You are here: Home / Reviews / Journals / sehepunkte / 11 (2011) / 03 / Das bayerische Offizierskorps 1815-1866
Social Media Buttons fb twitter twitter twitter
  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (review)
      • Hebert, Günther
      Language (review)
      Deutsch
      Language (monograph)
      Deutsch
      Author (monograph)
      • Gahlen, Gundula
      Title
      Das bayerische Offizierskorps 1815-1866
      Year of publication
      2011
      Place of publication
      Paderborn
      Publisher
      Schöningh
      Series
      Krieg in der Geschichte
      Series (vol.)
      63
      Number of pages
      775
      ISBN
      978-3-506-77045-5
      Subject classification
      Military History
      Time classification
      Modern age until 1900 → 19th century
      Regional classification
      Europe → Western Europe → Germany
      Subject headings
      Bayern <Königreich>
      Offizier
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2011/03/18993.html
      recensio.net-ID
      9ccc373761892fc58cd2a306d44e7a1a
      DOI
      10.15463/rec.1189721131
  • Citation rules

  • Terms of licence

    • This article may be downloaded and/or used within the private copying exemption. Any further use without permission of the rights owner shall be subject to legal licences (§§ 44a-63a UrhG / German Copyright Act).

Gundula Gahlen: Das bayerische Offizierskorps 1815-1866 (reviewed by Günther Hebert)

sehepunkte 11 (2011), Nr. 3

Gundula Gahlen: Das bayerische Offizierskorps 1815-1866

Die Beschäftigung mit Militärgeschichte als Teildisziplin der allgemeinen Geschichte begann in Bayern 1826 mit einer Kriegsgeschichte. Zu einer des bayerischen Heeres, gemäß einer königlichen Forderung auf der Grundlage zu erstellender Regimentsgeschichten, ist es aber nicht gekommen. Kaum eines der bayerischen Regimenter war ein homogener Körper, wie ja das Königreich seinerseits ein Konglomerat war. Dem entsprechend erschien 1868 dann der erste von fünf Bänden einer Kriegsgeschichte von Bayern, Franken, Pfalz und Schwaben. Die Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Ergebnis einer Anregung Leopold von Rankes, wirkte sich nicht auf die bayerische Militärhistoriographie aus; ein Torso blieb der Plan einer modernen, quellenkritischen Heeresgeschichte im Rahmen der Landesgeschichte. Letzten Endes blieb es bei Datensammlungen als geschichtliche Darstellung; auch Friedrich Münichs 1864 erschienene Entwicklungsgeschichte der bayerischen Armee war eine narrativ paraphrasierende Quellensammlung.

Eine Zäsur erfuhr die bayerische Militärgeschichte durch den Obersten Adolf Erhard, dem ersten Vorstand des Kriegsarchivs, wo schließlich, nach Vorarbeiten, weit über die Zeit der Monarchie hinaus, eine Geschichte des Bayerischen Heeres ediert wurde. Der erste Band erschien 1901; wesentliche weitere verfasste in den dreißiger Jahren Oskar Bezzel. Unterblieben ist die Bearbeitung des Ersten Weltkriegs, dem letzten, an dem eine explizit bayerische Armee Teil hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg erschien die Beschäftigung mit Militärgeschichte, auch bayerischer, zunächst untunlich; abgesehen von kameradschaftlich gezäumten Gebirgsjäger-Apologien oder "typisch bayerischen" Darstellungen von Kreisheimat- und Traditionspflegern im Stil literarischen Jodlerbarocks. Karl Bosl war es schließlich, der die Beschäftigung mit Militärgeschichte anregte. Etliche seiner Schüler haben einschlägige Arbeiten veröffentlicht, methodisch den "annales" verpflichtet, ohne in Strukturen zu versumpfen oder Fakten zu vernachlässigen, auch heute noch gut zu lesen. Das vorzügliche Handbuch der bayerischen Geschichte behandelt das Militär dilatorisch und peripher; eine vergleichbare Darstellung Bayerns und seiner Armee ist ein Desiderat. Quasi in diesem lediglich skizzierten Kontext steht das zu besprechende Buch, entstanden aus einer an der Universität Potsdam erstellten Dissertation.

