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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      Jahrbücher für Geschichte Osteuropas / jgo.e-reviews
      Author (Review)
      • Bürgers, Jana
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch
      Author (Monograph)
      • Němec, Mirek
      Title
      Erziehung zum Staatsbürger?
      Subtitle
      Deutsche Sekundarschulen in der Tschechoslowakei 1918-1938
      Year of publication
      2010
      Place of publication
      Essen
      Publisher
      Klartext Verlag
      Series
      Veröffentlichungen zur Kultur und Geschichte im östlichen Europa
      Series (vol.)
      33
      Number of pages
      434
      ISBN
      978-3-8375-0065-3
      Subject classification
      History of education, Social and Cultural History
      Time classification
      20th century → 1900 - 1919, 20th century → 1920 - 1929, 20th century → 1930 - 1939
      Regional classification
      Europe → Eastern Europe → East-Central Europe → Czech Republic
      Subject headings
      Nationalbewusstsein
      Tschechoslowakei
      Deutsches Mittelschulwesen
      Loyalitätskonflikt
      Sekundarstufe
      Politische Bildung
      Nationalbewusstsein
      Deutsche
      Geschichte 1918-1938
      recensio.net-ID
      bde6112f422e347b107d4cdcdafb1fb3
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Mirek Němec: Erziehung zum Staatsbürger? Deutsche Sekundarschulen in der Tschechoslowakei 1918-1938 (reviewed by Jana Bürgers)

Ausgabe: jgo.e-reviews 2011, 3

 

Verfasst von: Jana Bürgers

 

Mirek Němec: Erziehung zum Staatsbürger? Deutsche Sekundarschulen in der Tschechoslowakei 1918–1938. Essen: Klartext, 2010. 434 S., Tab. = Veröffentlichungen zur Kultur und Geschichte im östlichen Europa, 33. ISBN: 978-3-8375-0065-3.


Ein kleines Land, ein kurzer Zeitabschnitt von 20 Jahren, nur drei Millionen Deutsche und so viel Stoff. Wie häufig bei Dissertationen der Fall, legt auch Mirek Němec eine Menge Material vor, das er aus einer Fülle von Quellen zusammengetragen hat. Dank der klaren Eingrenzung des Themas und der durchdachten Gliederung gelingt es ihm, daraus ein umfassendes Bild des deutschen Mittelschulwesens im Kontext des neu entstandenen tschechoslowakischen Staates zu zeichnen. Seinem selbst gesteckten Ziel, einen Beitrag zur Erforschung der deutsch-tschechischen Beziehungen zu leisten, wird er durchaus gerecht.

Schule ist für ihn ein Schlüsselbereich in der Auseinandersetzung zwischen staatlicher Macht und ethnischen Minderheiten (S. 12). An der Behandlung des Schulwesens lasse sich viel über den Stand der demokratischen Verfasstheit eines Staates und seinen Umgang mit nationalen Minderheiten ablesen. Andererseits habe die Schule selbst einen „wesentlichen Beitrag zur Ausformung und Ausbreitung der modernen nationalen Gesellschaften im Laufe des 19. und 20 Jahrhunderts“ geliefert (S. 13). Vor diesem Hintergrund will Němec wissen, ob und wie weit es dem jungen tschechoslowakischen Schulwesen gelang, die große Minderheit der Deutschen an deutschen Schulen zu tschechoslowakischen Staatsbürgern zu erziehen.

Die etwas trockenen verwaltungstechnischen und rechtlichen Grundlagen handelt er in den ersten beiden Kapiteln ab und kommt zu der Erkenntnis, dass auf beiden Gebieten starke Kontinuitäten aus der Habsburgerzeit bestanden. So wirkten die gleichen Landesschulräte, oder Schulordnungen und Lehrpläne wurden mit nur geringfügigen Änderungen übernommen. Die wenigen Reformen wurden nur zaghaft umgesetzt, oft fehlte eine klare Linie auf staatlicher Seite und sie ließ Spielräume und Nischen für die Deutschen.

