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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      Jahrbücher für Geschichte Osteuropas / jgo.e-reviews
      Author (Review)
      • Scharf, Claus
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Čeština, Deutsch, Magyar, Polski, Slovenčina
      Editor (Monograph)
      • Haslinger, Peter
      • Franzen, K. Erik
      • Schulze Wessel, Martin
      Title
      Diskurse über Zwangsmigrationen in Zentraleuropa
      Subtitle
      Geschichtspolitik, Fachdebatten, literarisches und lokales Erinnern seit 1989
      Year of publication
      2008
      Place of publication
      München
      Publisher
      Oldenbourg
      Series
      Veröffentlichungen des Collegium Carolinum
      Series (vol.)
      108
      Number of pages
      XXVII, 559
      ISBN
      978-3-486-58053-2
      Subject classification
      Social and Cultural History
      Time classification
      20th century → 1980 - 1989, 20th century → 1990 - 1999, 21st century → 2000-2009
      Regional classification
      Europe
      Subject headings
      Vertreibung
      Quelle
      Diskurs
      Kollektives Gedächtnis
      Aufsatzsammlung
      Geschichte 1989-2005
      recensio.net-ID
      85ca8886e3f0639a671c037a782177ee
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Peter Haslinger / K. Erik Franzen / Martin Schulze Wessel (eds.): Diskurse über Zwangsmigrationen in Zentraleuropa. Geschichtspolitik, Fachdebatten, literarisches und lokales Erinnern seit 1989 (reviewed by Claus Scharf)

Ausgabe: jgo.e-reviews 2011, 2

Verfasst von: Claus Scharf


Diskurse über Zwangsmigrationen in Zentraleuropa. Geschichtspolitik, Fachdebatten, literarisches und lokales Erinnern seit 1989. Hrsg. von Peter Haslinger, K. Erik Franzen und Martin Schulze Wessel. München: Oldenbourg, 2008. XXVII, 559 S. = Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, 108. ISBN: 978-3-486-58053-2.


Eine hohe Aktualität signalisieren Stichworte wie das in Berlin geplante „Zentrum gegen Vertreibungen“, die Rolle der CDU-Bundestagsabgeordneten Erika Steinbach in den Beziehungen zwischen Deutschland und Polen oder die vor allem von Österreich und Bayern aus attackierten „Beneš-Dekrete“. Ungewöhnlich erscheint, dass hauptsächlich Historiker – ohne Zugriff auf Archivalien – einen Prozess analysieren, dessen Ende nicht abzusehen ist.

Der Sammelband mit einer Einführung von Peter Haslinger und Martin Schulze Wessel und 14 Beiträgen basiert auf einem mehrjährigen Forschungsprojekt und Konferenzen des Collegium Carolinum über jene Diskurse, die in Zentraleuropa seit dem Ende der kommunistischen Herrschaft über die europäischen Zwangsmigrationen zwischen 1938 und 1950 auf politischer Ebene und in den Medien geführt – oder auch nicht geführt – wurden. Auf die spezifisch westdeutsche Frühgeschichte der Erinnerungspolitik geht ein Rückblick von Mathias Beer ein, der im Gegensatz zu der neuerdings populären These, die Vertreibungen von Deutschen seien seit den sechziger Jahren im Zeichen der Entspannung zwischen den Blöcken in der Bundesrepublik tabuisiert gewesen, nüchtern von einem „kontinuierlich gepflegten Diskurs“ spricht, „in dem sich Phasen großer und solche eher geringer Intensität abwechselten“ (S. 273). Wirklich unterdrückt wurde das Thema hingegen im Interesse des sozialistischen Lagers im SED-Staat, so dass Elke Mehnert die Bearbeitung der Flüchtlings- und Umsiedlerproblematik durch einzelne Schriftsteller der DDR bis zur Wende als „Öffentlichkeitsersatz“ wertet (S. 239). Doch überwiegend setzen die Beiträge die bis 1989/90 auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs zementierte Unfähigkeit zu einem freien transnationalen Diskurs über die erzwungenen Migrationen in Europa zwischen 1938 und 1950 voraus. Die leitende Frage für den Sammelband könnte also lauten, was sich im Zeichen der neuen Freiheit, die inzwischen alle zentraleuropäischen Staaten in der Europäischen Union vereint, geändert hat, und die pauschale Antwort hieße dann, dass sich Ansätze zu einer Europäisierung der Erinnerungskultur zwar erkennen lassen, dass aber der ‚wind of change‘ von 1989 auch einem neuen Nationalismus Auftrieb verschaffte.

