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Thilo Kaiser: Die Greifswalder Bauten auf der Europäischen Route der Backsteingotik. Greifswalder Beiträge zur Stadtgeschichte, Denkmalpflege, Stadtsanierung - Sonderheft (reviewed by Ulrich Fürst)

sehepunkte 11 (2011), Nr. 4

Thilo Kaiser (Hg.): Die Greifswalder Bauten auf der Europäischen Route der Backsteingotik

Der Backsteinarchitektur im Nordosten Deutschlands widmen sich in den vergangenen Jahren immer wieder Publikationen mit dem Ansatz, die Grundzüge, Denkmäler und Erscheinungsformen dieser eindrucksvollen mittelalterlichen Baukultur durch populärwissenschaftliche Darstellungen einem breiteren Kreis von Interessenten zu vermitteln. Die ambitionierte fünfbändige Taschenbuchserie 'Gebrannte Größe. Wege zur Backsteingotik' (2002) wäre hier zu nennen, Gottfried Kiesows 'Wege zur Backsteingotik. Eine Einführung' (2003) oder 'Zisterzienserkirchen im nördlichen Mitteleuropa' von Ernst Badstübner (2005). Hinzu tritt nun ein Sonderheft der kleinen, aber qualitätvollen Reihe der 'Greifswalder Beiträge zur Stadtgeschichte', die vom Stadtbauamt der Universitäts- und Hansestadt mit Unterstützung des örtlichen Sanierungsträgers BauBeCon GmbH herausgegeben wird und hier deshalb angezeigt sein soll, weil die Autoren - Dirk Brandt, André Lutze, Torsten Rütz und Felix Schönrock - in exemplarischer Weise aktuelle Ergebnisse der Bauforschung einbringen in eine kompakte, allgemeinverständliche Darstellung des Greifswalder Bestands an mittelalterlichen Baudenkmälern.

Zwar steht die Architektur der Hansestadt Greifswald ein wenig im Schatten des mittlerweile in den Rang eines Weltkulturerbes erhobenen Stralsund, zumal sich von der Ausstattung der Sakralbauten, insbesondere den Altarwerken, nur wenig erhalten hat, doch sind die bestehenden Bauten von hohem Interesse für die Architekturgeschichte des späten Mittelalters. Im Hinblick auf die Bautechnik wäre u.a. auf den erhaltenen Lastenaufzug von St. Nikolai zu verweisen oder auf die beiden originalen Dachstühle von St. Jakobi und St. Nikolai mit ihren Verbundmarken und anderen, noch nicht geklärten Markierungen. Auch im Hinblick auf Entwicklungsgeschichte und Ausgestaltung lassen sich hervorragende Aspekte anführen: die Ostanlage der Klosterkirche in Eldena, welche die spätromanische Frühzeit der Zisterzienserarchitektur im Nordosten dokumentiert; die aufwendigen, auf stadträumliche Zusammenhänge bezogenen Giebelwände der Ostanlagen von St. Nikolai und St. Marien; die ungewöhnliche Häufung von Wehrbaumotiven am Turm von St. Nikolai etc. Zwei der mittelalterlichen Bürgerhäuser am Markt der Stadt (Markt 11 und 13) zählen ohnehin zu den Hauptwerken der Gattung im Bereich der südlichen Ostsee.

Bereits in den einführenden Kapiteln über "Greifswalds Anfänge im Mittelalter" und "Backstein als Baumaterial im mittelalterlichen Greifswald" zeichnen sich die speziellen Qualitäten dieses neuerlichen Versuchs ab, Architekturgeschichte populärwissenschaftlich zu vermitteln: Die historischen Daten von der Gründung des Zisterzienserklosters Eldena spätestens 1204 bis zur Einführung der Reformation 1535 werden in einer straff komprimierten, aber auch pointierten und gut lesbaren, anscheinend in längerer Tätigkeit in der Erwachsenenbildung geschulten Art der Darstellung präsentiert. Anschaulichkeit gewinnen sie im Verweis auf die erhaltenen Bauten und auf stadt- wie bauarchäologische Befunde. Allgemeine Erläuterungen zur Backsteintechnologie werden verknüpft mit dem Blick auf deren ortspezifische Ausprägung, bei der sich auch charakteristische Unterschiede zu anderen Hansestädten abzeichnen. Der Text wird um aufschlussreiche farbige Abbildungen ergänzt: freigelegte Straßenkonstruktionen mit Bohlen aus der Gründungzeit der Stadt etwa oder örtliche Exempla der verschiedenen Steinverbände.

Auch in der gedrängten Form der katalogartigen Kapitel, welche die neun wichtigsten Baudenkmäler Greifswalds vorstellen, erscheinen neben bekannten Befunden und Daten neuartige Ergebnisse. So sind im Beitrag über die Ruine des Zisterzienserklosters Eldena erstmals die in das Mauerwerk eingelassenen Schalltöpfe aus dem Bereich oberhalb der Scheidarkaden publiziert, die vermutlich der Modulation des Choralgesangs gedient haben. Der Beitrag zu St. Nikolai konkretisiert die These, dass die Verbindungen zur böhmischen Sakralarchitektur des 14. Jahrhunderts - das stilistische Gepräge der Wandmalereien oder die Konzeption des Portals am Scheitel des Ostchors mit Springgewölbe und doppelstöckiger Anlage der Scheitelkapellen - im Zusammenhang mit der ehelichen Verbindung Elisabeths von Pommern mit Kaiser Karl IV. zu sehen sind. Auch die in St. Nikolai erst 2009 aufgedeckte Wandmalerei mit den lebensgroßen Umrissen eines 1545 bei Greifswald gestrandeten Schwertwals findet bereits Erwähnung. Selbstverständlich setzt der eng bemessene Umfang den Texten auch ihre Grenzen. Zwar wird durch eine Fotografie und entsprechende Benennung die neuartige Deutung der aufwendigen, mit Giebel aus Kalkmörtelstuck, Kapitelplastik und in Schichtwechsel von glasiertem und unglasiertem Backstein gestalteten Blendenarchitektur, die sich im Eingangsbereich des massigen Westturms von St. Marien befindet und der Sitz eines geistlichen Gerichts gewesen sein könnte, angerissen. Doch können die dafür herangezogenen Indizien nicht ausführlich diskutiert werden, zumal Untersuchung und Einordnung dieses außergewöhnlichen Arrangements noch nicht abgeschlossen sind.

