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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (review)
      • Müller, Anne
      Language (review)
      Deutsch
      Language (monograph)
      English
      Editor (monograph)
      • Rudy, Kathryn Margaret
      Title
      Virtual Pilgrimages in the Convent. Imagining Jerusalem in the Late Middle Ages
      Subtitle
      Imagining Jerusalem in the Late Middle Ages
      Year of publication
      2011
      Place of publication
      Turnhout
      Publisher
      Brepols Publishers NV
      Series
      Disciplina Monastica
      Series (vol.)
      8
      Number of pages
      475
      ISBN
      978-2-503-54103-7
      Subject classification
      Gender Studies, Auxiliary sciences of history, History of religion, Art History, History of literature, Social and Cultural History, Historical Linguistics
      Time classification
      Middle Ages
      Regional classification
      Europe → Western Europe → Netherlands
      Subject headings
      Frauenorden
      Religiosität
      Ordensleben
      Mittelniederländisch
      Pilgerreisen <Motiv>
      Pilgerbücher
      Quelle
      Geschichte 1200-1500
      Christliche Literatur
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2012/07/20602.html
      recensio.net-ID
      ae9f256e77efc8e5b75d6206dc8ea53e
      DOI
      10.15463/rec.1189741852
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Kathryn Margaret Rudy (ed.): Virtual Pilgrimages in the Convent. Imagining Jerusalem in the Late Middle Ages (reviewed by Anne Müller)

sehepunkte 12 (2012), Nr. 7

Kathryn M. Rudy: Virtual Pilgrimages in the Convent

Dieses Buch setzt an einem logistischen Dilemma in religiösen Frauengemeinschaften an: Zwar konnten religiöse Frauen das himmlische Paradies in ihre eigenen Klosterräume symbolisch hereinholen, doch zu den realen irdischen Stätten des Heils hinausgehen - das konnten sie aufgrund des strikten Klausurgebots im Normalfall nicht. Damit war ihnen - theoretisch - auch eine besonders einträgliche Möglichkeit zur Herstellung von Christusnähe und Ablassgewinn zunächst einmal verbaut.

Rudys Buch zeigt uns den Einfallsreichtum religiöser Frauen in dieser Klemme. Weil sie sich keinen Heilsvorteil durch leibhaftige Pilgerreisen verschaffen konnten, haben sie sich kurzerhand auf Gedankenreisen zu den Stätten des Heils aufgemacht - und damit einen (fast) gleichwertigen Ersatz von hoher Erlebnisqualität und mit ähnlich großer Gewinnausbeute gefunden.

Studiert wird, wie religiöse Frauen, mit dem claustrum als Basisstation, ihre Wallfahrten in eine aus Text, Bildern und Symbolen erzeugte Welt vollzogen. Obwohl ihre Befunde auf empirischen Textanalysen beruhen, sieht Rudy ihr Buch als kunsthistorische Studie, die zum besseren Verständnis der Rolle von materiellen und immateriellen Bildern ("visual culture") in den vor-reformatorischen Niederlanden beitragen will. Rudy geht es nämlich nicht nur um textliche Rekonstruktionen von Gedankenreisen ins Heilige Land. Vielmehr spürt sie allerlei 'physisches Substrat' auf und rekonstruiert komplexe visuelle Kontexte, durch welche das ideelle Reisen dann letztlich doch wieder zu einem handfesten, körperlichen Erlebnis geworden ist.

Die Studie beruht auf der Analyse von 17 bislang weitgehend unbeachteten Texten, die in Frauengemeinschaften der spätmittelalterlichen Niederlande als eine Art Vademecum für gedankliche Pilgerreisen in Gebrauch gewesen sind. Eine repräsentative Auswahl dieser volkssprachlichen Texte ist in dem fast 200seitigen Buchanhang transkribiert und übersetzt, worin allein schon eine respektable Leistung der Autorin liegt.

Analysiert werden Texte, die bei den Klarissen, den Frauen der regulierten dritten Orden (Tertiarinnen), den Augustiner-Chorfrauen, den Birgittinnen und den im Krankendienst tätigen Augustinischen Zwartzusters (Schwarze Schwestern) benutzt worden sind. Damit stehen die stärksten Fraktionen im klausurierten bzw. semi-klausurierten weiblichen Religiosentum der damaligen Niederlande im Fokus. Auch wenn es sich nicht wirklich um eine komparatistische Studie handelt, werden Differenzen zwischen den einzelnen Observanzen herausgestellt. So lässt sich bei den weiblichen Franziskanerzweigen eine besonders pragmatische Verbindung von Pilgerschaft und Ablassgewinn erkennen, wohingegen sich bei den Schwarzen Schwestern eine besonderen Schwäche für sogenannte "besloten hofjes" (geschlossene Gärten) zeigt, eine aus Figürchen, Pilgerabzeichen, Steinen, Scherben und Seidenblümchen arrangierte Heilig-Land-Szenerie im Puppenstubenformat, in welche die Schwestern virtuell eingetaucht sind.

Rudy deckt drei Entwicklungsstufen virtueller Pilgerschaft auf, die den ersten drei Buchkapiteln entsprechen. Kapitel 1 zeigt, dass religiöse Frauen zunächst Pilgerbücher aus der Feder von Männern als Gebrauchsanweisung für ihre meditativen Reisen benutzten. Diese Berichte wurden nun allerdings auf die speziellen Bedürfnisse der 'stationär' reisenden Frauen umgestrickt. Sie wurden ins Mittelniederländische übertragen und akzentuieren visuelles, ja physisches Erleben.