Die Studie widmet sich dem bayerischen Offizierskorps zur Zeit des Deutschen Bundes, seiner sozialen Zusammensetzung, seiner Stellung in der Gesellschaft, den Karriereaussichten sowie der rechtlichen und wirtschaftlichen Stellung. Kern der Studie sind 636 Offizierspersonalakten, knapp 10 % der etwas mehr als 8 000 Offiziere im Untersuchungszeitraum; ein sehr respektables Verhältnis. Die Unterlagen sind in eine Datenbank geflossen, der "Stichprobe", die "mit Hilfe der Methode der Kollektiven Biographik quantitativ ausgewertet" wurde. Die Datenbank gebar zahlreiche Tabellen, Übersichten und Grafiken, die der Arbeit einen Hauch kliometrischer Disziplin verleihen, wie überhaupt ein gewisser historisch-sozialwissenschaftlicher Charakter der Studie unverkennbar ist. Kurzbiographien der Offiziere der "Stichprobe" sind angefügt.

Die Personalakten zeichnen sich einerseits durch Angaben zur Person und der Dienstzeit aus, sie sind anderseits nicht immer zuverlässig, was spätere Änderungen der persönlichen Umstände betrifft. Hin und wieder sind sie zeitgemäß "frisiert"; so gaben etwa die Brüder Hartmann, beide Generale, als Vaterberuf Offizier an, was nicht zutraf. Weiters wurden Ministerialakten, Tagebücher, Ranglisten und andere Quellen der Abteilung IV des Bayerischen Hauptstaatsarchivs ausgewertet. Im übrigen stützt sich die Studie auf die Arbeit von Jörg Calließ, im besondern auf Wolf D. Gruners Veröffentlichungen über das Bayerische Heer in der fraglichen Zeit sowie, zum Zweck des Vergleichs, auf Hermann Rumschöttels Publikationen über das Offizierskorps zwischen von 1866 und 1914. Aus der Vielzahl der gedruckten Quellen seien noch die Garnisonsgeschichten erwähnt, zur Illustration der gesellschaftlichen Verhältnisse, insbesondre die von Christian Lankes über den Standort München.

Die Autorin gliedert ihre Studie in acht Abschnitte. Als erstes untersucht sie Umfang, Altersstrukturen und Karrierechancen der Offiziere. Sie konstatiert einen deutlichen Wandel seit den Zeiten Napoleons, während denen 1813 aus der National-Garde II. Klasse ein Heer praktisch aus dem Boden gestampft worden war, das zwar politisch seinen Zweck erfüllte, weil es Bayern als Bündnispartner akzeptabel machte, dessen Offizierskorps jedoch recht unterschiedlich gewesen ist. Daraus übernommene Offiziere waren in jeder Hinsicht belastend in den folgenden Friedenszeiten, bedingt durch bescheidene Kenntnisse, Invalidität und Überalterung. Hinzu kam die steigende Staatsverschuldung, ungeachtet eines ausgeglichenen Etats bereits 1829, die schwache Stellung des Kriegsministers innerhalb des Kabinetts sowie die Einstellung der jeweiligen Monarchen, besonders des bis heute weit überschätzten Ludwig I., die ein leistungsfähiges, entsprechend besoldetes Offizierskorps mit fairen Aufstiegschancen nicht entstehen ließen. Bezüglich der wirtschaftlichen Situation kommt die Autorin zu dem Schluß, daß sich die Einkommen in der fraglichen Zeit bei steigenden Lebenshaltungskosten fortlaufend verringerten. Attraktiv war das Offiziersein vornehmlich für die vielen Beförderten aus dem Unteroffizierstand, bei geringen Voraussetzungen, geringen Anforderungen und wohl auch mäßigem Prestige. Die Chargen der Stabsoffiziere, gar der Generalität waren ihnen kaum zugänglich.

