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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Doering-Manteuffel, Anselm
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch
      Author (Monograph)
      • Mayer, Mathias
      Title
      Der Erste Weltkrieg und die literarische Ethik
      Subtitle
      Historische und systematische Perspektiven
      Year of publication
      2010
      Place of publication
      Paderborn
      Publisher
      Fink
      Series
      Ethik - Text - Kultur
      Series (vol.)
      4
      Number of pages
      282
      ISBN
      978-3-7705-5031-9
      Subject classification
      Intellectual History, History of literature, Social and Cultural History, Historiography
      Time classification
      Modern age until 1900 → 19th century, 20th century
      Regional classification
      Europe
      Subject headings
      Ethik
      Literatur
      Weltkrieg <1914-1918>
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2011/01/18956.html
      recensio.net-ID
      212df6576ac1b9ffdc834f3b40b5b784
      DOI
      10.15463/rec.1189722488
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Mathias Mayer: Der Erste Weltkrieg und die literarische Ethik. Historische und systematische Perspektiven (reviewed by Anselm Doering-Manteuffel)

sehepunkte 11 (2011), Nr. 1

Mathias Mayer: Der Erste Weltkrieg und die literarische Ethik.

Die kultur- und ideengeschichtliche Öffnung der geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen hat zu einer gegenseitigen Wahrnehmung von Forschungsansätzen und Ergebnissen bis hin zur fachlichen Durchdringung geführt. Auch jetzt noch, nach drei Jahrzehnten der Dominanz und angesichts unübersehbarer Abnutzungs- beziehungsweise Profanisierungserscheinungen des erkenntnistheoretischen Instrumentariums, erbringt das kulturwissenschaftliche Paradigma wichtige interdisziplinäre Erträge.

Das Buch des Literaturwissenschaftlers Mathias Mayer repräsentiert zwei Linien der kulturhistorischen und literaturwissenschaftlichen Integration, die gleichermaßen wichtig und nur scheinbar voneinander unabhängig sind. Sie beschreiben die Geschichte des Ersten Weltkriegs als historisch wirkmächtigste Zäsur der Moderne. Die ältere Linie, beginnend mit Paul Fussell (1975), weitergeführt von Jay Winter (1998) und Autoren verschiedener europäischer Länder, zeichnet die Erinnerung an den Großen Krieg, wie sie aus literarischen oder alltagsgeschichtlichen Texten, aus Bildern und anderen lebensweltlichen Manifestationen fassbar wird. Die Zeit des Krieges wird sichtbar als Bruch, als ein Riss im Leben des Einzelnen und der unter dem Krieg leidenden Völker. Die jüngere Linie gilt weniger dem Krieg selbst, sondern vielmehr der Transformationsdynamik der Jahrzehnte zwischen 1890 und 1930, wobei dem Ersten Weltkrieg die Bedeutung als Katalysator zukommt. Diese Linie läuft sowohl auf die bolschewistische Revolution in Russland 1917 zu als auch - und vor allem - auf den europäischen Faschismus als radikalen, ahistorisch-mythischen Höhe- und Wendepunkt in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Die "Ambivalenz der Moderne" (Zygmunt Bauman) marginalisierte die ursprüngliche, mit der Aufklärung verknüpfte Idee des kontinuierlichen Fortschritts mit humanem Maß. Das zeigen Stanley Payne (1980) und Roger Griffin (1993), gefolgt von Autoren wie Sven Reichardt (2002) und Fernando Esposito (2011).

Beide Linien sind, neben allem historischen Erkenntnisinteresse, Projektionen aus der Gegenwartsgesellschaft auf die Vergangenheit. Sie wurzeln in Krisenempfindungen des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts. Diese äußerten sich zunächst in der Ungewissheit seit den 1970er Jahren, ob die Moderne erschöpft sei und eine Postmoderne begonnen habe. Später kam dann die Reaktion auf die Veränderung von Wertorientierungen und Zukunftsvorstellungen zum Ausdruck, die seit 1980/90 mit dem Durchbruch des marktradikalen Nutzenkalküls im Finanzmarktkapitalismus einherging. Beide Linien sind aus der diffusen Wahrnehmung von Ungewissheit hervorgewachsen. Wissenschaftliche Werke beschreiben (mittels einer individuellen Zuwendung zum historischen Gegenstand) die Suche nach Werten, Ordnung, Sicherheit oder Humanität in der Zeit des Ersten Weltkriegs. Was sie suchen, ist nicht nur die Aussage der Quellen und historisches Verständnis, sondern auch, bewusst oder unbewusst, eine Antwort auf die bedrängenden Fragen der Gegenwart.

