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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Röger, Maren
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Polski
      Author (Monograph)
      • Hytrek-Hryciuk, Joanna
      Title
      "Rosjanie nadchodzą!"
      Subtitle
      Ludność niemiecka a żołnierze Armii Radzieckiej (Czerwonej) na Dolnym Śląsku w latach 1945-1948
      Year of publication
      2010
      Place of publication
      Wrocław
      Publisher
      Oddział Instytutu Pamięci Narodowej - Komisji Ścigania Zbrodni przeciwko Narodowi Polskiemu
      Number of pages
      264
      ISBN
      978-83-61631-14-9
      Subject classification
      History
      Time classification
      20th century → 1940 - 1949
      Regional classification
      Europe → Eastern Europe → East-Central Europe → Poland
      Subject headings
      Deutsche
      Militär
      Niederschlesien
      Sowjetunion
      Geschichte 1945-1948
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2011/12/20994.html
      recensio.net-ID
      22f6f13b5fe30df4d9b064ecea32f493
      DOI
      10.15463/rec.1189737622
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Joanna Hytrek-Hryciuk: "Rosjanie nadchodzą!". Ludność niemiecka a żołnierze Armii Radzieckiej (Czerwonej) na Dolnym Śląsku w latach 1945-1948 (reviewed by Maren Röger)

sehepunkte 11 (2011), Nr. 12

Joanna Hytrek-Hryciuk: "Rosjanie nadchodzą!"

Für ihre Dissertation 'Die Russen kommen!' Die deutsche Bevölkerung und die Soldaten der Sowjetarmee (Roten Armee) in Niederschlesien in den Jahren 1945-1948 hat Joanna Hytrek-Hryciuk den diesjährigen Tomasz Strzembosz-Preis für polnische Nachwuchshistoriker erhalten. Die Auszeichnung wurde damit zum dritten Mal von der Stiftung vergeben, die 2008, vier Jahre nach dem Tod des polnischen Historikers Tomasz Strzembosz ins Leben gerufen wurde. Während sich Strzemboszs Arbeiten auf die Besatzungszeit und die Untergrundbewegung konzentrierten, ist der renommierte Preis für Nachwuchswissenschaftler - mit 10.000 Złoty attraktiv ausgestattet - allgemeiner für die jüngste Geschichte ausgelobt, definiert mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Hytrek-Hryciuks Arbeit untersucht das Verhältnis von deutscher Bevölkerung und sowjetischen Soldaten in Niederschlesien in den Jahren 1945-1948, wobei sie mehrere Phasen in den Blick nimmt: Vom Einmarsch der Rotarmisten über die zunächst sowjetische Administration bis zur polnisch-sowjetischen Doppelherrschaft inklusive der ökonomischen Ausbeutung der Arbeitskräfte.

Die Untersuchung ordnet sich in die in den letzten beiden Jahrzehnten prosperierende Forschungslandschaft zum Vertreibungskomplex ein. Zahlreiche wichtige ereignisgeschichtliche Studien sind entstanden, darunter das deutsch-polnische Quelleneditionsprojekt "Unsere Heimat ist uns ein fremdes Land geworden", koordiniert von Włodzimierz Borodziej und Hans Lemberg [ 1 ]. Mit der Konzentration auf die deutsch-sowjetischen Beziehungen hat Hytrek-Hryciuk für die polnische Historiographie eine Lücke geschlossen, nicht zuletzt indem sie bislang in Polen kaum oder überhaupt nicht gesichtete Quellen auswertete - was auch von der prominent besetzten Jury unter Führung von Tomasz Szarota hervorgehoben wurde. Dazu gehören in erster Linie die Berichte und Fragebogen von Flüchtlingen und Vertriebenen aus der sogenannten Ostdokumentation, die in der Bundesrepublik teilweise auch im Rahmen des Forschungs- und Publikationsprojekts "Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa" publiziert wurden [ 2 ]. Mitte der 1990er Jahre hatte Maria Podlasek die bereits publizierten Berichte in die polnische Debatte eingebracht [ 3 ]; Hytrek-Hryciuk analysiert nun hauptsächlich unveröffentlichte Berichte und Fragebogen aus Niederschlesien. Neben diesen Quellen nutzt die Autorin polnische Behördenüberlieferungen, vor allem solche des "Ministeriums der wiedergewonnenen Gebiete" sowie die Splitterüberlieferung der Vertretung der Regierung der Volksrepublik Polen bei der Roten Armee in Legnica (Liegnitz). Zudem konnte sie auf Materialien des NKWD zurückgreifen sowie auf editierte Dokumentensammlungen zur sowjetischen Deutschlandpolitik aus russischen Archiven.

