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  • Metadaten

    • Dokumenttyp
      Rezension (Monographie)
      Zeitschrift
      Jahrbücher für Geschichte Osteuropas / jgo.e-reviews
      Autor (Rezension)
      • Niedhammer, Martina
      Sprache (Rezension)
      Deutsch
      Sprache (Monographie)
      Deutsch
      Autor (Monographie)
      • Richers, Julia
      Titel
      Jüdisches Budapest
      Untertitel
      Kulturelle Topographien einer Stadtgemeinde im 19. Jahrhundert
      Erscheinungsjahr
      2009
      Erscheinungsort
      Köln
      Verlag
      Böhlau
      Reihe
      Lebenswelten osteuropäischer Juden
      Reihennummer
      12
      Umfang
      424
      ISBN
      978-3-412-20471-6
      Thematische Klassifikation
      Historische Demographie, Jüdische Geschichte, Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
      Zeitliche Klassifikation
      Neuzeit bis 1900 → 19. Jh.
      Regionale Klassifikation
      Europa → Osteuropa → Ungarn
      Schlagwörter
      Budapest
      Jüdische Gemeinde
      Leopoldstadt
      Theresienstadt
      Jüdische Selbstorganisation
      Jüdische Assimilierung
      Nationale Identität
      Juden
      Geschichte 1800-1900
      recensio.net-ID
      f7ed38d8f2ffc509b36c2374d64e9b86
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Julia Richers: Jüdisches Budapest. Kulturelle Topographien einer Stadtgemeinde im 19. Jahrhundert (rezensiert von Martina Niedhammer)

Julia Richers: Jüdisches Budapest. Kulturelle Topographien einer Stadtgemeinde im 19. Jahrhundert. Köln, Weimar, Wien: Böhlau, 2009. 424 S., Abb. = Lebenswelten osteuropäischer Juden, 12. ISBN: 978-3-412-20471-6.



Die Geschichte der ungarischen Juden erfuhr lange Zeit nur marginale Berücksichtigung innerhalb der jüdischen Historiographie zur ehemaligen Habsburgermonarchie. Seit einigen Jahren lässt sich jedoch insbesondere in der angloamerikanischen Forschung ein Wandel feststellen. Julia Richers’ 2010 bei Böhlau erschienene Dissertationsschrift zum jüdischen Budapest in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschließt daher nicht nur weitgehend unbearbeitetes Neuland, sondern stellt zugleich eine erfreuliche Bereicherung aus deutschsprachiger Forschungsperspektive dar. Wie bereits der Untertitel „kulturelle Topographien einer Stadtgemeinde im 19. Jahrhundert“ andeutet, stehen im Zentrum der Untersuchung der Budapester Stadtraum und seine vielfältige Aneignung durch eine rasch wachsende jüdische Gemeinde, aus der innerhalb weniger Jahrzehnte die größte jüdische Gemeinschaft des Landes werden sollte. Damit erlebte die Budapester Gemeinde einen ähnlichen Aufschwung wie die ungarische Hauptstadt selbst, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts „von einem relativ unbedeutenden Flecken auf der Landkarte“ (S. 14) zu einer bedeutenden Metropole Zentraleuropas entwickelte. Richers geht der bislang vernachlässigten Frage nach den Auswirkungen dieses Wachstums nach, indem sie die räumliche Dimension jüdischer Lebenswelten Budapests in den Blick nimmt. Zentrale Untersuchungsaspekte sind dabei die (Selbst-)Verortung der einzelnen Mitglieder der jüdischen Gemeinde im Stadtraum, Orte der Interaktion, an denen Juden und Nichtjuden zusammentrafen, sowie Grenzen, an denen Exklusionsmechanismen wirksam wurden. In ihren äußerst luziden methodischen Vorüberlegungen bezieht sich die Autorin auf jüngste Erkenntnisse aus der Raumsoziologie, die die Relativität des Raumes und somit seinen situativen, akteursgebundenen Charakter betonen. Richers zufolge kann die Topographie der ungarischen Hauptstadt erkenntnisleitend für das Alltagsleben ihrer jüdischen Bewohner werden. Die Konzeption der Arbeit reagiert daher auf den von der Historiographie viel diskutierten „spatial turn“, geht aber zugleich darüber hinaus, indem die Autorin den räumlichen Ansatz mit dem mikrohistorischen Konzept der „Lebenswelt“ verknüpft. Anhand von Fallstudien untersucht Richers „die Wahrnehmungs- und Erfahrungswelt“ (S. 41) einzelner Akteure, die zwar nicht repräsentativ, aber doch exemplarisch für das Alltagsleben der Budapester jüdischen Gemeinde sei. Auf diese Weise gelingt es der Verfasserin, Differenzen und Überschneidungen im Zusammenleben von Juden und Nichtjuden aufzuzeigen und die Geschichte der jüdischen Gemeinde als einen integralen Bestandteil der Budapester Stadtgeschichte darzustellen. Des Weiteren dienen die Fallbeispiele als Sonden, mithilfe derer die Autorin noch wenig erforschte Bereiche des Budapester Judentums auslotet. Dazu zählt die Frauen- und Geschlechtergeschichte, aber auch die das Leben der klein- und unterbürgerlichen Budapester Juden und Jüdinnen. Unter kompositorischen Gesichtspunkten sind die Fallstudien überzeugend in den vorrangig nach Stadtvierteln gegliederten Text eingebunden.