Die Wende zum 21. Jahrhundert wirft solche Fragen auf, bedingt sowohl durch den Wegfall des Ost-West-Gegensatzes als auch durch die vorpolitische, undemokratische Herrschaft globalisierter Märkte in der Gegenwart. Es sind Fragen nach Werten, nach einer kulturell gültigen und transnational verbindlichen Ethik. Indem Mathias Mayer die literarische Ethik im Umfeld des Ersten Weltkriegs aus "historischer und systematischer Perspektive" analysiert, deutet er an, wie sehr er selbst auf der Suche ist. Man kann seinen Text lesen als Reflexion darüber, ob und wie sich eine allgemein gültige Ethik der Gegenwartsgesellschaft erkennen lasse.

Das Buch ist in vier Teile und zwölf Kapitel gegliedert. Natürlich ist es zuerst für den literarisch gebildeten und literaturwissenschaftlich kompetenten Leser geschrieben und bietet eingehende Textanalysen zu Trakl, Kierkegaard, Dostojewski, Karl Kraus, Ernst Bloch, Hugo von Hofmannsthal bis hin zu Thomas Mann, Alfred Döblin, Hermann Broch und Robert Musil, um nur die wichtigsten Schriftsteller zu nennen. Das geschieht in den Hauptteilen über "Lektüren der Ethik", "Strategien literarischer Ethik" und "Modelle literarischer Ethik". Diese Kapitel bieten dem Historiker im Detail viel Material, präzise Einordnung der literarischen Texte und kulturhistorische Anknüpfungen. Unter diesen Einzelstudien ist das Kapitel über Fjodor Dostojewski, "Der Vatermord und die Ethik der Verantwortung" (107-126), besonders eindrucksvoll geraten.

Der einleitende Teil über "Krieg, Literatur, Ethik" (9-87) hingegen ist für die Geschichtswissenschaft vor allem als übergreifende Problembeschreibung bedeutsam. Indem Mayer die "Dimensionen der Ethik" definiert - er unterschiedet zwischen der philosophischen, geschichtsphilosophischen, kulturphilosophisch-ästhetischen und "speziell literarischen" Dimension -, setzt er sich in den Stand, das für die historische Zeit wie auch für die Gegenwart zentrale Problem ansprechen zu können: den Gegensatz zwischen situations- und zielgebundener Moral und "übermoralischer", universaler Ethik (12 f.). Unter Bezug auf Georg Lukács wird die Gefahr des Nihilismus, die in diesem Gegensatz steckt, anschaulich gemacht. So war und ist es zu jeder Zeit eine moralische Entscheidung, den Heldentod oder überhaupt jedes Opfer unter Bezug auf höchste Werte - des Lebens, der Gesellschaft, der Religion - zu legitimieren. Wir alle kennen den hohen Ton der moralischen Rechtfertigung, wenn junge Menschen in den Krieg geschickt werden - von der Antike bis Afghanistan. Ethik indessen als universale Kategorie in philosophischer oder geschichtsphilosophischer Dimension bedürfe solcher Legitimation nicht. Damit aber ergibt sich die "Allianz von Ethik und Terror" (55), die wir aus der geschichtswissenschaftlichen Analyse der SS und des NKVD zu begreifen gelernt haben. Für die Mitlebenden der Epoche der Weltkriege bis hin zu Zygmunt Bauman wurde das zur maßgeblichen epistemologischen Herausforderung. Im Hier und Heute geht es darum, das gegenwärtige Syndrom der Ungewissheit zu begreifen, das aus der offenbar unbeeinflussbaren Macht des digitalen Finanzmarktkapitalismus resultiert. Und weil wir gültige Vorstellungen von Werten nicht zu erkennen vermögen, fragen wir uns: Gibt es eine Ethik der Gegenwart?

Nicht ohne Grund zitiert Mayer an anderer Stelle erneut Georg Lukács, der von "transzendentaler Obdachlosigkeit" des Menschen angesichts der Abgründe der Moderne sprach (83). Das "Zeichen einer göttlichen Harmonie" (ebenda), so ließe sich sagen, bestimmt am Ende die Letztbegründung aller Dimensionen der Ethik - von der Philosophie bis zur Literatur. Forschungen zur Bedeutung von Ethik in der Gegenwart, und sei ihr Gegenstand auch historisch, spiegeln nicht zuletzt den Geltungsschwund der institutionalisierten Religionen wider und die mangelnde gesellschaftliche Gestaltungskraft aufklärerischer Rationalität. Ob das ein dialektisches Bedingungsgefüge ist oder einen historischen Niedergang beschreibt, hängt vom kulturellen und ideellen Selbstverständnis des Betrachters ab.

So speziell das Buch von Mathias Mayer auf den ersten Blick anmutet, so weitreichend sind die Einsichten, die es vermittelt. Sein Ertrag ist für die kulturwissenschaftliche Diskussion und gesellschaftliche Reflexion bedeutungsvoll und sollte nicht nur von Germanisten genutzt werden.