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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      Jahrbücher für Geschichte Osteuropas / jgo.e-reviews
      Author (Review)
      • Stolberg, Eva-Maria
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Русский
      Author (Monograph)
      • Tichvinskij, Sergej L.
      Title
      Vosprijatie v Kitae obraza Rossii
      Year of publication
      2008
      Place of publication
      Moskva
      Publisher
      Nauka
      Number of pages
      246
      ISBN
      978-5-02-036739-5
      Subject classification
      History, Social and Cultural History
      Time classification
      Modern age until 1900 → 17th century, Modern age until 1900 → 18th century, Modern age until 1900 → 19th century, 20th century, 21st century → 2000-2009
      Regional classification
      Europe → Eastern Europe → Russia, Asia
      Subject headings
      Russlandbild
      China
      Geschichte 1650-2007
      recensio.net-ID
      963a11219ba3ede9abc2a1e39629a453
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Sergej L. Tichvinskij: Vosprijatie v Kitae obraza Rossii (reviewed by Eva-Maria Stolberg)

Ausgabe: jgo.e-reviews 2011, 2

Verfasst von: Eva-Maria Stolberg

 

Sergej L. Tichvinskij: Vosprijatie v Kitae obraza Rossii [Die Wahrnehmung des Russland-Bildes in China]. Moskva: Izdat. Nauka, 2008. 246 S. ISBN: 978-5-02-036739-5.


Sergej L. Tichvinskij, Direktor des Instituts des Fernen Ostens der Russländischen Akademie der Wissenschaften in Moskau, widmet sich in dem vorliegenden Buch einem – angesichts der zunehmenden Bedeutung transkultureller Geschichtsforschung – wichtigen Thema, nämlich der Russland-Perzeption in China. Dabei spannt er einen weiten Bogen von der Frühen Neuzeit, von der Anbahnung erster diplomatischer Kontakte gegen Ende des 17. Jahrhunderts, bis in die gegenwärtige postsowjetische Zeit der so genannten strategischen Partnerschaft mit China.

Die Intention ist vielversprechend, aber der Autor wird ihr im Laufe der Darstellung nicht gerecht. Zu sehr schimmern die alten, aus sowjetischer Zeit stammenden marxistisch-leninistischen Paradigmen durch, von denen sich der Autor nicht trennen kann. Auch dieses Buch reiht sich unter die zahlreichen vom Institut des Fernen Ostens herausgegebenen Studien ein, die mit einer politischen Intention geschrieben wurden. Das liegt gerade auch in der Geschichte des Instituts begründet, das zur sowjetischen Zeit vor allem dazu diente, die wissenschaftliche Basis für die sowjetische Ostasienpolitik zu legen. Sergej Tich­vinskij hat als langjähriger Direktor das Institut des Fernen Ostens maßgeblich geprägt. Kurz und gut – das Buch ist mit alter ideologischer Brille geschrieben. Auf die Entwicklung des Russlandbildes in China geht Tichvinskij zwar zu Beginn ein, doch im weiteren Verlauf schwenkt der Fokus doch mehr auf die russische/sowjetische Sichtweise.