Dabei sollten die Frauen nicht nur das Leben und Leiden Christi mit all ihren Sinnen wirklich erfahren - das ist der Kern all dieser Texte - sondern sie sollten, wenn sie sich an die Fersen des Erzählers hefteten, mit den Heiligen Stätten wirklich interagieren, weshalb ihnen nicht nur die Objekte am Weg, die Kirchen, Gebäude, Altäre, sondern auch die Strapazen der Reise anschaulich beschrieben wurden. Rote Malteserkreuze (✠) markieren im Text die Orte, an denen (genau wie im realen Pilgerleben) Ablass erhältlich war.

Interessanterweise hatten auch diese textlichen Anleitungen für spirituelles 'Geocashing' ihr materielles Zubehör: kleine Steine von den heiligen Pfaden, in die Texte eingenähte Pilgerabzeichen, oder Bildminiaturen im Text, darunter sogenannte "Maßreliquien", mit denen die frommen Leserinnen die Größe von Christi Seitenwunde und Nagelwunden, die Maße seines Grabes, seines Kreuzes, seiner Nägel (15.7 cm) 'erfühlen' konnten.

Rudy arbeitet heraus, dass die Heiligen Stätten in diesen Gebrauchstexten zunächst entlang authentischer Streckenführung beschrieben wurden, also in der Abfolge, in der sie der echte Pilger besuchte. Kapitel 2 behandelt das Aufbrechen dieser Struktur. Religiöse Frauen schritten die Stätten des Heils lieber chronologisch, entsprechend historischer Zeitläufe ab. Dazu arrangierten sie ihr Heiliges Land als neue, auf engem Raum gedrängte Erlebniswelt. Die Pilgertexte wurden um komplexe Landschaftsbilder ergänzt und die Nutzerinnen wie in einem modernen Stadtplan mit Buchstaben durch die Gegend gelotst. Rudy schlussfolgert, dass die Frauen das Heilige Land in diesen Situationen nicht nur mit ihren inneren Augen betrachteten, nicht nur über Schmerz, Leid und Blut meditierten, sondern körperlich am Geschehen partizipierten und interagierten. Im Extremfall war ihre Identifikation mit den Heiligen so stark, dass sie sie aus den Miniaturen buchstäblich weggeküsst haben, wie mit einer Anna-Selbdritt-Gruppe in einem Führer zum Heiligen Grab geschehen; die Schlächter im Kindermord von Bethlehem hingegen haben ausgekratzte Augen.

Damit die Frauen am Heilsgeschehen hautnah teilhaben konnten, haben sie, wie Kapitel 3 thematisiert, bestimmte Erlebnisfaktoren in den Konvent hineinprojiziert. Zu dem Arsenal solcher 'Verräumlichung' von Heilig Land-Szenerie (Rudy nennt das "devotional objects for somatic virtual pilgrimage") gehörte das Aufstellen von Wiegen, die Christi Geburtsplatz im Konvent markierten, Stellvertreteraltäre für die Heiligen Stätten, oder auch Repliken des Heiligen Grabs. In ihren eigenen vier Wänden picknickten die religösen Frauen symbolisch mit Jesus, Maria und Joseph auf ihrer Flucht nach Ägypten, wofür sie sogar die regulären Speisezeiten verschoben. Sie liefen barfuß die via crucis entlang, sie zirkulierten im Kreuzgang, sie liefen nach vorne gebeugt, so wie Jesus unter der Last des Kreuzes, sie saßen, knieten, beteten und fühlten. Zur Vorbereitung ihrer inneren Reise haben sie sich, wie Rudy zeigt, einen stimmigen äußeren Rahmen geschaffen.

Kapitel 4 diskutiert die niederländischen Befunde in einen breiteren europäischen Kontext. Erörtert wird auch der Erfolg dieser Texte in der Laienwelt und späteren Buchkultur, der wohl nicht nur aufgrund der Volkssprachlichkeit so durchschlagend war, sondern aufgrund der Eigenschaft dieser Texte, Distanz zu den heiligen Räumen wirklich zu überbrücken.

Kathryn Rudy hat eine bahnbrechende Studie über die essentielle Bedeutung von Pilgerreisen in Frauenkonventen vorgelegt. Komplexe Mechanismen des virtuellen Reisens werden erhellt, welches nicht nur eine abstrakte Geistesübung war, sondern auf vielschichtiger Rezeption von Bildern, performativen Handlungen und Rauminszenierung beruhte.

Was sich nun lohnen würde, wäre eine Anschlussstudie, die dem Idealbild der Texte die reale Materialität der Konvente und deren Symbolik gegenüberstellt. Ansatzpunkte dafür gibt es genug, man denke nur an die Arbeiten von June L. Mecham zur symbolischen Transformation des Raums in spätmittelalterlichen Frauenklöstern, von Jeffrey Hamburger zum Wechselspiel von Kunst und Devotion (die Rudy auch würdigt!) oder von Fiona Griffiths zum symbolischen Kapital des Gartens, der in Frauenkonventen auch Gethsemane, der historische Garten der großen Agonie Christi gewesen ist . Durch komplexe Zugriffe auf die materielle Struktur und Körpersymbolik werden Räume neu geordnet und Grenzen transzendiert. Man darf gespannt sein, wohin uns weitere integrative Forschung hier noch führt.