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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Wenzel, Otto
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch
      Author (Monograph)
      • Wemheuer, Felix
      Title
      Der Große Hunger
      Subtitle
      Hungersnöte unter Stalin und Mao
      Year of publication
      2012
      Place of publication
      Berlin
      Publisher
      Rotbuch
      Number of pages
      256
      ISBN
      978-3-86789-169-1
      Subject classification
      Social and Cultural History
      Time classification
      20th century → 1920 - 1929, 20th century → 1930 - 1939, 20th century → 1900 - 1919, 20th century → 1960 - 1969, 20th century → 1940 - 1949, 20th century → 1950 - 1959
      Regional classification
      Europe → Eastern Europe → Caucasus → Azerbaijan, Europe → Eastern Europe → Caucasus → Georgia, Asia → China and neighbouring territories, Europe → Eastern Europe → Moldavia, Europe → Northern Europe → Baltic states → Estonia, Europe → Northern Europe → Baltic states → Latvia, Europe → Northern Europe → Baltic states → Lithuania, Europe → Eastern Europe → Russia, Europe → Eastern Europe → Caucasus → Armenia, Europe → Eastern Europe → Ukraine, Europe → Eastern Europe → Belarus
      Subject headings
      Hungersnot
      Sowjetunion
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2013/03/22395.html
      recensio.net-ID
      b05c4951331e44bf9f415523dfff75f1
      DOI
      10.15463/rec.1189720864
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Felix Wemheuer: Der Große Hunger. Hungersnöte unter Stalin und Mao (reviewed by Otto Wenzel)

sehepunkte 13 (2013), Nr. 3

Felix Wemheuer: Der Große Hunger

Felix Wemheuer ist Sinologe an der Universität Wien und hat unter anderem 2010 eine Biographie über Mao Zedong veröffentlicht. In zwei Teilen untersucht er im vorliegenden Werk die Hungersnöte in Sowjetrussland und der Sowjetunion sowie die große Hungersnot in Maos China. In einem Einleitungskapitel stellt er die Frage, warum es in kommunistischen Staaten so viele Hungersnöte gab (im 20. Jahrhundert starben 80 % aller Hungertoten in China und in der Sowjetunion). Im Schlusskapitel zieht er ein Fazit aus diesen Hungersnöten und untersucht ihren Platz in der Geschichte.

Die Hungersnot unter Wladimir Iljitsch Lenin 1921/22 mit fünf Millionen Toten, eine Folge des Bürgerkriegs und einer Dürre, unterschied sich in mehrfacher Hinsicht von den Hungersnöten unter Jossif Stalin und Mao. 1921/22 wurden ausländische Hilfen akzeptiert, deren Organisatoren in Sowjetrussland arbeiten durften. Sie brachten Lebensmittel, Kleidung und Medikamente in das Land. Die Initiatoren dieser Hilfen waren der spätere amerikanische Präsident Herbert Hoover, dessen Verwaltung des Amerikanischen Hilfswerks (American Relief Administration, ARA) 63 Millionen US-Dollar aufbrachte, die karitativen Verbände des norwegischen Polarforschers Fridtjof Nansen mit zehn Millionen und die Internationale Arbeiterhilfe (IAH) des deutschen Kommunisten Willi Münzenberg mit fünf Millionen Dollar. Stalin - während der Hungersnot 1931-1933 mit sechs bis acht Millionen Toten - und Mao (während der Hungersnot 1958-1960 mit 32.458.000 Toten) haben dagegen "ausländische Hilfe mit dem Verweis abgelehnt, dass es überhaupt keine Hungersnot gäbe" (60). Beide Hungersnöte waren die Folge eines "Großen Sprungs", mit dem diese Diktatoren ihre Länder gewaltsam in fortgeschrittene Industriestaaten umformen wollten.

Die 1931 in der Sowjetunion ausgebrochene Hungersnot führt Wemheuer auf das Industrialisierungsprogramm (Fünfjahrplan) zurück, das viele Arbeitskräfte aus ländlichen Regionen abzog. In der extrem vernachlässigten Landwirtschaft verursachte die Kollektivierung in vielen Gegenden ein Verwaltungschaos. Mit der Deportation von zwei Millionen Kulaken verschwand in den Dorfgemeinden die Oberschicht, der Staat verfügte aber nur über wenige ausgebildete Kader und Agrarexperten. Die Getreideproduktion und der Viehbestand gingen massiv zurück. Das Massensterben fand hauptsächlich auf den Dörfern statt, denn die Regierung sorgte sich vorrangig um die Ernährung der Städte. Ein Abschnitt dieses Teils des Buches beschäftigt sich mit dem Massensterben in der kasachischen Steppe, wo ein Drittel der Bevölkerung verhungerte.