Besonders wertvoll erscheinen die für Kloster Eldena, für das ehemalige Hospital St. Spiritus und für die drei großen Stadtpfarrkirchen vorgelegten Baualterspläne, die auf älteren, bereits publizierten Grundrisszeichnungen basieren, aber nun mittels farbiger Eintragungen die verschiedenen Bauphasen detailliert und teilweise bis auf die Ebene von Jahrzehnten differenziert kenntlich machen. In die überwiegend ganzseitig angelegten Pläne sind mit penibler Genauigkeit Ergebnisse eingetragen, die in den vergangenen Jahren unter maßgeblicher Beteiligung der Autoren gewonnen wurden. So erscheint die in der Monografie von Ludwig Rhode (1940) vorgelegte Darstellung der Baugeschichte von St. Marien nun in wichtigen Teilen korrigiert. Bei der Baugeschichte von St. Nikolai zeichnet sich nach bereits länger andauernden Bemühungen von Hans Georg Thümmel und André Lutze mehr und mehr eine präzise Chronologie ab, auch wenn dazu eine längst fällige Monografie weiter aussteht. Dass die Erkenntnisse noch im Fluss sind, erweist die Tatsache, dass der Baualtersplan von St. Nikolai gegenüber der im Jahr 2005 in einem Kirchenführer des Verlags Schnell und Steiner (Nr. 1951 der Reihe, 5. Auflage) bereits publizierten Variante in wichtigen Details modifiziert werden konnte. Auch wenn die jeweilige Argumentation dafür ausführlicheren Studien vorbehalten bleiben muss, ist diese Art einer grafischen und im Text kurz skizzierten Vorab-Information sehr zu begrüßen.

Auch bei den Kapiteln über Denkmäler der profanen Baukunst erweist sich die langjährige Einbindung der Autoren in die lokale Bauforschung wieder als Gewinn: Beim Bürgerhaus Markt 13, einer der frühesten Hausfassaden, die sich im südlichen Ostseeraum erhalten haben, wird die These präsentiert, dass die Front ursprünglich nicht den 1994/95 rekonstruierten Stufengiebel, sondern einen hohen, horizontal abschließenden Giebelschild gehabt hätte. Einen ähnlichen, hier sogar zinnenbekrönten Schildgiebel zeigte auch das längst abgegangene Bürgerhaus daneben, das ausweislich einer abgebildeten historischen Fotografie wie das Haus Markt 13 mit einem ausgegrenzten ersten Obergeschoss versehen war; durch eine eigene Fensterfolge und auch in der Geschossteilung durch Gesimse stellt sich dieses wie ein 'piano nobile' dar. Die Frage nach der Motivation für die Sonderstellung der beiden aufeinander bezogenen Fassaden formuliert der Text allerdings nicht. Bei dem außerordentlich prächtigen Bürgerhaus Markt 11 werden die Aspekte der offen bleibenden Frage nach einer Beteiligung des Baumeisters Heinrich Brunsberg diskutiert. Der Beitrag über den Bibliotheksbau des ehemaligen Franziskanerklosters lenkt den Blick auf den bemerkenswerten und seiner Bearbeitung noch harrenden Zyklus von Terrakottafiguren aus dem späten 13. Jahrhundert, die an der Innenseite der Westwand in einer Zweitverwendung in Nischen aufgestellt worden waren. Bei dem erhaltenen Turm der Stadtmauer ('Fangenturm', 'turris captivorum') werden die bautechnologischen Besonderheiten (früher Wechselverband bereits um 1280), die spezifischen Merkmale der Wehrarchitektur und der ursprüngliche obere Abschuss erläutert und durch geeignete Abbildungen gezeigt.

Es gib zwei Kreise von Adressaten, die mit dem vorliegenden kompakten Nachschlagewerk, das den aktuellen Stand der Mittelalter-Bauforschung in einer bedeutenderen Hansestadt zusammenfassend darstellt, gut bedient sind: Die Wissenschaft wird auf aktuelle, bisher und auch auf absehbare Zeit unpublizierte Ergebnisse verwiesen und findet zu den Bauwerken jeweils ein ausführliches, auch entlegene und neueste Publikationen berücksichtigendes Literaturverzeichnis. Dem breiteren Publikum wird eine Einführung in den Denkmälerbestand an die Hand gegeben, die ein durchaus bestehendes Interesse an kunsthistorischer Unterweisung befriedigt, dem Leser das Kompliment macht, ihm das Verständnis fachlicher Gesichtspunkte zuzutrauen, und bei der fachmännischen Analyse von architektonischen Strukturen eine maßvoll fordernde, aber für Interessierte nachvollziehbare sprachliche Form findet.