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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Rous, Anne-Simone
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch
      Author (Monograph)
      • Polleroß, Friedrich
      Title
      Die Kunst der Diplomatie
      Subtitle
      Auf den Spuren des kaiserlichen Botschafters Leopold Joseph Graf von Lamberg (1653-1706)
      Year of publication
      2010
      Place of publication
      Petersberg
      Publisher
      Imhof
      Number of pages
      602
      ISBN
      978-3-86568-562-9
      Subject classification
      Biographies, genealogy, Political History, Social and Cultural History
      Time classification
      Modern age until 1900 → 17th century, Modern age until 1900 → 18th century
      Regional classification
      Europe → Western Europe, Europe → Southern Europe → Italy
      Subject headings
      Lamberg, Leopold Joseph von
      Diplomatie
      Heiliger Stuhl
      Heiliges Römisches Reich
      Biographie
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2011/09/18935.html
      recensio-Date
      Sep 28, 2011
      recensio-ID
      8b64d848248b288f626eaac273d89c06
      DOI
      10.15463/rec.1189726228
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Friedrich Polleroß: Die Kunst der Diplomatie. Auf den Spuren des kaiserlichen Botschafters Leopold Joseph Graf von Lamberg (1653-1706) (reviewed by Anne-Simone Rous)

sehepunkte 11 (2011), Nr. 9

Friedrich Polleroß: Die Kunst der Diplomatie

Der Wiener Universitätslektor Friedrich Polleroß, als ausgewiesener Kenner der habsburgischen Kulturgeschichte bekannt, legt ein gewichtiges Werk über den kaiserlichen Botschafter in Rom vor. Es stellt eine vielschichtige Biographie dar, die kulturhistorische Beschreibungen, adelige Alltagsgeschichte und zeitgenössische Ereignisse miteinander zu verknüpfen weiß. Der Bogen spannt sich von Lambergs Jugend bis zu dessen heimlicher Abreise vom Botschafterposten in Zusammenhang mit dem Abbruch der Beziehungen zwischen Wien und Rom 1705.

Die umfangreiche Einleitung führt in einem Panorama der Zeit die schwierigen Begleitumstände für die diplomatische Tätigkeit des Protagonisten vor Augen: unruhestiftende Thronwechsel, der Rangstreit des Hofadels, Verschuldung durch Repräsentation. In diesem großen Forschungsfeld, das unzählbare Einzelarbeiten in sich birgt, stellt sich der Autor zur Aufgabe, "die kulturelle Lebenswelt, den kunsthistorischen Horizont und die (künstlerische) Repräsentation eines Wiener Höflings der Zeit um 1700" (10) zu untersuchen. Diesem Anspruch wird das quellengesättigte Buch durchaus gerecht. Eine vergleichbar umfassende Studie stellt vielleicht nur Horst Lademachers niederländische Kulturgeschichte dar. Den klassischen Forschungsüberblick sucht man jedoch vergeblich, und die Fragestellung wurde auf knapp zwei Seiten formuliert. Hingegen stehen nach jedem Kapitel ausführliche Anmerkungen mit Quellenangaben.

Unter der Überschrift "Urbi & Orbi - Rom und Wien" wird zunächst der Rahmen der internationalen Diplomatie und der lokalen Hofordnungen abgesteckt. Anschließend ordnet Polleroß das Mäzenatentum in den Kontext des Prestigekampfes ein und erläutert den "Paradigmenwechsel [...] von der Dominanz des Literarischen zu jener des Visuellen" (23) infolge des hofadeligen Generationswechsels. Der nächste Block ist dem Kulturtransfer und diplomatischen Geschenken, Bestechung durch Kunst und Bilderkriegen gewidmet. Immer wieder wird bei der Gegnerschaft zwischen Wien und Paris die Aufgabe des Botschafters auf seinem Posten in Rom deutlich, da die Wiener Diplomatie ihr Hauptaugenmerk darauf richtete, "die kaiserliche Präeminenz zu wahren" (54). Jedoch verliert der Leser angesichts der Beispielfülle mitunter etwas die Orientierung, zumal der Text häufig weit von der Hauptperson wegführt. Entsprechend können die vielen aufgeführten Fälle nur angerissen werden. Polleroß wählt keinen streng wissenschaftlicher Zugang, weshalb auch Begriffsklärungen oder Stellungnahmen zu den aktuellen Fachdiskursen (zum Beispiel Transnationale Geschichte, Kulturgeschichte des Politischen) unterbleiben. Dieser aufwändig bebilderte Band richtet sich vielmehr an die interessierte Öffentlichkeit. Die langen Zitate aus Reisebeschreibungen oder Archivquellen weisen auch einen enzyklopädischen Anspruch aus.

In seinem Hauptteil über Leopold Joseph Graf von Lamberg folgt Polleroß der Chronologie und stellt dessen Herkunft vor, bevor er ausführlich auf die Kavaliersreise des Grafen eingeht. Beinahe minutiös wird der Route und dem Tagesablauf gefolgt, was in Verbindung mit den zahlreichen Zitaten einen sehr lebendigen Eindruck beim Leser hinterlässt. Es lassen sich interessante Querverbindungen zur späteren Amtszeit ziehen. So vergrößerte der junge "Diplomatenlehrling" die Entourage des Botschafters und diente damit dessen Repräsentation (88). Als Botschafter hatte Lamberg später gleichermaßen 229 Kavaliere und Schutzbefohlene um sich (333). In den Ausführungen greifen biographische Notizen und Kunstbeschreibungen ausgezeichnet ineinander. Wie auch in den anderen Kapiteln wird hier deskriptiv vorgegangen, aber bedauerlicherweise auf eine Interpretation aus höherer Perspektive, das heißt auf eine Meta-Ebene, verzichtet. Auf diese Weise bleibt der Autor dem Leser einige Zusammenfassungen schuldig, die in der Menge von Namen und Orten die Relevanzen für Lamberg herausarbeiten würden.

