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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Engehausen, Frank
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch
      Author (Monograph)
      • Rapport, Mike
      Title
      1848
      Subtitle
      Revolution in Europa
      Year of publication
      2011
      Place of publication
      Stuttgart
      Publisher
      Theiss
      Number of pages
      446
      ISBN
      978-3-8062-2430-6
      Subject classification
      History, Intellectual History, Military History, Political History, Social and Cultural History
      Time classification
      Modern age until 1900 → 19th century
      Regional classification
      Europe
      Subject headings
      Revolution <1848>
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2011/11/19741.html
      recensio.net-ID
      9454ebda2043b029c1ad2c02279c5a64
      DOI
      10.15463/rec.1189736951
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Mike Rapport: 1848. Revolution in Europa (reviewed by Frank Engehausen)

sehepunkte 11 (2011), Nr. 11

Mike Rapport: 1848 - Revolution in Europa

Der im schottischen Stirling lehrende Historiker Mike Rapport hat mit seinem nun in deutscher Übersetzung vorliegenden Buch (englische Originalausgabe 2008) den ambitionierten Versuch unternommen, die revolutionären Ereignisse von 1848/49 in ihrem europäischen Kontext darzustellen. Rapport sieht hierin "einige interessante Herausforderungen", insbesondere das Problem "historischer Synchronisation" ungleichzeitig verlaufender Entwicklungen, und verweist zur weiteren Legitimation seines Vorhabens darauf, dass die damaligen Revolutionäre mit "erstaunlich modernen Fragestellungen konfrontiert" worden seien: mit dem Aufkommen eines Nationalismus, "der verhängnisvollerweise kaum den legitimen Ansprüchen anderer nationaler Gruppen Rechnung trug", mit dem Aufbrechen eines Antagonismus zwischen Liberalismus und Demokratie, der "dramatische Folgen" bis weit ins 20. Jahrhundert gezeitigt habe, und mit der sozialen Frage, die 1848 "mit aller Macht und unwiderruflich auf das Feld der Politik geworfen" worden sei. Die Leserinnen und Leser hierüber systematisch zu unterrichten, versucht Rapport indes nicht, vielmehr will er die "Geschichte als solche" erzählen (7f.) und folgt in seiner Revolutionsdarstellung der Chronologie der Ereignisse, die er nach zwei einleitenden Kapiteln ("Ein Wald von Bajonetten" und "Der Zusammenbruch") mit Jahreszeitenbildern gliedert: "Völkerfrühling", "Glutroter Sommer", "Herbst der Gegenrevolution" und "1849 - Winterzeit der Revolution".

Anders als manche Revolutionsgeschichten, die das Wort Europa im Titel tragen, aber im Wesentlichen Nationalgeschichten mit Seitenblicken auf die Nachbarn sind, nimmt Rapport die selbstgestellte Aufgabe ernst und gibt mit zahlreichen Perspektivwechseln einen annähernd gleichgewichtigen Überblick über die Ereignisse auf den zentralen europäischen Revolutionsschauplätzen: Frankreich, Italien, Deutscher Bund und nicht bundeszugehörige Teile der Habsburgermonarchie; die übrigen europäischen Staaten, in denen die politische Ordnung 1848/49 nicht nachhaltig erschüttert wurde (England, Niederlande, Belgien, die skandinavischen Länder und Russland), werden in einem instruktiven Abschnitt, der der Frage nachgeht, warum es dort vergleichsweise ruhig blieb, behandelt (107-118). Die spezifischen Problemlagen, die auf den Hauptschauplätzen zum Ausbruch revolutionärer Unruhen führten, skizziert Rapport prägnant. Ebenso macht er auf knappem Raum die länderübergreifenden Zusammenhänge deutlich, bei denen Frankreich nicht nur in der revolutionären Mobilisierungsphase, sondern auch bei dem Übergang zu gegenrevolutionärer Politik eine Schrittmacherrolle innehatte. Auch fehlt es der Darstellung nicht an analytischen Zwischenbilanzen, in denen zum Beispiel die Revolutionsursachen (119-124) oder die Rolle von Juden und Frauen (181-194) im Vergleich dargestellt werden.

Rapports Hauptaugenmerk gilt jedoch der Nachzeichnung von Handlungsabläufen, und da er dies in sehr farbenfroher Manier tut, bietet das Buch eine vermutlich auch für eine Laienleserschaft sehr ansprechende Lektüre. Insbesondere die gewalthaften Komponenten des Revolutionsgeschehens werden auf recht breitem Raum gewürdigt, wobei die Schilderung manchmal ins Voyeuristisch-Anekdotische abgleitet - etwa wenn die Verletzungen, die dem österreichischen Kriegsminister Theodor Latour von einem Lynchmob beigebracht wurden, detailliert beschrieben werden (291). Auch wird man bei aller Wertschätzung von Rapports Bemühungen um eine lebhafte Darstellung nicht jede seiner prägnanten Charakteristiken, mit denen er die revolutionären Protagonisten und ihre Gegenspieler vorstellt, für gelungen halten müssen - "der verschlagene und gefürchtete Feldmarschall Radetzky" (94), "der geistreiche, doch etwas weltfremd-idealistische Giuseppe Mazzini" (31) oder Louis-Napoleon Bonaparte als eine "befremdliche und manchmal komische Gestalt" (332).

In weitaus stärkerem Maße als solche stilistischen Geschmacksfragen schlägt negativ zu Buche, dass Rapports Materialgrundlage streckenweise ziemlich dünn ist. Für die Darstellung der deutschen Revolution nutzt er zwar einige einschlägige Quellen (die Lebenserinnerungen von Carl Schurz, Leopold von Gerlachs Denkwürdigkeiten oder Fanny Lewalds Erinnerungen), in den Anmerkungen finden sich jedoch - mit Ausnahme der Arbeiten von Wolfram Siemann und Rudolf Stadelmann - kaum Verweise auf die einschlägige Forschungsliteratur zur Revolution. Dies mag dazu beigetragen haben, dass sich in das Buch ungebührlich viele Unschärfen und Fehler eingeschlichen haben, von denen einige exemplarisch angeführt seien: In Baden stand die "Ausarbeitung einer neuen Verfassung" im März 1848 keineswegs auf der politischen Tagesordnung (72); die liberalen Anhänger der konstitutionellen Monarchie gewannen bei den Wahlen zur deutschen Nationalversammlung nicht "585 Sitze" - dies war die Gesamtzahl der Mandate - (236); nach der Erstürmung der Festung Rastatt wurden weit weniger als "jeder zehnte Gefangene" von den Preußen erschossen (351), und schließlich machte sich Friedrich Ebert nicht als "sozialdemokratischer Kanzler", sondern als Reichspräsident daran, "eine Anbindung an das liberale Erbe von 1848 herzustellen" (411).

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