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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      Jahrbücher für Geschichte Osteuropas / jgo.e-reviews
      Author (Review)
      • Hilger, Andreas
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      English
      Author (Monograph)
      • Baker, Lee
      Title
      The Second World War on the Eastern Front
      Year of publication
      2009
      Place of publication
      New York
      Publisher
      Pearson Longman
      Series
      Seminar Studies in History
      Number of pages
      XXIX, 140
      ISBN
      978-1-4058-4063-7
      Subject classification
      Military History
      Time classification
      20th century → 1940 - 1949
      Regional classification
      Europe → Western Europe → Germany, Europe → Eastern Europe → Russia
      Subject headings
      Russlandfeldzug <1941-1945>
      Publication date
      Aug 30, 2011 04:22 PM
      recensio.net-ID
      f95754c0bc4c2b4707e41b224b1377ed
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Lee Baker: The Second World War on the Eastern Front (reviewed by Andreas Hilger)

Ausgabe: jgo.e-reviews 2011, 3

Verfasst von: Andreas Hilger


Lee Baker: The Second World War on the Eastern Front. Harlow, London, New York: Pearson Longman Publishers, 2009. XXIX, 140 S., 5 Ktn. = Seminar Studies in History. ISBN: 978-1-4058-4063-7.

Vojna 1941–1945. Šef-redaktor Sergej Kudrjašov. Moskva: Archiv Presidenta Rossijskoj Federacii Moskva, 2010. 511 S., Abb., Tab. = Vestnik Archiva Prezid­enta Rossijskoj Federacii. ISBN/ISSN: keine.


Der Schatten des Zweiten Weltkriegs fällt auch im 21. Jahrhundert auf die europäischen Gesellschaften. Davon zeugen deutsche und polnische Debatten über das Zentrum gegen Vertreibungen ebenso wie die baltisch-russischen geschichtspolitischen Auseinandersetzungen der letzten Jahre. In derlei Diskussionen bewegen sich die Protagonisten mitunter in sehr unterschiedlichen Interpretationsrahmen und verwenden inkompatible Bewertungsmaßstäbe, die in den eigenen Gesellschaften akzeptiert oder verbreitet sind. Gleichzeitig wird dabei oft eine Kluft zwischen gesicherten Erkenntnissen der Forschung und öffentlich wirksamen Geschichtsbildern sichtbar. Es ist daher durchaus zu begrüßen, wenn es sich Autoren zum Ziel setzen, die Lücken zwischen öffentlicher Wahrnehmung und Historiographie allgemein zu schließen: Das ist das Ziel der Reihe „Seminar Studies in History“, in der der knappe Überblick von Lee Baker erschienen ist. Seine Darstellung wirft unweigerlich die Frage auf, wie weit sich historische Wissenschaft strecken muss oder kann, um die öffentliche Meinung überhaupt zu erreichen, geschweige denn zu beeinflussen. So empfiehlt der Autor den Film „Der Untergang“ als Einführung in die Thematik des Dritten Reiches. Darüber gehen die Meinungen jedoch bekanntermaßen auseinander (S. 130). Schließlich empfiehlt Baker diverse Brettspiele, die die Schlachten des Zweiten Weltkriegs rekonstruieren. Inwieweit sie Spielern Vergnügen bereiten, muss hier nicht interessieren – dass sie ein „tieferes Verständnis für die Probleme beider Seiten“ vermitteln können oder wollen, erscheint mir aber recht fraglich (S. 130).

Die umfangreiche und angemessen edierte Dokumentensammlung, die Sergej Kudrja­šov verantwortet, verfolgt ebenfalls ambitionierte Ziele. Die Edition wird als Versuch präsentiert, einer historischen Wahrheit frei von politischen Instrumentalisierungen zum Durchbruch zu verhelfen. Schon die Einleitung des Bandes illustriert die Problematik eines solchen Unterfangens. Indem eine adäquate Aufarbeitung der Vergangenheit mit der Funktionsfähigkeit des heutigen russischen Staats sowie mit der Loyalität seiner Bürger verknüpft wird, sind die Interpretationsstandards schon vorgegeben. Unliebsame Wege der postsowjetischen Vergangenheitsbewältigung wie die Rehabilitierungen sowjetischer und deutscher Kriegsgefangener werden aus dieser staatstragenden Perspektive heraus recht pauschal abqualifiziert (S. 17–18). Die Dokumente selbst geben dann allerdings keine alternativlose Lesart des Geschehens an der deutsch-sowjetischen Front vor. Es handelt sich im übrigen um Dokumente, die Stalin persönlich zugingen und die er bearbeitete.