Das folgende Kapitel stellt die Herrschaftssitze der Lambergs in Niederösterreich im Zusammenhang mit adeliger Repräsentation vor. Der Leser erfährt vom Tagebuch einiges zur "Sommerfrische" (174) und dem Herzogsbad in Baden, das Lambergs Sohn zum Schuldenabbau an die Stadt Baden verkaufen musste (187).

Im Anschluss daran richtet sich der Blick wieder nach Wien. Die Beschreibung von Stadtpalast, Gartenpalais und Familienkapellen wird flankiert von dem im Stadtplan sichtbaren Wettbewerb des Hofadels. Die Familie Lamberg konnte sich mit vier Gebäuden im Dunstkreis der Hofburg durchaus mit ihren Konkurrenten messen, auch wenn Graf von Lamberg von der Erbschaft seines Schwiegervaters profitierte. Als junger Gesandter in Regensburg konnte er aber wegen Geld- und Zeitnot im "Modernisierungswettlauf" nicht immer mithalten und besaß zeitweise ein schlichteres Palais als andere (197).

Diesem anschaulichen Einblick in die Wiener Adelsszene folgen zwei umfangreichere Kapitel, die sich der Gesandtschaft Lambergs am Reichstag in Regensburg 1690-99 und der Botschaft in Rom 1700-05 widmen. Während der Regensburger "Gesellenzeit" (290) steht der Zeremonialstreit im Vordergrund. Darüber hinaus erfährt der Leser viel vom diplomatischen Alltag zwischen Zeitungsabonnements, Festen als "zeremoniellem Stress" (252) und Kunstsammlungen. Die unvermeidbare Verschuldung des Hofadels kann Polleroß für seinen Protagonisten sehr beeindruckend nachweisen: den 6.000 Gulden Jahrsold standen Ausgaben in Höhe von 70.000 Gulden gegenüber (215). Ebenso kommt die Verzahnung familiärer Berufswege zur Sprache, da Leopold Joseph parallel mit seinem Vetter Johann Philipp die Karriereleiter hinaufstieg und beide "einander wieder gegenseitig die Leiter halten konnten" (294). Den Botschafterposten als "Höhepunkt einer diplomatischen Karriere in kaiserlichen Diensten" (302) hatte Lamberg lange anvisiert und übernahm das Amt, als die Beziehungen mit Rom stark abgekühlt waren. Die damit zusammenhängenden diplomatischen Anstrengungen und Komplikationen sind spannend nachzuvollziehen - die Mitorganisation eines gescheiterten Aufstandes in Neapel, die Verwicklung in eine Mordaffäre und die "Stellvertreterkriege" (373) um Wappen und Immunität in wechselnden Unterkünften sind gleichsam ein Kulminationspunkt des Buches. Eindrucksvoll zeichnet der Autor nach, wie Lamberg geschickt versucht, in der "Propagandaschlacht" (410) mit geheimdienstlichen Methoden zu punkten. Sein Scheitern endet in der Abberufung und heimlichen Ausreise aus Rom. Die Gründe sucht Polleroß im "schwerfälligen Wiener Organisationsapparat" und einer "altertümlichen, d.h. auf Rechtssicherheit und auf Vertrauen [...] basierenden Einstellung" (505).

Dass Lamberg nun beim neuen Kaiser nicht mehr zum Zuge kam, wird im Abschlusskapitel vergleichsweise rasch mit wenigen Worten abgehandelt. Der Karriereknick resultiere aus der nichtadeligen Gemahlin und dem langjährigen Auslandsaufenthalt (506). An dieser Stelle ist erneut das deutliche Ungleichgewicht zwischen Detailfreude im kulturhistorischen Bereich und Knappheit bei politischen Analysen festzustellen, was besonders am Ende des Bandes schmerzt, wo es doch um die Persönlichkeit Lambergs geht. Die Ausführungen über den geistigen und materiellen Nachlass Lambergs enthalten ein Verzeichnis der Gemälde und Skulpturen ebenso wie einen hier etwas deplaziert wirkenden zeitgenössischen Diskurs über Original und Fälschung, der besser in einem eigenen Aufsatz publiziert worden wäre. Zusammenfassende Analysen muss der Leser suchen, da an verschiedenen Stellen einige Versatzstücke eines Fazits zu finden sind. Demnach war Lamberg vom neuen Typus eines Hofadeligen als Rezipient und Auftraggeber (520), griff die aktuellen Tendenzen des römischen Kunstmarktes auf (516) und kannte den Wert der angewandten Kunst, war aber "kein Kunstliebhaber im eigentlichen Sinne" (526).

Insgesamt stellt der Band mit wenigen Abstrichen eine herausragende kulturgeschichtliche Studie dar, die den Maßstäben einer Biographie nicht ganz gerecht wird, aber optisch und hinsichtlich der Quellenpräsentation zu überzeugen weiß.