Verfassungsrechtlich waren bayerische Offiziere keine Staatsdiener, sondern standen in einem unmittelbaren Verhältnis zum König. Deswegen schwelte zeitweilig ein Konflikt; Kreise liberaler Politiker, auch etlicher Offiziere, forderten die Vereidigung auf die Verfassung, neben oder statt dem herkömmlichen Fahneneid. Signifikant für die bayerischen Könige bis zu Ludwig II. war ihre auch seinerzeit absurde Furcht, sie seien dann in extremis ohne Schutz vor revolutionären Untertanen, was gar nicht so recht passen will zur so unerschütterlichen Treue des Volks zum angestammten Herrscherhaus. Im Zusammenhang ihrer Analyse der sozialen Herkunft der Offiziere, neben der regionalen sowie konfessioneller, mißt die Verfasserin deren adligen Anteil Bedeutung bei, nicht zuletzt was die Besetzung der höheren Positionen belangt. Zwar ist jeder, dessen Familiennamen auch nur ein "von" zierte, von Adel gewesen; auch räumt die Autorin ein, der bayerische Adel sei eine heterogene Gruppe gewesen. Die alten Familien jedoch, ebenso die Standesherrn, übrigens auch die etablierten Juden, verzichteten auf den öden Dienst mit spärlichem Sold und wenig Glanz in der stets als Ehrenkleid gelobten Uniform, die selbst Generale nur dann trugen, wenn sie mussten; Ausnahmen, etwa die Prinzen Carl und Luitpold sowie zwei Fürsten von Thurn und Taxis, bestätigen eher die Regel. Auch von den bayerischen Kriegsministern, obgleich alle adlig, entstammte kaum einer den prominenten Familien. Einen Abschnitt, fünf Seiten, widmet die Autorin jüdischen Offizieren; ein modisches und lobenswertes Unterfangen. 1843 gab es im Bayerischen Heer einen einzigen jüdischen Offizier, den Hauptmann Isidor Marx. Er wurde nicht diskriminiert. Zwei miserable, vermutlich ungerechtfertigter Beurteilungen wirkten sich auf die Karriere aus; dergleichen geschieht nicht selten auch einem Goi. 1853 erscheint noch der Unterleutnant Carl Henle. Ganz unbestritten sei der stellenweise eisige antijüdische Hauch in den bayerischen Militärakten, doch scheinen zwei Offiziere und zwei Personen im Offiziersrang eine bescheidene Basis für die Untersuchung eines Zustands über fünfzig Jahre.

Die Autorin resümiert, das bayerische Offizierskorps sei, wie auch das Königreich selbst, zur Zeit des Deutschen Bundes durch spezifische Charakteristika geprägt gewesen, mit denen es sich von den Zeiten davor und danach abhob; es unterschied sich nicht so sehr von dem anderer Mittelstaaten, aber deutlich vom preußischen. Das Bildungsniveau war heterogen, vorsichtig ausgedrückt; selbst das Lehrziel der Kadettenanstalt - soweit sie überhaupt den Nachwuchsbedarf deckte - entsprach nur der vierten Klasse der Lateinschule. Die Regimentsschulen bildeten Offiziere aus dem Unteroffizierstand aus. Überhaupt war die Trennung zwischen Offizieren und Unteroffizieren wenig ausgeprägt. Bei der Generalität sieht die Verfasserin einen Trend zur Verbürgerlichung. Etliche Aspekte des bayerischen Offizierskorps zwischen 1815 und 1866 sind mehr oder minder geläufig, als eine Art Ondit. Die vorliegende Studie stellt Vermutungen auf gesicherte, quellengesättigte Grundlagen durch eine geradezu vorbildliche Auswertung des umfangreichen Materials in angenehm und verständlich zu lesender Form.