You are here: Home / Reviews / Journals / sehepunkte / 13 (2013) / 06 / Ein Leib in Christo werden
Social Media Buttons fb twitter twitter twitter
  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Lutterbach, Hubertus
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch
      Author (Monograph)
      • Reinholdt, Katharina
      Title
      Ein Leib in Christo werden
      Subtitle
      Ehe und Sexualität im Täufertum der Frühen Neuzeit
      Year of publication
      2012
      Place of publication
      Göttingen
      Publisher
      Vandenhoeck & Ruprecht
      Series
      Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz. Abt. für Abendländische Religionsgeschichte
      Series (vol.)
      227
      Number of pages
      325
      ISBN
      978-3-525-10107-0
      Subject classification
      Gender Studies
      Time classification
      Modern age until 1900 → 18th century, Modern age until 1900 → 17th century, Modern age until 1900 → 16th century
      Regional classification
      Europe
      Subject headings
      Ehe
      Sexualverhalten
      Geschlechterbeziehung
      Täufer
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2013/06/20306.html
      recensio-Date
      Jul 02, 2013
      recensio-ID
      f6bbc9261a2e4a759315df83b8ae69f0
      DOI
      10.15463/rec.1189720221
  • Citation rules

  • Terms of licence

    • This article may be downloaded and/or used within the private copying exemption. Any further use without permission of the rights owner shall be subject to legal licences (§§ 44a-63a UrhG / German Copyright Act).

Katharina Reinholdt: Ein Leib in Christo werden. Ehe und Sexualität im Täufertum der Frühen Neuzeit (reviewed by Hubertus Lutterbach)

sehepunkte 13 (2013), Nr. 6

Katharina Reinholdt: Ein Leib in Christo werden

Die vorliegende Monographie entstand unter der Betreuung von Wolfgang Behringer und wurde an der Philosophischen Fakultät der Universität Saarbrücken 2010 als Dissertation angenommen. Als Ziel der Untersuchung formuliert Reinholdt, dass sie eine "Gesamtdarstellung zur Ehe bei den Täufern" beabsichtigt, indem sie "das komplexe Verhältnis von spiritueller Ehe-Metaphorik, Glaubensvorstellungen und Ehepraxis bei den Täufern vergleichend analysiert." (15)

Reinholdt gliedert ihre Darstellung in fünf Hauptkapitel, die von einer Einleitung und einem Schluss gerahmt werden: In Kap. 1 geht es um die Beziehung von "Geschlechterverhältnis und Gottesbeziehung", näherhin um die nuptiale Theologie sowie um den Zusammenhang zwischen dem täuferischen Selbstverständnis und den Ehevorstellungen. Unter der Überschrift von Kap. 2 "Spirituelle Ehevorstellungen und sexuelle Devianz" berücksichtigt Reinholdt "Unzucht, Ehebruch und Polygamie unter den Täufern" ebenso wie entsprechende Legitimierungsstrategien zur Rechtfertigung von sexueller Devianz (Innenperspektive) wie das entsprechende Urteil der Zeitgenossen (Außenperspektive). Kap. 3 befasst sich mit "Brautwerbung und Eheschließungen". Es berücksichtigt die Eheanbahnung und die Brautwerbung, überdies die Verlobung und die Trauung sowie schließlich den Kirchgang anlässlich der Eheschließung. Kap. 4 analysiert die "Geschlechterbeziehungen zwischen Norm und Praxis". Schwerpunktartig geht Reinholdt hier auf die Mischehen und die Ehemeidung ein. Von "Ehetrennungen und Scheidung" handelt Kap. 5. Thematisiert wird sowohl die täuferische Trennungspraxis als auch die Frage, wie sich die Obrigkeit gegenüber den Betroffenen verhielt.

Methodisch ist die Untersuchung kulturgeschichtlich angelegt. Im Bedarfsfall bezieht Reinholdt Interpretamente benachbarter Disziplinen ein (Ethnologie, Anthropologie etc.).

Der Untersuchungszeitraum umfasst zwar schwerpunktmäßig die erste Hälfte der Frühen Neuzeit, greift allerdings für Einzelaspekte über die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts hinaus. Geographisch erstreckt sich die Untersuchung auf das Verbreitungsgebiet der untersuchten Täufergruppen: von den Niederlanden im Norden bis zu den Schweizer Alpen und den österreichischen Erblanden im Süden, vom Rheinland im Westen bis nach Mähren im Osten des Alten Reiches. Das Quellenmaterial besteht in der Hauptsache erstens aus Täuferakten (Prozessakten, Mandate, Berichte, Visitationsprotokolle etc.), zweitens aus täuferischen Schriften, Bekenntnissen, Chroniken, Briefen und Märtyrerspiegeln sowie drittens aus evangelischen und katholischen Polemiken (Schmähschriften etc.).

