You are here: Home / Reviews / Journals / sehepunkte / 11 (2011) / 12 / Ab nach Schwedt!
Social Media Buttons fb twitter twitter twitter
  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Müller, Christian Th.
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch
      Author (Monograph)
      • Wenzke, Rüdiger
      Title
      Ab nach Schwedt!
      Subtitle
      Die Geschichte des DDR-Militärstrafvollzugs
      Year of publication
      2011
      Place of publication
      Berlin
      Publisher
      Links
      Number of pages
      492
      ISBN
      978-3-86153-638-3
      Subject classification
      Military History
      Time classification
      20th century → 1940 - 1949, 20th century → 1950 - 1959, 20th century → 1960 - 1969, 20th century → 1970 - 1979, 20th century → 1980 - 1989
      Regional classification
      Europe → Western Europe → Germany
      Subject headings
      Militärgefängnis Schwedt
      Deutschland <DDR>
      Wehrstrafgerichtsbarkeit
      Strafvollzug
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2011/12/20105.html
      recensio.net-ID
      7bef7ab30ddbd7791af15b4926c7cd94
      DOI
      10.15463/rec.1189737604
  • Citation rules

  • Terms of licence

    • This article may be downloaded and/or used within the private copying exemption. Any further use without permission of the rights owner shall be subject to legal licences (§§ 44a-63a UrhG / German Copyright Act).

Rüdiger Wenzke: Ab nach Schwedt! Die Geschichte des DDR-Militärstrafvollzugs (reviewed by Christian Th. Müller)

sehepunkte 11 (2011), Nr. 12

Rüdiger Wenzke: Ab nach Schwedt!

Schwedt - den Namen der uckermärkischen Kleinstadt vernahmen die meisten Soldaten der Nationalen Volksarmee mit Schaudern. Seit 1968 befand sich hier mit der Postanschrift "133 Schwedt/Oder, Postfach 70" der Militärstrafvollzug der DDR. Hierher wurden zu Strafarrest oder zu einer Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren verurteilte Angehörige der NVA und anderer bewaffneter Organe gebracht. Jeder Soldat wusste zwar von der Existenz dieser Einrichtung, aber wenig bis nichts über Lebensbedingungen und Alltag der dort Inhaftierten. Wer von dort in die Truppe zurückkam, erzählte in der Regel nichts über seine Zeit in Schwedt. So rankten sich bald wilde Gerüchte um den "Armeeknast", der als Ort härtesten Drills, von Schikane und Misshandlung, ja mitunter gar als "kommunistisches KZ" imaginiert wurde. In der Soldatensubkultur hatte Schwedt schon bald einen festen Platz. Auf den Maßbändern der "Entlassungskandidaten" für die letzten 150 Tage ihres Wehrdienstes war die Zahl "133" in Anspielung auf die Postleitzahl von Schwedt mit einem Gittermuster versehen.

Die historische Forschung hat diesem Kapitel der DDR-Militärgeschichte bislang nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Rüdiger Wenzke, Mitarbeiter am Militärgeschichtlichen Forschungsamt, hat nun die erste umfassende Analyse des Militärstrafvollzuges der DDR vorgelegt. Dabei beschränkt er sich jedoch nicht allein auf das Militärgefängnis und seine Vorgängerinstitutionen, sondern leuchtet in den ersten vier Kapiteln mit der Militärjustiz und der disziplinaren Praxis sowie der Rolle des Militärstrafvollzuges im Strafvollzugssystem der DDR auch deren juristische und organisatorische Grundlagen aus. Besonders aufschlussreich ist der Exkurs über Militärjustiz, Disziplinarwesen und Strafvollzug in anderen Militärorganisationen der deutschen Geschichte bzw. des Warschauer Pakts, der auch über die DDR hinaus eine historische Einordnung ermöglicht.

Wesentliches Kennzeichen des NVA-Strafsystems war die Nichteinhaltung rechtsstaatlicher Mindeststandards. So wurden die Urteile im Militärstrafprozess in der Regel noch vor Beginn der Hauptverhandlung "abgestimmt" und, soweit den Angeklagten überhaupt Verteidiger beigestellt wurden, deren Rechte etwa auf Akteneinsicht massiv beschnitten (88). In noch stärkerem Maße trifft dies auf die nahezu unkontrollierte Disziplinargewalt der Kommandeure zu. In der Theorie sollten "Militärische Disziplin und Ordnung" vor allem mit "Überzeugung", "die freiwillige Einsicht in das Notwendige" und erst in zweiter Linie mit Zwang durchgesetzt und die NVA-Angehörigen so zu "sozialistischen Soldatenpersönlichkeiten" erzogen werden (111).