Im ersten Kapitel analysiert Richers die wechselseitige Dynamik zwischen den drei aufstrebenden Schwesternstädten Buda, Óbuda und Pest und der sich allmählich herausbildenden jüdischen Gemeinde inmitten einer heterogenen Bevölkerung, die sich aus magyarischem Adel und deutschsprachigem Bürgertum zusammensetzte. Zahlreiche Zuschreibungen prägten die nichtjüdische wie die jüdische Wahrnehmung des erst 1873 vereinigten Buda-Pest. An ihrem Beispiel verdeutlicht die Autorin, wie die Stadt einerseits zu einem neuen „Zion“ avancieren konnte, das Juden vermeintlich ungeahnte gesellschaftliche Aufstiegschancen bot, während andererseits ein um 1900 geläufiges antisemitisches Stereotyp die ungarische Hauptstadt als ‚überfremdetes‘ „Judapest“ brandmarkte. Besonders gelungen scheint die Detailstudie des sog. Orczy-Hauses, dessen vielschichtige Bedeutung für die Entstehung der Budapester jüdischen Gemeinde Richers überzeugend aufschlüsselt. Ursprünglich ein adeliger Schutzraum für durchreisende Juden inmitten einer ihnen ansonsten verschlossenen Stadt, wurde das Orczy-Haus zum Handelsmittelpunkt, sakralen Zentrum und Kommunikationsraum des jüdischen Budapest, der während des gesamten 19. Jahr­hunderts zahlreiche Juden unterschiedlichster Herkunft und religiöser Prägung beherbergte.

Das zweite und das dritte Kapitel widmen sich einzelnen Budapester Stadtteilen, in denen sich das jüdische Leben der ungarischen Hauptstadt in besonderer Weise manifestierte. Während die Mehrheit der jüdischen Einwohner Budapests in der außerhalb der Pester Stadtmauern gelegenen Theresienstadt lebte, galt die 1790 gegründete Leopoldstadt als ein prestigeträchtiger Stadtraum, in dem sich das Budapester Großbürgertum, Christen wie Juden, prunkvolle Palais errichten ließ. Differenziert arbeitet die Autorin die unterschiedliche Sozialstruktur beider Viertel heraus und kann so ein von der Forschung bislang meist dichotom gezeichnetes Bild korrigieren. Die Theresienstadt stellte demnach keineswegs ein imaginäres Ghetto dar, sondern war vielmehr von zahlreichen Alltagsbegegnungen zwischen den dort lebenden Juden und Nichtjuden geprägt. Darüber hinaus wohnten dort nicht nur, wie oftmals behauptet, die ärmsten Mitglieder der Budapester jüdischen Gemeinde, sondern auch eine respektable jüdische Mittelschicht, die ihr Streben nach Akzeptanz durch die nichtjüdische Mehrheit selbstbewusst im Bau der bis heute größten Synagoge Europas zum Ausdruck brachte. Die Besonderheit der Leopoldstadt wiederum resultierte daraus, dass sie eine Neugründung war, was bedingte, dass die in anderen Viertel etablierten ständischen Strukturen und die wirtschaftliche Konkurrenz anfangs fehlten. Den dorthin übersiedelnden jüdischen Familien schien somit eine uneingeschränkte Teilhabe am städtischen Leben möglich. Dieser Wunsch sollte sich jedoch, wie Richers aufzeigt, nur teilweise erfüllen, ein Phänomen, das die Verfasserin mit dem aus der Soziologie entlehnten Modell der „gläsernen Decke“ erklärt, demzufolge eine Minorität, wie sie die Budapester Juden darstellten, trotz aller Anstrengungen nicht über eine bestimmte Stufe sozialer Anerkennung hinauskommen kann.

Im vierten Kapitel gibt die Verfasserin das bisher verfolgte topographische Gliederungsprinzip ihrer Studie zugunsten eines Überblicks über das vielfältige, noch kaum untersuchte jüdische Vereinslebens Budapests auf. Dies begründet sie mit der identitätsstiftenden, verbindenden Funktion, die Vereine für die in verschiedenen Vierteln lebenden Budapester Juden besessen hätten, da sie die räumliche Segregation der Gemeindemitglieder aufheben konnten. Darüber hinaus begreift Richers die mehrheitlich in den 1840er Jahren entstandenen jüdischen Vereine Budapests als Mittler zwischen der jüdischen und der nichtjüdischen Bevölkerung, da zahlreiche Vereinsgründungen in unterschiedlicher Weise auf Entwicklungen innerhalb der nichtjüdischen Majorität, wie etwa die ab 1843/44 zunehmende Magyarisierung, reagiert hätten.

Zusammenfassend charakterisiert die Autorin die Jahrzehnte vor 1867 als eine Übergangszeit, in der Mehrfachidentifikationen innerhalb einzelner jüdischer Lebenswelten möglich gewesen seien. Es ist das Verdienst von Richers’ sehr gut lesbarer Studie, dies anhand einer breiten Quellenbasis unter Berücksichtigung zahlreicher, bislang noch unberücksichtigter Dokumente, wie etwa der Gemeindeprotokolle der Budapester israelitischen Gemeinde, überzeugend sichtbar gemacht zu haben.



Martina Niedhammer, München


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