Am gelungensten ist Kapitel 1 über die frühneuzeitlichen Beziehungen. Zu Recht weist Tichvinskij auf die gemeinsame Geschichte von Russen und Chinesen unter mongolischer Herrschaft im Mittelalter und die Entstehung einer eurasischen Verflechtung hin, die bis in die Moderne anhält. Auf diesen Leitfaden für das russisch-chinesische Verhältnis und die kulturelle Wahrnehmung hätte sich der Autor stärker konzentrieren müssen. Die eurasische Verflechtung verstärkte sich in der Frühen Neuzeit mit der russischen Erschließung Sibiriens, wodurch beide Länder Nachbarn wurden. Während Russland – wie andere europäische Staaten der Frühen Neuzeit – von einer China-Faszination (man kann hier von einem überhöhten China-Bild im Zeitalter der Aufklärung sprechen) erfasst wurde, sahen die gebildeten Chinesen, d.h. die Angehörigen der konfuzianischen Elite, in den Russen nur einen unter vielen „barbarischen Stämmen“ im Nordwesten ihres Reiches. Der geographische Nordwesten, wo die Mongolen, die sibirischen Waldvölker und schließlich die Russen lebten, stellte aus chinesischer Sicht eine ‚Wildnis‘ dar. Erst mit der Intensivierung diplomatischer und wirtschaftlicher Kontakte im 18. Jahrhundert begann sich die chinesische Perzeption zu ändern. Chinesische Gesandte und Kaufleute vermittelten erstmals genauere geographische und ethnographische Kenntnisse über das Russländische Reich. Es zeigte sich ein Interesse für den Herrschaftsstil der Zaren, aber auch für die Sitten und Gebräuche der russischen Bevölkerung. Beobachtungen wurden schriftlich festgelegt, dokumentieren aber auch eindeutig ein kulturelles Überlegenheitsgefühl ihrer Verfasser. Kapitel 2 widmet sich dem russisch-chinesischen Verhältnis im Zeitalter des Imperialismus (1858–1917). Auffällig ist hier die positive Bewertung der russischen Politik gegenüber China und gleichzeitig der klare anti-angelsächsische Unterton. Die chinesische Innenpolitik wird einseitig und plakativ als „Antagonismus militärisch-feudaler Gruppierungen“ (S. 37ff.) dargestellt, der durch das Eingreifen der Briten an Schärfe gewonnen habe. Dass die Russen an den „Ungleichen Verträgen“ in nicht geringem Maße beteiligt waren und dass China – neben Zentralasien – ein Schauplatz des russisch-britischen Great Game war, wird verschwiegen. Die Interpretationsmuster „Feudalismus“ und „westlicher Imperialismus“ sind in ihrer Starrheit ungeeignet, die Dynamiken von chinesischer Innenpolitik und europäischer Expansionspolitik aufzudecken; sie entstammen zudem dem überholten Repertoire der sowjetisch-marxistischen Geschichtswissenschaft. Das zeigt sich im übrigen auch in Kapitel 3, das dem sowjetisch-chinesischen Verhältnis zwischen 1917 und 1949, also der chinesischen Bürgerkriegszeit gewidmet ist. Auch hier findet sich eine Schwarz-Weiß-Malerei: „[D]ie progressiven Kräfte der chinesischen Gesellschaft“ [welche?, E.S.] nahmen sich die russische Oktoberrevolution zum Vorbild im Kampf gegen „die militaristischen Gruppierungen“ [gemeint sind hier die chinesischen warlords; E.S]) und den „US-amerikanischen Imperialismus“. (S. 56ff.) Kapitel 4 beschreibt den Einfluss der russischen und sowjetischen Literatur in China – wobei unklar bleibt, inwieweit diese in der chinesischen gebildeten Bevölkerung verbreitet war, – gerade auch im Vergleich mit der westeuropäischen und amerikanischen Literatur. In Kapitel 5 skizziert der Autor die sowjetisch-chinesischen Beziehungen vor der Gründung der Volksrepublik China. Der Fokus liegt hier einseitig auf dem Einfluss sowjetischer Berater; die Beschreibung der chinesischen Gesellschaft erfolgt aus deren Sicht. Auch Kapitel 6, das die weitere Entwicklung von 1949 bis zum Tod Maos zum Gegenstand hat, glorifiziert die sowjetische „Bruderhilfe“ ohne jegliche kritische Distanz. Die Volksrepublik China erscheint hier als die sowjetische Kulturleistungen ‚empfangende‘ Seite. Es folgt schließlich eine polemische Auseinandersetzung mit Maos „Großer Proletarischer Kulturrevolution“ und dem „maoistischen Antisowjetismus“. (S. 162ff.) Dabei werden die innenpolitischen Hintergründe der Kulturrevolution wie auch die chinesische Perspektive des sowjetisch-chinesischen Grenzkonfliktes am Ussuri ausgeblendet. Die Kapitel 7 und 8 werfen einen Blick auf die Zeit von 1989 bis heute. Ob von einer Normalisierung oder sogar von einer „strategischen Partnerschaft“ tatsächlich die Rede sein kann, ist eher zu bezweifeln. Jenseits aller auf beiden Seiten benutzten diplomatischen Floskeln ruft der Aufstieg Chinas zu einer wirtschaftlichen und militärischen Großmacht im postsowjetischen Russland eher Argwohn hervor.

In der Gesamtschau kann das Buch nicht überzeugen, zu sehr steht die russisch-chinesische „Völkerfreundschaft“ im Vordergrund; eine kritische Reflexion des beiderseitigen Ver­hältnisses findet nicht statt. Bei der Lektüre entsteht der Eindruck, dass es dem Autor mehr um die Glorifizierung der russischen Politik als um das Russland- bzw. Sowjetunionbild in China ging.