Es ist hier nicht der Platz, sich den beiden Bänden im Detail zu widmen. Die Dokumentenedition belegt einmal mehr, dass sich Stalin intensiv mit militärischen und kriegswirtschaftlichen Fragen befasste. Sie offenbart zudem die ganze Anspannung eines Diktators, der sich bis 1943/1944 immer wieder mit Rückschlägen aller Art konfrontiert sah (S. 159f). Dabei fand Stalin genügend Zeit, die propagandistische Selbstdarstellung der UdSSR nach außen zu kontrollieren und anzuleiten. Daneben las er offenbar auch Dokumente, die seine Truppen von der Wehrmacht erbeutet hatten. Hierbei schien sich sein Augenmerk ganz auf die Einschätzung der Kampfkraft des Gegners zu richten. Die Dokumente unterstreichen, dass Stalin im Krieg die letzte Entscheidungsinstanz darstellte. Das bedeutete nicht, dass er alle Entscheidungen auch persönlich initiierte: So liest sich eine Ausarbeitung des Chefs der Artillerie, General Voronov, vom 15. August 1941 in Teilen wie die direkte Vorlage für den berüchtigten Befehl der Stavka Nr. 270 vom 16. August (S. 6063). Dagegen hinterließen Mikojans Berichte über die Versorgung der Zivilbevölkerung der Achsenmächte im Krieg im Winter 1941 wenig Spuren in den Normen für sowjetische Zivilisten (S. 102–104, 109f). Zu anderen Themen geben die Dokumente quasi zwischen den Zeilen Auskunft. Ein Schreiben des Rostover Obkom von Mai 1942 unterrichtet über das prekäre Verhältnis von Militär- und Zivilbürokratie (S. 160f). Vereinzelte Resolutionen des Politbüros und Vermerke der Stäbe geben Auskunft über Probleme der Kampfmoral der Roten Armee (S. 154f, 332f). Das schwierige Verhältnis zwischen dem Staat Stalins und seiner Bevölkerung reflektiert ein Bericht über die Partisanentätigkeit vom Oktober 1942. Zu diesem Zeitpunkt zählte man im Nordkaukasus rund 4.000 Partisanen, im Baltikum etwa 80 (!), in Weißrussland dagegen knapp 44.000 (S. 198–201). Auf der anderen Seite konnte der Komsomol verschiedener Republiken nicht die erforderliche Zahl weiblicher Freiwilliger für die Luftabwehr stellen, da es vor Ort an Mitgliedern mit Russischkenntnissen fehlte (S. 149f).

Es fällt auf, dass die Edition insgesamt den Schwerpunkt auf das unmittelbare Kriegsgeschehen und die Kriegführung legt. Darin trifft sie sich mit der Darstellung Bakers. Dessen Abriss rückt ebenfalls die Operations- und Schlachtengeschichte in den Mittelpunkt. Baker gelingt hier eine zupackende und konzise Beschreibung, die durch ausgewählte Dokumente illustriert wird. Diese Fokussierung der beiden Werke erinnert daran, dass die militärische Dimension des Zweiten Weltkriegs in allen Debatten um die Entwicklungen der Jahre 1939/1941 bis 1945 nicht vergessen werden darf. So hat etwa das Forschungsprojekt des Instituts für Zeitgeschichte zur Geschichte der „Wehrmacht in der nationalsozialistischen Diktatur“ vor Augen geführt, dass die Forschung die Verbrechen der Truppe auch – sicher keinesfalls ausschließlich oder überwiegend – im militärischen Gesamtgeschehen situieren muss, um sie differenziert deuten zu können. Im Gegensatz zu den Erkenntnissen der Münchener Forschungsgruppe integrieren die hier angezeigten Bücher die relevanten militärischen Aspekte aber nicht in ein großflächiges Panorama, das für den Stalinismus Krieg, Repression, Diktatur und internationale Beziehungen zusammen denkt. Sie isolieren die militärische Auseinandersetzung weitgehend von innen- und gesellschaftspolitischen sowie von außenpolitischen Kontexten. Es ist symptomatisch, dass Bakers biographisches Verzeichnis die Namen Berijas oder Malenkovs nicht aufführt. Die Deportationen ganzer Ethnien, die sowjetische Besatzungspolitik oder außenpolitische Konflikte über Polen bleiben in den Bänden letztlich ausgeklammert. Mit dieser vermeintlich sauberen Aufteilung zwischen Kriegsgeschehen und allgemeiner Politik wird sich die Lücke zwischen verschiedenen Geschichtsbildern nur übertünchen, nicht aber überwinden lassen.

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