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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Kußmaul, Sibylle H.
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch
      Author (Monograph)
      • Berner, Margit
      • Hoffmann, Anette
      • Lange, Britta
      Title
      Sensible Sammlungen
      Subtitle
      Aus dem anthropologischen Depot
      Year of publication
      2011
      Place of publication
      Hamburg
      Publisher
      Philo & Philo Fine Arts
      Series
      Fundus
      Series (vol.)
      210
      Number of pages
      300
      ISBN
      978-3-86572-677-3
      Subject classification
      History of education, History of science, Jewish History, History of medicine, Social and Cultural History
      Time classification
      Modern age until 1900 → 19th century, 20th century, 21st century
      Regional classification
      Europe → Western Europe → Germany, Europe → Western Europe → Austria, Africa → Southern Africa
      Subject headings
      Anthropologie
      Sammlung
      Museen
      Menschliche Präparate
      Kolonialismus
      Antisemitismus
      Rassismus
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2012/12/20588.html
      recensio.net-ID
      4a5495ad03809102eec1c4a5d0bc6906
      DOI
      10.15463/rec.1189734317
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Margit Berner / Anette Hoffmann / Britta Lange: Sensible Sammlungen. Aus dem anthropologischen Depot (reviewed by Sibylle H. Kußmaul)

sehepunkte 12 (2012), Nr. 12

Margit Berner / Anette Hoffmann / Britta Lange: Sensible Sammlungen

Eine der finsteren Seiten des Kolonialismus bildeten die regelrechten Raubzüge, die Abenteurer, Eroberer und Trophäensammler an der Kultur indigener Völker verübten. Nicht selten wurden dabei die Angehörigen der eroberten und unterjochten Völkerstämme im doppelten Sinne zum Objekt: nicht nur der Fremdherrschaft unterworfen, sondern vielmehr auch nach Europa verschleppt und dort selbst zum Ausstellungsgegenstand degradiert in sogenannten "Neger"- oder Völkerschauen. Vom Ende des 19. bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts fanden allein in Deutschland mehrere hundert dieser Expositionen statt, die weniger einem nachvollziehbarem ethnographischen Wissensdrang als vielmehr der Sensationsgier, der Zurschaustellung des Anderen und dem Drang nach Exotik und Fremdheit - und nicht zuletzt einem pekuniären Interesse der Veranstalter - entsprangen. In reißerischen Spektakeln wurden die Menschen aus den Kolonialgebieten in Zoos, im Zirkus, im Varieté oder auf Jahrmärkten vorgeführt. Darüber hinaus fanden menschliche Präparate Eingang in anthropologische Sammlungen. Der vorliegende Band widmet sich der Entstehung dieser Sammlungen, die heute meist in den Depots der Museen ein Dasein fristen. Wie kamen diese Objekte dorthin? - Das ist die Leitfrage, die die Autorinnen bewegt, weniger die Frage, welche rechtlichen und kulturellen Probleme sich aus diesen Sammlungsgegenständen ergeben.

Ihr Vorhaben verfolgen die Autorinnen auf spannende und hervorragend recherchierte Weise. Die Publikation, ein kleines Sammelbändchen nur, führt zügig und präzise in das Thema ein und kann als Anregung verstanden werden, sich mit den andernorts dokumentierten Forschungen und Projekten der drei Autorinnen auseinander zu setzen.

Um "die [...] materialisierte Entwürdigung der Menschen durch ihr Herzeigen nicht zu wiederholen" (31), verwenden die Autorinnen Fotos, die die Herstellung der anthropologischen Objekte und ihren Umgang dokumentieren. Ihr Fokus "liegt auf jenen Dingen, die bei Expeditionen zu und Untersuchungen an 'fremden', oft kolonialisieren Menschen angefertigt wurden" (32), hier insbesondere Gipsabformungen und Tonaufnahmen.

Britta Lange führt in die Entstehungsgeschichte anthropologischer Sammlungen in Deutschland und Österreich ein. Dabei spannt sie den Bogen von frühen Konzeptionen, als Knochen, Haarproben, präparierte Körperteile, aber auch Messdaten, Fotos, Gipsabformungen und Film- und Tonaufnahmen gesammelt wurden, um ethnische Eigenarten zu dokumentieren und damit zu bewahren, bis hin zu den abstrusen Rassentheorien des 20. Jahrhunderts. Die Grundlage für deren Ausbreitung bildete im Verlauf des endenden 19. Jahrhunderts die Abkehr von der Vorstellung der Einheit der Menschheit. Die untersuchten Menschen wurden in zunehmend inhumaner Weise als bloße Objekte angesehen, untersucht und dokumentiert (21). Ergänzend zu Langes Einführung wirft Margit Berner ein Schlaglicht auf die ersten musealen Präsentationen der physischen Anthropologie.

Darauf folgen die analytischen Hauptkapitel. Anette Hoffmann geht detailliert auf die Hintergründe, Umstände und Verfahren der Arbeit von Hans Lichtenecker ein, der im heutigen Namibia Abformungen verschiedener Körperteile veranlasste, Messungen vornahm und Tonaufnahmen fertigte. Dabei spielte die militärische Entmachtung der kolonisierten Bevölkerung eine erhebliche Rolle. Insbesondere "bei der Verschickung von Schädeln und Köpfen aus den Kolonien verschwamm die Unterscheidung zwischen Präparat und Trophäe." (69) Die "gewaltsame anthropometrische Erfassung" interpretiert die Autorin als eine weitere "zivilgesellschaftliche Entmachtung und Kontrolle" (77).

Hoffmann beschreibt Erstickungsgefühle und Ängste, die bei der Herstellung von Gesichts-Abformungen mit noch sehr warmem Gips bei den Einheimischen erzeugt wurden. Diese wurden zu den Untersuchungen ohne jede Berücksichtigung ihrer kulturellen Überzeugungen gezwungen.

