘ Parteien, strukturelle Maßnahmen zur Befriedigung sudetendeutscher Interessen bei der Prager Regierung durchzusetzen. Ähnlich taten sich die Verbände der in den Sudetengebieten lebenden tschechischen Minderheit – der „Grenzler“ – schwer, die Interessen ihrer Anhänger zu wahren. Zudem scheiterte die Umsetzung mühsam auf Regierungsebene ausgehandelter Unterstützungsmaßnahmen, z. B. des „Feber-Abkommens“ von 1937, an der Unwilligkeit untergeordneter Behörden (S. 29 ff). Die SdP dagegen konnte noch zu einem Zeitpunkt Zugeständnisse der Prager Regierung in den Verhandlungen um eine „völkische Selbstverwaltung“ verbuchen, als sie sich längst nicht mehr nur als sudetendeutsche Sammlungsbewegung präsentierte, sondern zum Nationalsozialismus bekannte und eine auf Deutschland gestützte „Volksgemein­schaft“ propagierte. Sie sollte künftig immer neue Forderungen an Prag richten, denen unter dem Druck der britischen und französischen Diplomatie Zugeständnisse der Prager Regierung folgten, die sich u.a. in der Arbeit an einem neuen Nationalitäten­statut ausdrückten.

Mit dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 sahen die SdP-Anhänger auch den Anschluss der Sudetengebiete in unmittelbare Nähe gerückt. Unter dem Eindruck begeisterter Kundgebungen und symbolischer Manifestationen setzte eine Phase der Selbstgleichschaltung ein. Die bürgerlichen Parteien und die in den Sudetengebieten besonders mitgliederstarken Verbände, Vereine und Berufsorganisationen lösten sich auf und unterstellten sich der SdP (S. 61ff). Der Sozialdemokratie, der vormals stärksten deutschen Partei in der ČSR, gelang es nicht, in Sachen Nationalismus mit der SdP zu wetteifern. (Siehe hierzu auch Klaus Sator Anpassung ohne Erfolg. Die sudetendeutsche Arbeiterbewegung und der Aufstieg Hitlers und Henleins 1930–1938. Darmstadt 1996.) Gerade einmal in der Hälfte der Gemeinden konnte sie bei den Kommunalwahlen im Juni 1938 noch eigene Kandidaten aufstellen. Ihre Mitglieder litten nicht nur unter alltäglichen Repressionen, sondern ließen sich auch von der Polemik der faschistischen Sammlungsbewegung, „dass sie die Sozialdemokraten, nachdem sie die Verschmelzung mit der SdP abgelehnt hätten, nicht mehr als Deutsche betrachte“ (S. 75), beeindrucken. Plädoyers für eine neue Sammlungsbewegung unter den demokratischen Deutschen vermissten die praktische Unterstützung der Prager Regierung.

Die Schilderung der alltäglichen Drohungen gegen Tschechen, Juden und demokratisch gesinnte Deutsche am Arbeitsplatz, auf der Straße, in den Gastwirtschaften bis hinein in private Wohnungen nimmt breiten Raum ein. Ihre Geschäfte wurden boykottiert; sudetendeutsche Unternehmer forderten von ihrer Belegschaft den Beitritt zur SdP, der auch von Schul- und Hochschullehrern propagiert wurde. Zeitungen veröffentlichten Namen deutscher Kinder, die tschechische Schulen besuchten. Den Angehörigen der tschechischen Minderheit wurde angekündigt, dass sie das Gebiet nach einem „Anschluss“ verlassen müssten und ihr Eigentum konfisziert würde. Immer wieder wurde auch von Tätlichkeiten gegen tschechische Beamte berichtet. Antisemitische Kundgebungen, Boykottaufrufe und Ausschreitungen gehörten zur Tagesordnung. Viele Juden verließen bereits vor dem „Münchner Abkommen“ die Grenzgebiete oder gar die Tschechoslowakei. Ein System von „Nachbarschaften“ und „Kameradschaften“ sorgte für die symbolische Akklamation bei Aufmärschen und Festen. Zum 1. Mai 1938 konnte die SdP ihr gesamtes Mobilisierungspotential unter Beweis stellen. Die Zahl ihrer Mitglieder stieg zwischen März und Juli 1938 von etwa 760.000 auf mehr als 1,3 Millionen. Die Gesellschaft der Sudetengebiete erlebte die ideologische Durchdringung durch den Nationalsozialismus als Konglomerat von Zustimmung, Opportunismus und Angst vor der Besetzung durch die Wehrmacht, die im Oktober 1938 schließlich erfolgte. „Als Nicht-Nazi in den Sudetengebieten zu leben war reines Heldentum“, schrieb die britische Journalistin Sheila Grant Duff 1938. Dem kann man nach der Lektüre der Schilderungen von Brandes nur zustimmen.

Nach Hitlers Rede auf dem Nürnberger Reichsparteitag vom 12. September, in der er an die Millionen Deutschen jenseits der Grenze appellierte, kam es zur sogenannten Septemberkrise. Nach einer Welle von Übergriffen auf Sozialdemokraten, Kommunisten, Juden und Tschechen sah sich die Prager Regierung gezwungen, in einer Reihe von Gemeinden den Ausnahmezustand zu verhängen. Kurz darauf drangen im Deutschen Reich aufgestellte Sudetendeutsche Freikorps in die Grenzgebiete ein. Sie überfielen Grenzeinrichtungen, entführten politische Gegner und inszenierten unter Beteiligung der Bevölkerung weitere Ausschreitungen. Als die Regierung endlich ihre Truppen mobilisierte, gelang es ihr nicht mehr, die staatliche Souveränität im Grenzgebiet wiederherzustellen. Erst der Einmarsch der Wehrmacht beendete die Unruhen (vgl. Ralf Gebel „Heim ins Reich!“ Konrad Henlein und der Reichsgau Sudetenland (1938–1945). München 1999, S. 70).

Brandes hat seinen Gegenstand klar eingegrenzt. Er geht weder systematischen noch komparativen Fragestellungen explizit nach, obwohl sein Material z. B. für interregionale Vergleiche viele Anknüpfungspunkte bietet. Auch erhebt er nicht den Anspruch, in Forschungsdebatten zur Historiographie des Nationalsozialismus einzugreifen. Dennoch ist seine überzeugende Studie relevant für eine Perspektive, die sich von einer Opfer-Täter-Dichotomie zugunsten einer histoire croisée abkehrt und den Blick auf die materielle und ideelle Konstituierung einer deutschen Volksgemeinschaft über das Deutsche Reich hinaus lenkt.