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    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      Jahrbücher für Geschichte Osteuropas / jgo.e-reviews
      Author (Review)
      • Renner, Andreas
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Русский
      Author (Monograph)
      • Nagornaja, Oksana S.
      Title
      Drugoj voennyj opyt
      Subtitle
      Rossijskie voennoplennye Pervoj mirovoj vojny v Germanii (1914-1922)
      Year of publication
      2010
      Place of publication
      Moskva
      Publisher
      Novyj Chronograf
      Number of pages
      439
      ISBN
      978-5-94881-105-5
      Subject classification
      Military History, Social and Cultural History
      Time classification
      20th century → 1900 - 1919, 20th century → 1920 - 1929
      Regional classification
      Europe → Western Europe → Germany, Europe → Eastern Europe → Russia
      Subject headings
      Deutschland
      Russischer Kriegsgefangener
      Geschichte 1914-1922
      recensio.net-ID
      d5cdfb97244ccc408d9b17f645378b4a
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Oksana S. Nagornaja: Drugoj voennyj opyt. Rossijskie voennoplennye Pervoj mirovoj vojny v Germanii (1914-1922) (reviewed by Andreas Renner)

Ausgabe: jgo.e-reviews 2011, 2

Verfasst von: Andreas Renner

 

Oksana S. Nagornaja Drugoj voennyj opyt. Rossijskie voennoplennye Pervoj mirovoj vojny v Germanii (1914–1922) [Eine andere Kriegserfahrung. Russländische Kriegsgefangene im Ersten Weltkrieg in Deutschland (1914–1922)]. Moskva: Izdat. Novyj chronograf, 2010. 440 S., Abb. ISBN: 978-5-94881-105-5.


Die Internierung von Kriegsgefangenen in Lagern fernab des Kampfgeschehens und für längere, zunächst unbestimmte Zeit ist eine junge militärische Praxis. Sie setzte sich erst im 20. Jahrhundert als Massenphänomen durch. Während des Ersten Weltkriegs gerieten fast 1,5 Mio. Angehörige der zarischen Streitkräfte in deutsche Gefangenschaft – deren Erfahrungen analysiert die Čelabinsker Historikerin Nagornaja in einer ausführlichen und klar strukturierten Studie. Die unbekannte Situation der Lagerhaft, der Einsatz zur Zwangsarbeit und die fehlende Unterstützung durch die zarische Regierung bildeten Erfahrungskonstanten, vor deren Hintergrund die Gefangenen die Kriegsniederlage und die Revolution in Russland wahrnahmen und schließlich die Rückkehr in eine fremd gewordene Heimat antraten. Dies stellte eine andere, aber nicht weniger einschneidende Erfahrung des totalen Kriegs dar als die Eindrücke aus den technisierten Materialschlachten des Weltkriegs. Die Arbeit von Nagornaja ist während ihrer zweijährigen Mitarbeit im Tübinger Sonderforschungsbereich „Kriegserfahrung“ entstanden, der dem Thema Kriegsgefangenschaft insgesamt nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet hat. Insofern stößt die Studie in eine doppelte Forschungslücke vor: Sie erweitert den Bereich der Kriegserfahrungsgeschichte um eine ausführlich recherchierte Fallstudie, und dank ihrem analytischen Erfahrungsbegriff geht die Verfasserin auch über die heimatkundliche Rekonstruktion der Lagerwelt hinaus, wie sie noch immer im Zentrum so vieler Auswertungen der von Kriegsgefangenen verfassten Erinnerungsliteratur steht.

Ihre Arbeit hat Nagornaja in fünf Kapitel gegliedert. Die Analyse beginnt mit dem internationalen Diskurs über die Rechte und den Status von Kriegsgefangenen, der seit dem späten 19. Jahrhundert zu ersten internationalen Vereinbarungen geführt hatte. Diese Diskussion gehörte ohne Frage zu den erfahrungsleitenden Faktoren während der Lagerhaft, auch wenn, anders als für die Kriegsgefangenen der Westfront, für die russländischen Internierten keine Nachverhandlungen stattfanden. Stärker als das Völkerrecht wirkte daher wohl die Stigmatisierung der Kriegsgefangenschaft als Verrat oder Versagen. Die zweite Ebene der Kriegsgefangenschaftserfahrung stellte das eigentliche Lagererlebnis dar, nämlich die Ohnmacht gegenüber einem unbekannten Isolations-, Überwachungs- und Disziplinierungsapparat. Die slavophobe Verachtung, die den Internierten mehrheitlich entgegenschlug, und die Rücksichtslosigkeit, mit der ihre Arbeitskraft ausgebeutet wurde, nennt Nagornaja im Vergleich mit den Exzessen des Zweiten Weltkriegs ein Übergangsphänomen. Insbesondere Kontakte mit der Zivilbevölkerung stellten gegenläufige Erfahrungen dar. Die dritte Erfahrungsebene bildete die im Rückblick oft verklärte Lagergemeinschaft, die tatsächlich aber von Konflikten im Kampf ums Überleben oder für alltägliche, persönliche Vorteile durchzogen war. Nicht zuletzt versuchten die deutschen Bewacher diese Spannungen durch gezielte Ungleichbehandlung etwa entlang ethnischer Konfliktlinien zu verstärken. Als vierte Erfahrungsebene untersucht Nagornaja Anpassungsstrategien der Gefangenen, die von Apathie und Religiosität über Kooperation und Germanophilie bis zum verzweifelten Aufbegehren reichten. Das letzte Kapitel zeichnet nach, wie Dritte im politischen Diskurs des revolutionären Russland die Erfahrungen der Kriegsgefangenen aufgriffen und wie die Heimkehrer selbst in die Nachkriegsordnung integriert bzw. in das Bürgerkriegschaos hineingezogen wurden. In und nach den gewaltreichen Wirren verblasste die Erinnerung an den Weltkrieg in Russland deutlich schneller als in anderen Ländern.

Nagornaja stützt ihre Untersuchung auf sowjetische und deutsche Archivquellen, die den offiziellen Umgang mit den Kriegsgefangenen und die Lagerverhältnisse dokumentieren, ferner auf Selbstzeugnisse der Gefangenen sowie auf publizistische Texte. Die Materialgrundlage ist beeindruckend. Umso mehr überrascht, wie wenig Raum die Verfasserin den Inhalten, Deutungen und konkreten Erfahrungskategorien der Gefangenen einräumt – im Unterschied zu den sozialen und politischen Erfahrungsbedingungen. Ein entsprechendes resümierendes Kapitel, angelegt über der Chronologie und den Ebenen der Erfahrungsprägung, hätte die Arbeit abgerundet. Zwei kurze Kapitel über die Memoiren von Emigranten im Vergleich mit den Erinnerungen von Sowjetbürgern bzw. über die Erinnerungsgemeinschaften von Offizieren im Kontrast zu einfachen Soldaten gehen nur andeutungsweise in diese Richtung. Trotzdem bleibt festzuhalten: Nagornaja überzeugt mit ihrer Vermessung des Erfahrungsraums von russischen Kriegsgefangenen in Bezug zu verschiedenen Erwartungshorizonten. Diese beiden scheinbar so alltäglichen Kategorien sind komplizierte Forschungsinstrumente, weil sie sich in dem ereignis- und erfahrungsreichen Untersuchungszeitraum beständig änderten. Mit diesem Wechselspiel geht Nagornaja als Forscherin wie als Autorin souverän um.