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    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      Jahrbücher für Geschichte Osteuropas / jgo.e-reviews
      Author (Review)
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      English
      Author (Monograph)
      Title
      Islam after communism
      Subtitle
      Religion and politics in Central Asia
      Year of publication
      2007
      Place of publication
      Berkeley
      Publisher
      Univ. of California Press
      Number of pages
      XV, 241
      ISBN
      978-0-520-24927-1
      Subject classification
      History of religion, Political History, Social and Cultural History
      Time classification
      1990 - 1999, 21st century
      Regional classification
      Central Asia
      Subject headings
      Übergang
      Islam
      Sowjetrepublik
      Mittelasien
      Politisches System
      Geschichte 1991-2004
      recensio-Date
      Mar 15, 2011
      recensio-ID
      95eababcdd0fedc8ccf7c8d8b1bb7c88
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Khalid Adeeb: Islam after communism. Religion and politics in Central Asia (reviewed by Jörn Happel)


Ausgabe: jgo.e-reviews 2011, 1

Verfasst von:Jörn Happel

 

Adeeb Khalid: Islam after Communism. Religion and Politics in Central Asia. Berkeley, Los Angeles, London: University of California Press, 2007. XV, 241 S., 3 Ktn., 3 Tab. ISBN: 978-0-520-24927-1.


Adeeb Khalid, einer der besten Kenner Zentralasiens im 19. und 20. Jahrhundert, legt mit „Islam after Communism“ einen Überblick über die Entwicklung des Islams in Zentralasien nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor, wobei er immer wieder geschickte Rückgriffe auf die vorrevolutionäre und die Sowjetzeit macht. Das Buch ist in sieben chronologisch aufeinander aufbauende Kapiteln unterteilt, leicht zu lesen und untersucht vor allem auch die bislang wenig beachtete Brežnev-Zeit und ihre bis heute spürbaren Auswirkungen.

Khalid beginnt mit einer kritischen Auseinandersetzung mit den militanten islamischen Gruppen, die den Jihad gegen den Westen führen wollen. Er untersucht das Wechselspiel zwischen Sowjetunion und USA im Kalten Krieg besonders in Afghanistan (S. 16–18). Nach einem historischen Abriss (S. 19–33) widmet sich Khalid der russischen Kolonisierung Zentralasiens, die die Moderne gebracht habe (S. 35), und den Jadidisten, den islamischen Reformern (bis S. 49). Der sowjetische Einfluss nach der Oktoberrevolution war wesentlich stärker als der zarische bis 1917: Doch trotz Nationalisierung durch Indigenisierung (S. 59, 65) dominierten Europäer bis zur Brežnev-Zeit die zentralasiatische Bürokratie (S. 67). Endlich rückt Khalid in diesem Abschnitt auch die Religion in das Zentrum seiner Untersuchung. Resignierend stellt er dabei fest, man wisse mehr über die Zerstörung der religiösen Strukturen in Zentralasien durch Činggis Khan als über die sowjetische Einflussnahme (S. 72, 81).

Die Stärke seines Buchs entfaltet Khalid in seinem vierten Kapitel: Es sind die sechziger und siebziger Jahre, die die Region bis heute prägen: Einheimische Führer übernahmen das Sagen in den Republiken und blieben bis in die achtziger Jahre hinein im Amt (nach der Unabhängigkeit wurde der damals entwickelte Personenkult teilweise aufgenommen, was am Beispiel des ehemaligen turkmenischen Präsidenten Türkmenbaşy gezeigt wird: S. 188). Wie immer in seiner Untersuchung bedient sich Khalid auch hier des usbekischen Beispiels: Anhand von Šaraf Rašidov, der von 1959 bis 1983 an der Spitze der usbekischen Sowjetrepublik stand, untersucht der Autor das vorherrschende Patronagesystem, das wie vieles in dieser Ära von Brežnevs Gesundheitszustand abhing (S. 91–92, 128–129).

Der Islam wurde in jener Zeit als Erbe von den Zentralasiaten angenommen (S. 84ff.). Ein Widerspruch zwischen Sowjetbürger und Muslim kann aber nicht konstatiert werden (S. 98); Muslim zu sein, war wie Usbeke oder Turkmene zu sein – also nur ein Aspekt der jeweiligen Identität (S. 107). Aber obwohl sowjetische Gesundheitsverordnungen etwa die Beschneidung untersagten, wurde diese durchgeführt (S. 99) – islamische Traditionen hatten innerhalb sozialer Netzwerke Bestand (S. 102). Jedoch wurde das offizielle Bekenntnis zu islamischen Wurzeln von den neuen Herren vermieden. Da auch der jadidistische Diskurs durch die sowjetischen Modernisierungskampagnen an Einfluss verlor, kommt Khalid zu dem ernüchternden Schluss: „Der Islam wurde effektiv demodernisiert während der sowjetischen Epoche.“ (S. 115)

In der Perestrojka-Zeit begann das langsame Erwachen des Islams. Mit dem Ende der Sowjet­union und der Unabhängigkeit der ehemaligen zentralasiatischen Sowjetrepubliken blühte anfangs auch islamische Symbolik wieder auf: Die neuen Staatspräsidenten leisteten ihren Eid auf den Koran oder unternahmen Pilgerreisen nach Mekka (S. 132). Das Wiederaufblühen des Islams war in der Region aber eher eine Bewegung von unten: Mehr Leute beteten, fasteten oder pilgerten (S. 139). Auch veränderten sich die Geschlechterrollen: Frauen schlüpften wieder in ihre vorrevolutionären Rollen als Hausfrau und Mutter (S. 135).

Seine letzten Kapitel widmet Khalid der aktuellen Auseinandersetzung mit islamischen Gruppen in Zentralasien. Erfrischend ist, dass er teilweise wenig beachtete Richtungen in das Zentrum rückt: die Entwicklung und Expansion der türkischen „Gülen-Schulen“, die von Indien ausgehende muslimische „Selbsthilfe-Organisation“ Tablighi Jama’at (S. 123–124), die islamische Befreiungspartei „Hizb-ut-Tahrir al Is­la­mi“ und die „Islamische Bewegung Uzbekis­tans“. In diesem Abschnitt nimmt sich Khalid auch Afghanistans (S. 143) und der Ereignisse von Andižan (S. 192ff.) an. Er kann zeigen, wie sich einzelne islamische Gruppen radikalisierten und so zu einer Gefahr wurden. Jedoch sei die islamische Militarisierung nur ein sehr kleiner Faktor für die eventuelle Instabilität zentral­asiatischer Saaten; weitaus stärker könnten sich Fragen der Nachfolge der langjährigen Partei- und Staatsführer, die Korruption (S. 198) und die Gewalt gegen Andersdenkende (S. 184, 202) auswirken.

Khalids „Islam after Communism“ ist ein kurzes und interessantes Buch, doch leider wiegt der Fokus auf Usbekistan zu schwer. Ein wirklicher Vergleich mit anderen muslimischen Gesellschaften in Zentralasien hätte Khalids Ausführungen gestärkt. Die zahlreichen Anekdoten, die Khalid einfließen lässt, machen das Buch zwar lesbarer und unterhaltsam, doch verstärkt dies den Eindruck eines vielleicht zu schnell verfassten Werks. Dennoch schmälern diese wenigen Kritikpunkte nicht den sehr guten Überblickscharakter des Buches.