Britta Lange widmet sich Tonaufnahmen, die während des Ersten Weltkriegs in zwei Kriegsgefangenenlagern in Wünsdorf bei Berlin entstanden. Zusammen mit den Tondokumenten aus der Produktion Lichteneckers erweisen sie sich für heutige Untersuchungen als wahre Schätze. Sie speichern Facetten des Eigenen der sprechenden, erzählenden oder singenden Personen sowie Botschaften aus den Kolonien an die Kolonialisten. Die Zeitgenossen allerdings zeigten kein Interesse an den Aufnahmen aus Namibia.

Als orature bezeichnet Anette Hoffmann "ein Repertoire oder orales Archiv, das die Aufbewahrung und die Wiedergabe von historischen Ereignissen, Ansichten aber auch von kulturellen Konzepten und Moralvorstellungen ermöglicht." (130) Weiterhin enthalten die Tonaufnahmen Omitandu, "komplexe, kodifizierte, verdichtete Formen mündlicher Überlieferung", (174) für die Hoffmann eine Aufnahme eingehend untersucht, in der ein Mann namens Kanaje verbal vehementen Protest gegen die Gipsabformungen und die gesamte Behandlung durch die Kolonialherren erhebt.

Margit Berners Interesse gilt den auch zeithistorisch bedeutsamen anthropologischen Untersuchungen an jüdischen Häftlingen im Wiener Stadion 1939. Darüber hinaus spürte sie dem weiteren Schicksal dieser Menschen - soweit eruierbar - nach und nahm sogar Kontakt zu einzelnen Überlebenden auf. Auch weitere Untersuchungen der Anthropologischen Kommission unter Josef Wastl sowie dessen Tätigkeiten nach 1945 nimmt sie in den Blick. Des weiteren beschreibt sie beispielhaft die weit verstreute, aufwändige Suche nach erklärenden Quellen und Herstellungsbeschreibungen eines von Felix von Luschan angefertigten Ganzkörperabgusses und einer von Hans Lichtenecker hergestellten Gesichtsmaske, die beide bis heute zum Bestand des Wiener Naturhistorischen Museums gehören.

Während Britta Lange vor allem den Rahmen der Publikation absteckt, bieten Margit Berner und Anette Hoffmann unterschiedliche Perspektiven auf die Objekte. Margit Berner betreibt seit vielen Jahren Grundlagenforschung, eine Puzzlearbeit der dokumentarischen Zusammenführung weit verstreuter Quellen, um historische Vorgänge nachzuerzählen - und nähert sich so den abgebildeten Personen, wohingegen Anette Hoffmann dies durch eine Annäherung an die Kultur der dokumentierten Personen leistet. Beide erreichen dabei eine hohe Qualität durch die intensive Auseinandersetzung mit den kulturell einst wirksamen Elementen.

Alles Schnee von gestern? Im Gegenteil: Der Band macht deutlich, dass das Thema bis in unsere unmittelbare Gegenwart heranreicht, gab es doch bis 1996 einen "Rassensaal" im Wiener Naturhistorischen Museum. Eine sehr große Anzahl von Museen in der westlichen Welt muss sich mit dem prekären Erbe der Sammelleidenschaft vergangener Generationen auseinandersetzen, wobei ihnen die Sensibilität zu wünschen ist, die die drei Autorinnen des vorliegenden Bandes an den Tag legen.

Für menschliche Überreste lässt sich sicherlich feststellen, dass zum einen durch die Restitutionsforderungen verschiedener Länder, zum anderen durch das neu erwachte Bewusstsein der Museumsmitarbeiter bereits fundierte Diskussionen geführt wurden, die nicht zuletzt in der Ablehnung vieler Museen gegenüber den Ausstellungen Gunter von Hagens Ausdruck fanden. So wurde bereits 2003 in Dresden von einem interdisziplinären Arbeitskreis nach zweijähriger Arbeit eine "Empfehlung zum Umgang mit Präparaten aus menschlichem Gewebe in Sammlungen, Museen und öffentlichen Räumen" publiziert. Seit 2009 gibt es eine vorstandsinterne Arbeitsgruppe "menschliche Überreste" im Deutschen Museumsbund. Doch die Museen beherbergen noch weit mehr Objekte, die zum Bereich "sensible Sammlungen" gehören und die noch auf ihre umfassende Analyse warten.

Eine flächendeckend angeordnete Restitution verstünde Britta Lange in ihrem Resümee als Form einer nicht wünschenswerten Entsorgung. (214) Vielmehr plädiert sie dafür, weiterhin die "prekären Umstände" (205) der Objektherstellung und -sammlung zu untersuchen. Die Autorinnen tun dies in Wertschätzung der kulturellen Hintergründe der Menschen, die in vielfältiger Weise abgebildet wurden. Dies impliziert die Kenntnis von Sprachen und ein Eingehen auf fremde Kulturen, die Kontaktaufnahme zu möglicherweise interessierten Gruppen in den Herkunftsregionen der "Objekte" sowie die Überprüfung der Standpunkte der besitzenden Institutionen und die Öffnung der Depots der betreffenden Museen. Denn "das Depot bleibt eine Zwischenstation, ein Schwebezustand, aus dem heraus aktuelle Auseinandersetzungen entstehen können und sollten." (215)

Die Publikation ist ein gelungener Band, der relativ klein und bescheiden daher kommt, aber hochwertig erarbeitet und stimmig zusammengestellt ist. Einen Index wird bei der Überschaubarkeit der Beiträge niemand erwarten, doch ein Literaturverzeichnis hätte den guten Eindruck abgerundet.