Im wahrsten Wortsinne Hand und Fuß bekommt die Darstellung dort, wo es um den Schulalltag geht, besonders um die Lehrer, die in einem verzwickten Loyalitätskonflikt steckten: Einerseits waren sie Deutsche und sollten bzw. wollten die deutsche Position wahren, andererseits waren sie tschechoslowakische Beamte und damit ihrer Regierung zur Treue verpflichtet. Am Beispiel dreier Einzelschicksale schildert Němec die Loyalitäten und ihre allmähliche Verlagerung in Richtung Deutschnationalismus.

Weniger konkret muss die Darstellung der Gedenk- und Feiertage ausfallen, weil dazu wenig handfeste Informationen vorliegen. Allein aufgrund von Reden oder Anweisungen der Schuldirektoren lassen sich nur Vermutungen anstellen, ob durch staatlich angeordnete Schulfeiern tatsächlich die staatsbürgerliche Gesinnung von Lehrern und Schülern befördert werden konnte. Dennoch wagt Němec das Urteil, dass zu wenige Ereignisse und Personen befeiert wurden, die durch ihre völkerverbindende Funktion zur Integration hätten beitragen können.

Die letzten drei Kapitel vor der zusammenfassenden Rückschau widmet Němec den drei Schulfächern Tschechisch, Geschichte und Deutsch, von denen er konstatiert, dass sie diejenigen mit der größten Mobilisierungsfunktion gewesen seien.

Der Kulturausschuss zur Einführung des obligaten Tschechischunterrichtes an deutschen Schulen gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass die Kenntnis der Sprache dazu führe, dass sich die Völker kennen lernten, sich verstünden und schließlich einander unterstützten. Tatsächlich hätte der Sprachunterricht ein fruchtbares Feld der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit sein können, doch fehlte auf allen Seiten die Motivation: Deutsch(nationale) Eltern waren konsterniert, dass ihre Kinder nun die Sprache ihrer „Peiniger“ (Zeitzeugenzitat S. 232) zu lernen hatten, die altsprachlichen Lehrer fürchteten den Verlust ihrer Stunden für Latein und Griechisch, grundsätzlich fehlten deutsche Tschechischlehrer, und geeignete Lehrbücher mussten auch erst geschrieben werden, ging ihre Funktion doch weit über die reine Sprachlehre hinaus. (Vereinzelt wurden Schüler zum Austausch und Lehrer in Fremdsprachenkurse zu den anderen – den Tschechen – geschickt, aber zu einem wirklich alltäglichen Umgang miteinander führte das Erlernen der ersten Landessprache dennoch nicht.)

Über den Zusammenhang von Geschichte, Nation und Identität ist viel geschrieben worden, und so kann sich Němec auf wenige Sätze beschränken, um dafür umso ausführlicher Lehrpläne und Lehrbücher zu analysieren und die Frage zu beantworten, inwieweit der Geschichtsunterricht zur Integration beitrug oder eher die Grundlage für eine spezielle sudetendeutsche Identität schuf. Eine klare Linie kann er allerdings nicht entdecken, dafür viele Varianten von Geschichtsbildern, viele Brüche, eine große Pluralität sowohl bei den Lehrzielen als auch bei den von der Regierung genehmigten Lehrbüchern.

Und obwohl der Deutschunterricht eine unangefochtene Schlüsselposition unter allen Fächern einnimmt, ergibt auch die Untersuchung dieses Faches keine eindeutige Aussage. Bei der Auswahl der Lesestücke war die Bandbreite so groß, dass nicht klar wird, worauf die Identität der tschechischen Deutschen nun tatsächlich beruhen sollte. (Kleinere Scharmützel wurden zudem beim Streit um die Verwendung von ‚deutscher‘ Fraktur oder um die richtige Rechtschreibung – tsch oder č – ausgetragen.)

Wie schon bei den einzelnen Kapiteln, so kann Němec auch in der zusammenfassenden Rückschau wieder viele gute Ansätze feststellen, muss allerdings fehlende Konsequenz bei ihrer Durchsetzung und damit viele verpasste Chancen zur Integration und staatsbürgerlichen Erziehung beklagen. Trotz seines großen Potentials ist es dem Schulwesen nicht gelungen, zur Überwindung der nationalen Abgrenzung beizutragen – im Gegenteil. Bis 1938 erlag die Mehrheit der Deutschen in der Tschechoslowakei doch der nationalsozialistischen Propaganda.