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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Schlachta, Astrid von
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch
      Author (Monograph)
      • Krawarik, Hans
      Title
      Exul Austriacus
      Subtitle
      Konfessionelle Migrationen aus Österreich in der Frühen Neuzeit
      Year of publication
      2010
      Place of publication
      Münster / Hamburg / Berlin / London
      Publisher
      LIT
      Series
      Austria: Forschung und Wissenschaft. Geschichte
      Series (vol.)
      4
      Number of pages
      323
      ISBN
      978-3-643-50210-0
      Subject classification
      History of religion
      Time classification
      Modern age until 1900
      Regional classification
      Europe → Western Europe → Austria
      Subject headings
      Protestant
      Auswanderung
      Vertreibung
      Exulant
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2013/06/22473.html
      recensio.net-ID
      bdeece35f80040df974841a1069d4f75
      DOI
      10.15463/rec.1189725994
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Hans Krawarik: Exul Austriacus. Konfessionelle Migrationen aus Österreich in der Frühen Neuzeit (reviewed by Astrid von Schlachta)

sehepunkte 13 (2013), Nr. 6

Reformation und Zeitalter der Konfessionen in Ost-/Südostmitteleuropa: Habsburgische Länder

Konfessionelle Minderheiten der Habsburgischen Länder haben in den letzten Jahren zunehmend das Interesse der Forschung gefunden. Sukzessive erscheinen detaillierte Studien zu den regionalen Schwerpunkten der Geheimprotestanten, zu den Auswanderungsbewegungen und -gebieten sowie zur Bedeutung des Geheimprotestantismus in politischen Institutionen wie etwa auf dem Reichstag. Und auch die zahlenmäßig und von ihrer gesellschaftlichen Brisanz nicht zu unterschätzende Gruppe der Täufer bietet noch genug Potenzial für neue Studien und Editionen.

Die Teilgruppe der Hutterischen Täufer, die im Gegensatz zu den anderen heute noch existenten Gemeinden der Mennoniten und der Amish ihren Ursprung ausschließlich in den Erblanden sowie in den Böhmischen Ländern hatte, steht im Mittelpunkt der Edition, die Martin Rothkegel und Matthias H. Rauert vorgelegt haben. Das von der Forschung lange erwartete und nun endlich zu einem glücklichen Ende gebrachte Projekt stellt der Öffentlichkeit die historischen Buchbestände der Hutterer in einer großen Ausführlichkeit und in einer enormen Breite zur Verfügung und gibt hoffentlich zu weiteren Forschungen Anregung. Das Projekt stand unter der Federführung von Gottfried Seebaß, der die Fertigstellung leider nicht mehr erleben konnte.

Das Ziel des Bandes ist es, alle in europäischen Sammlungen bekannten Handschriften und Drucke, die sich im Besitz der Hutterer befunden haben, aufzunehmen, auch nicht-hutterische Abschriften hutterischer Texte. Es handelt sich um eine große Vielfalt an Texten, die die Bearbeiter akribisch bibliographisch beschreiben, in Regesten zusammenfassen und teilweise auszugsweise zitieren. Die Schriften reichen von historiographischen Werken über Briefe, Lieder, Gemeindeordnungen, Predigten und Bibelauslegungen bis hin zu medizinischen Büchern und allgemeinen Darstellungen des hutterischen Glaubens und Katechismen, die entweder an die Obrigkeiten gerichtet waren oder im Unterricht auf den hutterischen Höfen verwendet wurden. Insgesamt 462 Katalognummern sind verzeichnet. Vorlage war eine erste Aufnahme der Schriften durch Robert Friedmann im Jahr 1965 ("Schriften der Huterischen Täufergemeinschaften", Wien, 1965).

Der Katalog beschränkt sich auf Bücher und Handschriften, die in europäischen Bibliotheken zu finden sind; Schriften, die sich heute noch in hutterischem Besitz befinden, sind somit nicht verzeichnet. Dies erklärt auch, warum die Überlieferung, wie sie der Katalog zusammenstellt, in den 1760er Jahren endet. Diese Jahre markieren das Ende der Hutterer in Westungarn, da die dortigen verbliebenen Gläubigen in diesem Jahrzehnt zwangskatholisiert wurden. Der jüngste hutterische Einband stammt dagegen bereits von 1681. Ungefähr zur gleichen Zeit dürfte, so die Bearbeiter in ihrer Einleitung, auch die hutterische Praxis aufgehört haben, in der Gemeinde eigene Schreiber und Schreibstuben zu fördern. Schriften jener Hutterer, die in Siebenbürgen überlebten und dann über die Ukraine nach Nordamerika auswanderten, werden im Katalog nicht verzeichnet. Die Bearbeiter erklären diese Einschränkung einerseits mit der Tatsache, dass unter den siebenbürgischen Hutterern mit Ausnahme der Werke des Ältesten Johannes Waldner kaum eine Erneuerung der literarischen Produktion stattgefunden habe und das hutterische Schriftgut ab dem späten 18. Jahrhundert zudem stark durch pietistische und mennonitische Erbauungsschriften beeinflusst worden sei.