Mit dem "Großen Sprung nach vorn" wollte Mao 1958 Großbritannien in 15 Jahren überholen. Die von ihm ausgelöste Mobilisierung von Millionen Bauern für Arbeitseinsätze (Deichbauten, Stahlkampagne) steigerte seinen Enthusiasmus, bald sollte Englands Stahlproduktion in zwei bis drei Jahren eingeholt werden, die der USA in acht bis zehn Jahren. Volkskommunen sollten Industrie, Landwirtschaft, Handel und Militär in einer Institution zusammenfassen. Die Versorgung der Bauern fand in den Volksküchen statt, wo sie der Willkür der Kader ausgeliefert waren, die als Bestrafung die Essensrationen kürzen konnten. Nachdem Verteidigungsminister Peng Dehuai auf der Konferenz von Lushan im Juli 1959 vorsichtige Kritik am Großen Sprung und an der Stahlkampagne geübt hatte, startete Mao eine Attacke auf den "Rechtsopportunismus", die auch Millionen Parteimitglieder treffen sollte. Das hatte zur Folge, dass sich Kader und Bauern kaum noch trauten, über den Hunger zu berichten.

Nach Wemheuers Meinung liegt die Hauptverantwortung in Maos Weigerung, eine Kurskorrektur einzuleiten, die Millionen Bauern das Leben gerettet hätte. In der Folgezeit opferten die Kommunisten die ländliche Bevölkerung, um die Versorgung der Städte, in denen die wichtigsten Industriegebiete lagen, weiter gewährleisten zu können. Trotz der Hungersnot exportierte China Getreide in die Bruderstaaten, mit denen es den Import von Industrie- und Rüstungsgütern bezahlte. Wemheuer hat errechnet, mit den Exporten der Jahre 1959 und 1960 hätten 25,9 Millionen Menschen gerettet werden können. Der Anteil der Hungertoten war in den Provinzen sehr unterschiedlich. Am höchsten, mit 18,3 % der Bevölkerung, war er in der Provinz Anhui, am niedrigsten mit einem Prozent in der Nachbarprovinz Jiangxi. Ursache war der unterschiedliche Ehrgeiz der Parteisekretäre der Provinzen. Besonders radikale Sekretäre wollten sich bei der Zentralregierung beliebt machen, indem sie eine maßlos überhöhte Ernte meldeten, was wiederum zu einer maßlos überhöhten Ablieferungsquote führte, die die Provinz nicht erfüllen konnte. Andere wollten nicht auffallen und schonten damit das Leben der Bauern.

Wemheuer bezeichnet als einen der Gründe, warum die Partei Ende 1960 einen Politikwechsel einleitete, das Scheitern der Getreidebeschaffung in den Dörfern. Der Staatsapparat konnte nicht mehr genügend Getreide für die Ernährung der Städte erhalten. China kaufte jetzt Getreide auf dem Weltmarkt, vornehmlich in Australien und Kanada. Es waren fünf Millionen Tonnen pro Jahr, was den Getreidebedarf von Beijing, Shanghai, Tianjin und Liaoning deckte. Die Beschaffungsquoten auf dem Land konnten gesenkt werden. Außerdem sank die Stadtbevölkerung 1962/63 um 20 Millionen Menschen. Die Volksküchen wurden aufgelöst, die Bauern konnten wieder private Parzellen zur persönlichen Nutzung erwerben. Die Stahlkampagne fand ihr Ende, die selbstgebauten Hochöfen wurden abgerissen. Durch die nicht näher beschriebene Wirtschaftsreform der 1980er Jahre konnte die Getreideproduktion enorm gesteigert werden.

Im Kapitel "Hungersnöte im Sozialismus und ihr Platz in der Geschichte" schreibt Wemheuer, dass die Eskalation des Konflikts zwischen Staat und Bauern um das Getreide sicher ein Grund für das Scheitern des Sozialismus im 20. Jahrhundert war. Er verweist aber auch darauf, dass unter Königin Victoria im Britischen Empire (1837-1901) mehr Menschen an Hunger starben als in Stalins Sowjetunion. Man kann darüber uneinig sein, ob diese Exkurse dem Thema des Buches angemessen sind. Der Rezensent hätte die Erwähnung vorgezogen, dass ein demokratischer Staat die eigentliche Alternative zum bolschewistischen Russland und zum maoistischen China gewesen wäre. Den letzten Absatz beendet Wemheuer mit den Worten: "Das staatssozialistische System verfügte durchaus über die Mittel, die Hungersnöte zu verhindern, das haben spätere Dekaden gezeigt. Dass aber zuerst Millionen Bauern sterben mussten, bevor die kommunistischen Parteien wichtige Lehren zogen, das ist die eigentliche Tragödie" (231).

Man kann folgendes Fazit ziehen: Die Hungersnot in China wird viel plastischer als die in der Sowjetunion dargestellt, da Wemheuer nicht Russisch kann, er also auf die englischsprachige und deutsche Literatur sowie die Werke von Lenin und Stalin angewiesen ist. In China konnte er in den Dörfern alte Bauern befragen, die den Hunger noch selbst erlebt hatten. Das sehr gute Personen- und Sachregister erleichtert die Arbeit mit diesem lesenswerten Buch.

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