In der Praxis wurden aber vor allem in den Anfangsjahren des DDR-Militärs drakonische Disziplinarstrafen schon für geringfügige Vergehen verhängt. Derartige Willkür trug beträchtlich zum verbreiteten Unmut über die Lebensbedingungen in Kasernierter Volkspolizei und NVA bei. Der Versuch, die rigiden Disziplinvorstellungen von SED und Militärführung in der Truppe durchzusetzen, zeitigte jedoch nur sehr begrenzte Erfolge. Allein im Ausbildungsjahr 1979/80 wurden 25 330 Armeeangehörige wegen Alkoholvergehen und 15 800 Armeeangehörige wegen "Störung der sozialistischen Beziehungen" - meist in Gestalt von physischer Gewalt und Schikanen gegen Angehörige der jüngeren Diensthalbjahre - disziplinarisch bestraft (138).

Mit der Wirkung der verfügbaren Disziplinarstrafen war man im Ministerium für Nationale Verteidigung (MfNV) jedoch schon lange unzufrieden. In der Konsequenz wurde 1980 mit der Strafe "Dienst in der Disziplinareinheit" ein neues Instrument zur Disziplinierung verhaltensauffälliger Soldaten konzipiert und zum 1. Oktober 1982 eingeführt. Kommandeure ab der Regimentsebene hatten nun das Recht, Soldaten und Unteroffiziere, die sich "wiederholt und hartnäckig der militärischen Disziplin widersetzten und deren Handlung noch keine Straftat darstellte", für ein bis maximal drei Monate ohne Gerichtsurteil zum Disziplinararrest nach Schwedt zu schicken (140f.). Jenseits der einfachen Beschwerde verfügten die so Bestraften über keinerlei Rechtsmittel gegen die Entscheidung des Kommandeurs.

Zwischen 1982 und 1990 wurden 2524 Armeeangehörige mit Disziplinararrest bestraft. Die Zahl der zwischen 1968 und 1990 in Schwedt einsitzenden gerichtlich verurteilten Militärstrafgefangenen schätzt Wenzke auf 5000 bis 6000 Personen. Die meisten von diesen waren wegen gewöhnlicher Kriminalität oder aufgrund von spezifischen Militärstraftaten wie unerlaubter Entfernung von der Truppe oder Befehlsverweigerung verurteilt worden. Bei immerhin 15 bis 25 Prozent der Insassen erfolgte die Verurteilung jedoch aus politischen Gründen.

Bis zur Übernahme durch die NVA 1982 lag der Strafvollzug für Militärangehörige in der Verantwortung des Ministeriums des Innern (MdI). Soldaten, die gerichtlich zu einer Haftstrafe von bis zu zwei Jahren oder ab 1962 zu Strafarrest von ein bis maximal sechs Monaten verurteilt worden waren, verbüßten ihre Strafe zwischen 1954 und 1968 im Haftarbeitslager Berndshof bei Ueckermünde sowie zwischenzeitlich auch in Nitzow bei Havelberg. Schlechte Haftbedingungen, unqualifiziertes Personal sowie die Mischung der Militärstrafgefangenen mit zivilen Häftlingen bildeten dabei ständige Kritikpunkte seitens des MfNV.

Ab 1968 wurde das Haftlager Schwedt mit einer Kapazität von bis zu 350 Gefangenen ausschließlich für den Militärstrafvollzug genutzt. Wie es in der Vereinbarung zwischen MdI und MfNV vom 7. Juli 1978 hieß, sollten die Militärstrafgefangenen hier "in enger Verbindung von gesellschaftlich nützlicher Arbeit, politischer Schulung und militärischer Ausbildung mit einem straffen militärischen Regime [...] zur verantwortungsbewussten militärischen Pflichterfüllung" (250) erzogen werden. In der Praxis dominierten aber Willkür und Schikane des Vollzugspersonals sowie die Ausbeutung der Gefangenen als billige Arbeitskräfte in den umliegenden Industriebetrieben. Kleinste Unbotmäßigkeiten wurden mit dem Gummiknüppel oder mit Arreststrafen geahndet.

Aus Sicht des MfNV ließ vor allem die Qualität der militärischen und politischen Erziehung zu wünschen übrig, weshalb es die Überführung des Militärstrafvollzuges in die Verantwortung der NVA betrieb. 1982 wurde aus der Strafvollzugseinrichtung Schwedt die "Disziplinareinheit 2". Zusätzlich zum "Verwahrteil" für Militärstrafgefangene entstand ein "Disziplinarteil", in dem der Disziplinararrest zu verbüßen war. Am Klima des Strafvollzuges änderte sich jedoch wenig. Schwere Arbeit und harte Ausbildung blieben, während der stumpfsinnige Drill als bevorzugtes Disziplinierungsmittel eher noch zunahm. Alles lief weiterhin darauf hinaus, die Persönlichkeit der Inhaftierten zu brechen. Diese Praxis trug maßgeblich zum "Mythos Schwedt" bei, der gezielt genutzt wurde, um durch Einschüchterung und Abschreckung die Disziplin in der Truppe aufrechtzuerhalten.

Rüdiger Wenzkes Arbeit besticht durch ihre ebenso kritische wie differenzierte Analyse, die endlich Licht in dieses emotional und mythisch aufgeladene Kapitel der DDR-Militärgeschichte bringt. Sein rundum gelungenes Buch wird ergänzt durch eine Zeittafel, einen umfangreichen Bildteil sowie zahlreiche im Anhang abgedruckte Dokumente.