Die quellennah durchgeführte Untersuchung macht im Sinne eines (mit zahlreichen Nuancierungen versehenen) Gesamtbildes die biblisch fundierte und für jeden täuferischen Menschen maßgebliche 'Leitidee' der spirituellen Ehe mit Christus offenkundig. Diesem rundweg entscheidenden Orientierungspunkt täuferischen Religions- und Soziallebens mussten sich auch die Eheleute unterstellen, sollten doch alle Beziehungskonstellationen innerhalb der täuferischen Gruppen die spirituelle Ehe mit Christus widerspiegeln. Mit Blick auf die soziale Prägekraft dieses neutestamentlichen Bildes für die täuferische Ehegestaltung arbeitet Reinholdt Brüche und Kontinuitäten hinsichtlich der Eheschließung bzw. -praxis der zeitgenössischen "Mehrheitsgesellschaft" heraus. Im Sinne eines Bruchs mit anderen christlichen Denominationen verstanden die Täufer die Ehe als eine exklusive Lebensgemeinschaft, in der der täuferische Glaube den ersten Platz beansprucht. Schon die Teilhabe an der Feier der Eheschließung blieb auf die eigene Gruppe begrenzt. Indem man der Obrigkeit keine Meldung vom Ereignis machte, verweigerte man damit auch ihr die Anerkennung. Alle Täuferströmungen legten Wert darauf, dass die Gläubigen allein innerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft heirateten. Anhand verschiedener Maßnahmen zeigt Reinholdt auf, dass sich jede Ehe im Zweifelsfall der Reinheit der Glaubensgemeinschaft unterzuordnen hatte. Auch die Ausdrucksformen sexueller Devianz unter den Täufern waren - so Reinholdt - unbedingt auf den rituellen Kontext beschränkt und galten als Ausdruck der spirituellen Brautschaft der gesamten Glaubensgemeinschaft mit Christus. Es verdient theologisch höchste Beachtung, wenn Reinholdt die "ritualisierte Sexualität" unter thüringischen Täufern als Grundlegung für eine geistliche Verwandtschaftsbeziehung herausarbeitet. - Selbst wenn der 'Primat' der spirituellen Brautschaft nicht zu einem totalen Bruch mit der "Mehrheitsgesellschaft" führte und Reinholdt für die Täufer sogar von einer "wachsenden Schnittmenge" in der Eheauffassung mit den etablierten Kirchen spricht (z.B. Gültigkeit von Eheschließung, Scheidung von Ehen etc.), so lässt sich zusammenfassen: Die Leitidee der spirituellen Ehe mit Christus, um die sich die Täufer scharten, führte dazu, dass ihre Ansichten über Ehe und Sexualität erstrangig als Gegenentwurf zum reformatorischen Eheverständnis zu interpretieren sind.

Tatsächlich löst die Dissertation das in der Einleitung formulierte Untersuchungsziel überzeugend ein: methodisch reflektiert, luzide strukturiert, quellenreich basiert und perspektivreich durchgeführt. Natürlich hätte man noch weitere religionsgeschichtliche Parameter einbeziehen und damit das erzielte Ergebnis weiter konturieren können [z. B. die Differenzierung zwischen kultischer und ethischer Reinheit (52, 119,155), die Spannung zwischen Ich-Entscheidung und Familieneinfluss bei dem Entschluss zur Ehe (160-183, S. 191f.) etc.]. Überdies fragt sich, ob die Differenzierung zwischen den Eheauffassungen und -praktiken der Täufer einerseits sowie der Protestanten und Katholiken andererseits ausreichend ist, wenn Reinholdt die Täufer oftmals allgemein von der "Mehrheitsgesellschaft" abgrenzt. Doch ändern diese kleinen Desiderate nichts daran, dass die vorgelegte Studie vor allem für Historiker und Theologen wichtige neue Erkenntnisse bereithält. Ohne Übertreibung ist zu bilanzieren, dass sich die multiperspektivisch untersuchte täuferische Ehe als wichtiger Schlüssel zum tieferen Verständnis der täuferischen Lebensgestaltung eignet.