Dass Autoren aus acht Ländern gewonnen werden konnten und ihre Texte auf Deutsch präsentiert werden, zeugt von der Absicht der Herausgeber, den Blick deutschsprachiger Leser, als die sich der Rezensent nicht nur Fachwissenschaftler, sondern auch Journalisten, politisch Verantwortliche und überhaupt ein zeitgeschichtlich interessiertes Publikum vorstellen kann, über die ‚eigenen Opfer‘ hinaus zu lenken. Mit Recht mahnen Haslinger und Schulze Wessel in ihrer Einführung und K. Erik Franzen in seinem Beitrag über den Streit um das „Zentrum gegen Vertreibungen“ eine verantwortungsbewusste Abwägung der nationalen Leiderfahrungen gegenüber den parallelen deutschen zeitgeschichtlichen Diskursen über den rassenideologisch motivierten Vernichtungskrieg des nationalsozialistischen Deutschen Reiches und über die Shoa an. Piotr M. Majewski, Claudia Kraft, Maren Röger, Gerhard See­wann, Éva Kovács, Marína Zavacká, Christian Domnitz und Adrian von Arburg referieren kompetent den Zwischenstand der Diskurse in Polen, in der Slowakei, in Tschechien und in Ungarn bis zum Redaktionsschluss, der für die meisten Beiträge anscheinend ins Jahr 2006 zu datieren ist. Verallgemeinern lassen sich die Erkenntnisse mehrerer Verfasser, dass die durchaus beachtlichen Fortschritte einer internationalen, seit 1989/90 quellennahen Forschung kaum auf die Meinungsbildung, die medialen Umsetzungen und die Debattenformen einer breiten Öffentlichkeit einwirken und dass manche lokalen Initiativen den historischen Kontext der erzwungenen Transfers ziviler Bevölkerung angemessener würdigen und aktiver für eine Versöhnung über die heutigen Grenzen hinweg eintreten als zentrale Projekte mit dem Ziel einer repräsentativen Kultur der Erinnerung an das den eigenen Landsleuten widerfahrene Unrecht.

Bietet der Band durch vielfältige Fragestellungen insgesamt ein facettenreiches Bild, so sind jene Beiträge als methodologisch innovativ und substantiell weiterführend hervorzuheben, die Erinnerungskulturen verschiedener Länder explizit vergleichen und transnationale Wechselwirkungen nationaler Debatten offenlegen. So weist Piotr Majewski nach, dass der zwischen 1989 und 2001 unterschiedliche Verlauf der öffentlichen Diskurse in Polen über die „Aussiedlung“ (wysiedlenie) und in Tsche­chien über die „Abschiebung“ (odsun) der Deutschen Anfang 2002 in eine gemeinsame Tendenz der Verteidigung der jeweiligen „nationalen Interessen“ einmündete. Auslöser für diese Konvergenz waren die Versuche, die sich seit 1997 anbahnende Aufnahme Polens, Tschechiens und der Slowakei in die Europäische Union mit aus dem Ver­treibungsgeschehen der Jahre 1944 bis 1950 abgeleiteten deutschen, österreichischen und ungarischen Rechtsansprüchen zu blockieren, sowie einige einschlägige Politikerauftritte aus Anlass der Wahlen in Tschechien und Deutschland mit dem Ergebnis, dass die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und ihren beiden direkten östlichen Nachbarn seither nicht so gut sind, wie sie schon gewesen waren oder wie sie sein könnten. Marina Cattaruzza und Orietta Moscarda gelangen in ihrer Bilanz der in Deutschland außerhalb der Fachwissenschaft kaum wahrgenommenen öffentlichen Diskussionen in Italien, Slowenien und Kroatien über den Exodus der italienischen Bevölkerung aus Istrien zwischen der Endphase des Zweiten Weltkriegs und dem Londoner Memorandum von 1954 zu dem überzeugenden Schluss, dass Ansätze zu einem gemeinsamen versöhnenden Erinnern an einen blutigen Wirkungszusammenhang aus Krieg und Bürgerkrieg gegenwärtig hauptsächlich durch eine faktische Allianz von Anhängern der Traditionen der antifaschistischen und klassenkämpferischen Widerstandsbewegungen einerseits und rechter nationalistischer Kräfte andererseits abgewehrt werden. Vor dem Hintergrund der klaren Bekenntnisse deutscher Politiker zur historischen Schuld Deutschlands an Nationalsozialismus, Krieg und Völkermord seit Richard von Weizsäckers Rede am 8. Mai 1985 untersucht Heide­marie Uhl die einander widerstreitenden Opfer-Narrative in der Erinnerungskultur in Österreich: Während dessen politische Klasse seit 1945 die Republik vornehmlich als erstes Opfer der deutschen Eroberungspolitik dargestellt habe, seien seit dem Film „Holocaust“ im Gegenzug von rechten Kreisen um die FPÖ die visuellen Zeugnisse der Zwangsmigrationen deutschsprachiger Bevölkerung zunehmend instrumentalisiert worden, um die „Verbrechen der Siegermächte“ anzuprangern und Flüchtlinge und Vertriebene als „unsere Opfer“ ins Feld zu führen.

Auf über 150 Seiten bietet der Band zudem eine Auswahl der in den Beiträgen analysierten Dokumente staatlicher Institutionen, der Stellungnahmen von Parteien und Verbänden und einflussreicher Presseartikel, die in den Jahren 1990 bis 2007 in den einzelnen Ländern und grenzüberschreitend die Diskurse über die Zwangsmigrationen prägten. Dass die nichtdeutschsprachigen Texte im Original und in deutscher Übersetzung wiedergegeben werden, macht die Auswahl auch für Unterrichtszwecke geeignet. Hingegen wäre die 120 Seiten umfassende Bibliographie, die nur Spezialisten hilft, besser separat und mit einer sinnvolleren Gliederung veröffentlicht worden. Ihre Aufteilung nach den Ländern der Druckorte führt zu den Merkwürdigkeiten, dass Österreich gar nicht vorkommt und dass Helmut Kohl und Erika Steinbach allein unter dem Rubrum „Polen“ als Autoren geführt werden. Nutzer dieses informativen Bandes hätten stattdessen zur Erschließung des Dokumententeils und der zahlreichen Querverbindungen zwischen den Beiträgen mehr von einem Personenregister profitiert.