You are here: Home / Reviews / Journals / sehepunkte / 11 (2011) / 09 / Das lange 10. Jahrhundert
Social Media Buttons fb twitter twitter twitter
  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (review)
      • Dücker, Julia
      Language (review)
      Deutsch
      Language (monograph)
      Deutsch
      Author (monograph)
      • Samsonowicz, Henryk
      Title
      Das lange 10. Jahrhundert. Über die Entstehung Europas
      Subtitle
      Über die Entstehung Europas
      Year of publication
      2009
      Place of publication
      Osnabrück
      Publisher
      fibre
      Series
      Klio in Polen
      Series (vol.)
      11
      Number of pages
      126
      ISBN
      978-3-938400-44-9
      Subject classification
      History of religion, Political History, Social and Cultural History, Economic History
      Time classification
      Middle Ages → 6th - 12th century
      Regional classification
      Europe
      Subject headings
      Christianisierung
      Staatenbildung
      Herrschaft / Organisation
      Eliten
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2011/09/20495.html
      recensio.net-ID
      3f242cc6071baebc46d31d4cc0d56aa1
      DOI
      10.15463/rec.1189726259
  • Citation rules

  • Terms of licence

    • This article may be downloaded and/or used within the private copying exemption. Any further use without permission of the rights owner shall be subject to legal licences (§§ 44a-63a UrhG / German Copyright Act).

Henryk Samsonowicz: Das lange 10. Jahrhundert. Über die Entstehung Europas (reviewed by Julia Dücker)

sehepunkte 11 (2011), Nr. 9

Henryk Samsonowicz: Das lange 10. Jahrhundert

Im Frühjahr 2009 wurde dem polnischen Mediävisten Henryk Samsonowicz der Historikerpreis der Stadt Münster verliehen. Mit dem Preis, der seit 1978 alle fünf Jahre zur Auszeichnung von Historikern oder bedeutenden Werken zur europäischen Geschichte ausgelobt wird, wurden dessen Lebenswerk und sein Verdienst um eine gegenwartsbezogene Geschichtsschreibung zum europäischen Mittelalter gewürdigt. Das Deutsche Historische Institut in Warschau hat die Preisverleihung zum Anlass genommen, um den von Samsonowicz bereits im Jahr 2002 in polnischer Sprache vorgelegten Band [ 1 ] durch die Herausgabe einer Übersetzung dem deutschsprachigen Lesepublikum zugänglich zu machen.

Es ist gewiss der Begriff des "langen 10. Jahrhunderts", der zu Beginn der Lektüre die besondere Aufmerksamkeit des Lesers zu wecken vermag. Samsonowicz beschreibt damit einen Prozess grundlegender struktureller Veränderungen in Europa, der vom 9. bis zum 11. Jahrhundert andauerte und in dessen Rahmen die Fundamente der heutigen europäischen Kulturen gelegt wurden. Eben diesen Umgestaltungen, namentlich den kulturellen, religiösen und wirtschaftlichen Grundlagen frühmittelalterlicher Herrschaftsbildung und -verfestigung in Europa, geht der Autor in vier kurzen Essays nach. Dabei versteht er Europa nicht geographisch, sondern wertebezogen als einen Zivilisationskreis, dessen Kultur durch die Fähigkeit zur gesellschaftlichen Selbstorganisation, die Freiheit des Menschen und die Akzeptanz ethischer, vom Christentum getragener Normen determiniert werde. Während deren Ursprünge in der Antike angesiedelt seien, verortet Samsonowicz ihre Anfänge im karolingischen Mittelalter. Erst im 10. Jahrhundert sei es jedoch zum Anschluss des "jüngeren" an das "ältere Europa" (25) gekommen.

Mit dem Gegensatz des "älteren" und jüngeren" Europa überdenkt der Autor eine bekannte Terminologie neu und zeigt in einleuchtender Weise, wie scheinbar überholte Forschungskategorien wieder fruchtbar gemacht werden können. So knüpfe das Begriffspaar an die nachfolgenden Etappen einer europäischen Gemeinschaft, des "jüngeren" oder "neueren" Europa, und die dortige Staatenbildung und Christianisierung an. Entscheidende Bedeutung für die Schaffung moderner Staaten in den zuvor paganen Gebieten im Norden und Osten misst Samsonowicz der Annahme des Christentums und der Ausprägung einer Kirchenorganisation bei. Die infolge der - regional freilich selektiven - Christianisierung in Europa entstandene gemeinsame Sprache materieller und geistiger Werte habe die Bildung und Ausformung staatlicher Organisationsformen als Werte- und Kommunikationssystem wesentlich begünstigt. Freilich sieht Samsonowicz die damit verbundenen politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Veränderungen nicht auf den Osten Europas beschränkt. Vielmehr sei die Formierung der westlichen Nationalstaaten parallel zu der Entwicklung gesellschaftlicher Organisationsformen im Osten zu sehen. Der Autor charakterisiert das 10. Jahrhundert deshalb als Jahrhundert tiefgreifender gesellschaftlicher Umgestaltungen in ganz Europa und zugleich als Kontext für die Durchsetzung des Dualismus der europäischen Kultur, der "Vielheit in der Einheit" (124).

Durch Überlegungen zur Dauer und Prägekraft religiöser und hegemonialer Konflikte wird die reflektierte Arbeit zur Konstituierung der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Strukturen Europas abgerundet. Mit seiner essayistischen Synthese hat Samsonowicz einen beeindruckenden Beitrag zur Debatte über die Entstehung Europas geleistet und einmal mehr auf die Aktualität des Mittelalters verwiesen. Sein behutsamer und abwägender Umgang mit den terminologischen und konzeptionellen Herausforderungen des Themas regt gerade im Kontext gegenwärtiger Debatten um Europa, seine politischen Strukturen und kulturellen Grundlagen, zum Innehalten und Nachdenken an.


Anmerkung :

[ 1 ] Henryk Samsonowicz: Długi wiek X. Z dziejów powstania Europy [Das lange 10. Jahrhundert. Über die Entstehung Europas], Poznań 2002 (Mała Biblioteka, 8).