Das Bild, das sich daraus ergibt, wirkt zumindest für den deutschen Leser in der Struktur vertraut, erweitert aber den Forschungsstand fundiert um einen regionalgeschichtlichen Aspekt. Im dritten Kapitel werden die Gewalttaten beim Einmarsch nachgezeichnet, wobei sich bestätigt, dass die Vorhut dem von der NS-Propaganda gezeichneten Zerrbild der bolschewistischen Bestie nicht entsprach, die nachfolgenden Truppen aber teilweise sehr brutal agierten. Die Autorin schildert in (mit drei Seiten manchmal sehr kurzen) Unterkapiteln verschiedene Formen der Gewalt gegenüber unterschiedlichen Personengruppen, etwa den Geistlichen, den Kriegsgefangenen sowie Frauen und Mädchen, die massenhaft Opfer sexueller Gewalt wurden. Hytrek-Hryciuk kann hier auf regionalgeschichtlicher Ebene weitere Details zur Geschichte der Massenvergewaltigungen beitragen. Allerdings spricht die Autorin irreführenderweise von einem Tabu, obwohl das Thema seit der unmittelbaren Nachkriegszeit ein Topos in der bundesrepublikanischen Erinnerung ist [ 4 ]. In diesem Kapitel wäre auch eine stärkere Problematisierung der Quellen aus der Ostdokumentation wünschenswert gewesen. Nichtsdestoweniger zeichnet sich die Autorin durch eine gute Kenntnis der deutschsprachigen Forschungsliteratur aus.

Kapitel vier und fünf geben interessante Einblicke in die lokale Politik der sowjetischen Besatzer nach dem Einmarsch und in die schwierige Phase der polnisch-sowjetischen Doppeladministration sowie die jeweilige Umsetzung der Zwangsaussiedlung. So kann Hytrek-Hryciuk zeigen, dass unter den polnischen Verantwortlichen die Auffassung verbreitet war, die sowjetischen Militärs bevorzugten die deutsche Zivilbevölkerung und diese biedere sich den Sowjets an, während der Roten Armee ein arrogantes Auftreteten gegenüber den Polen attestiert wurde. Diese "deutsch-sowjetische 'Sympathie'" (140) beobachteten die polnischen Verwaltungsbehörden genau. Probleme in dieser Phase des 'deutsch-sowjetisch-polnischen Dreiecks', wie die Autorin formuliert, waren das illegale Schulwesen sowie die allgemeine Sicherheitslage im "Wilden Westen". Auch in der Organisation der Zwangsaussiedlung kam es zu Kompetenzstreitigkeiten.

Das sechste Kapitel bietet eine Analyse der sowjetischen Reparationspolitik in Niederschlesien, der Demontage von Industriebetrieben sowie der Beschäftigung von Deutschen bei dieser Arbeit. Um ihre materielle Situation aufzubessern, nahmen die meisten Deutschen solche Arbeiten an. Sie wurden zu Beginn hauptsächlich in Naturalien bezahlt; erst nach und nach entwickelte sich ein normales Lohnsystem. Im umfangreichen und informativen Anhang mit Bevölkerungsstatistiken findet sich hierzu eine interessante Tabelle, die über die Gehälter deutscher Beschäftigter in unterschiedlichen Funktionen Auskunft gibt. Sinnvoll ergänzt wird der Anhang durch ein Namens- und Ortsregister sowie eine dreiseitige Zusammenfassung in deutscher Sprache.

Mit der preisgekrönten Arbeit liegt eine fundierte Studie zu Niederschlesien vor, deren Ergebnisse hoffentlich in absehbarer Zeit auch in einer komprimierten Aufsatzfassung dem deutschen Publikum zugänglich gemacht werden.


Anmerkungen :

[ 1 ] "Unsere Heimat ist uns ein fremdes Land geworden..." Die Deutschen östlich von Oder und Neiße 1945-1950. Dokumente aus polnischen Archiven, hrsg. von Włodzimierz Borodziej / Hans Lemberg, Marburg 2000-2004. Vgl. unter den ereignisgeschichtlichen Studien auch Bernadetta Nitschke: Vertreibung und Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus Polen 1945 bis 1949. München 2003.

[ 2 ] Vgl. dazu Mathias Beer: Im Spannungsfeld von Politik und Zeitgeschichte. Das Großforschungsprojekt "Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa", in: VfZ 46 (1998), 345-389.

[ 3 ] Vgl. Maria Podlasek: Wypedzenie Niemców z terenów na wschód od Odry i Nysy Luzyckiej. Relacje swiadków. Warszawa 1995.

[ 4 ] Vgl. Maren Röger: Flucht, Vertreibung und Umsiedlung. Mediale Erinnerungen und Debatten in Deutschland und Polen seit 1989. Marburg 2011, insbesondere Kapitel IX.2, sowie Elizabeth Heinemann: Die Stunde der Frauen. Erinnerungen an Deutschlands "Krisenjahre" und westdeutsche nationale Identität, in: Klaus Naumann (Hg.): Nachkrieg in Deutschland. Hamburg 2001, 149-177.