Die Bearbeiter setzen sich in einer kurzen Einleitung mit den Rahmenbedingungen und Entwicklungen der Buchproduktion innerhalb der hutterischen Täufergemeinschaft auseinander. Die ältesten Handschriften, die datierbar sind, stammen aus dem Jahr 1565. In diesem Jahr begannen die Hutterer wohl, den vorhandenen Bestand an Büchern und Texten in einheitliche Ledereinbände zu binden. Diese Einheitlichkeit sorgt für eine recht große Kohärenz im äußerlichen Erscheinungsbild des hutterischen Buchbestandes.

Äußerst interessant sind Ergebnisse, die die Bearbeiter über die Besitzer der Schriften, besonders über ihren Weg in die Bibliotheken und Archive präsentieren können. Noch im 16. Jahrhundert gelangten, bis auf die "Rechenschaft" von Peter Riedemann (1545 und 1565 gedruckt), nur wenige hutterische Schriften nach außen. Ebenfalls nur wenige Bände erhielten sich nach der Liquidierung des Besitzes, den die Hutterer 1622 nach ihrer Vertreibung aus Mähren zurückließen. Über die Buchvermerke können einige Wege der späteren Schriften nachvollzogen werden. So waren es im 17. und 18. Jahrhundert vor allem Gelehrte, in deren Besitz sich hutterische Bücher befanden, seien es die Theologen Johann Heinrich Ott oder Valentin Ernst Löscher oder protestantische Gelehrte in Ungarn. Der Großteil der hutterischen Werke gelangte dann im Zuge der zwangsweisen Katholisierung der Hutterer in Westungarn in die kirchlichen Bibliotheken des Landes, wobei auch in diesem Fall die meisten Bücher vernichtet worden sein dürften. Allerdings umfassen 137 Nummern des Katalogs Schriften und Schriftfragmente, die 1961 eingemauert in einem ehemaligen hutterischen Haus im westungarischen Sobotiste gefunden wurden. Somit ist nun auch der Fund von Sobotiste nun ausführlich beschrieben.

Der Katalog verzeichnet Bestände aus größeren und kleineren europäischen Bibliotheken und Archiven, von Kopenhagen bis Zürich und von Glasgow bis Sibiu (Hermannstadt). Besonders umfangreich sind die Bestände in Bratislava, Budapest und Esztergom, doch auch Herrnhut, Prag, Wien und Alba Iulia (Karlsburg) verfügen über einige hutterische Schriften. Tabellen mit Felderaufteilungen der Bucheinbände, mit Beispielen von Blinddruckwerkzeugen sowie Beispielen für Platten und Einzelstempel ergänzen das ausführliche Werk ebenso wie ein Register mit den Titeln, mit Orten und Namen, mit Bibelstellen und ein Verzeichnis der verwendeten Literatur.

Wendet man sich nun den Neuerscheinungen zum Geheimprotestantismus zu, so erschließt sich die auf die Habsburgischen Länder konzentrierte Bewegung mittlerweile in einer Tiefe und Breite, die durch vielfältige regional ausgerichtete Forschungen gestützt wird. Dennoch stellt der Geheimprotestantismus, der sich im Gegensatz zu den Täufern nicht vollständig bekämpfen beziehungsweise vertreiben ließ, immer noch ein Phänomen dar, das sich hinsichtlich seiner Entstehung, seiner dauerhaften Präsenz wie seiner Entdeckung und Verfolgung manchmal nur schwer fassen und erklären lässt.

Christine Tropper widmet sich in ihrer kritischen Edition, die durch eine umfassende Interpretation ergänzt wird, einem spannenden und durch Vertreibungen geprägten Kapitel der geheimprotestantischen Geschichte Kärntens. Hans Krawarik gibt dagegen eine Zusammenschau der Geschichte des österreichischen Protestantismus, die zwar im 16. Jahrhundert beginnt, ihren Schwerpunkt jedoch bei den Vertreibungen seit dem 17. Jahrhundert findet.

Beide Bände führen hinein in die wesentlichen Fragen nach dem Wie und Weshalb des Phänomens Geheimprotestantismus. Als eine wesentliche Linie scheint sich die Laxheit im Umgang mit den konfessionell devianten Untertanen herauszukristallisieren. So haben wohl nur oberflächliche und rein äußerlich vollzogene Konversionen, die von den Jesuiten in einigen Gegenden akzeptiert wurden, das Fortbestehen des protestantischen Glaubens trotz zunehmenden katholischen Drucks begünstigt. Auch Grundherren meldeten Protestanten nicht immer an die übergeordneten Stellen und missachteten landesfürstliche Patente, wie Hans Krawarik unter anderem für das Waldviertel zeigt. Der gezielte Blick auf einzelne Herrschaften bringt zudem ein in der Bevölkerung verbreitetes Bewusstsein an die Oberfläche, dass Protestanten trotz Verbots "mittendrin" lebten - ein Bewusstsein, das die Problematik des Begriffs "Geheimprotestantismus" deutlich macht. Wenn den Zeitgenossen immer klar war, dass Protestanten unter ihnen lebten, sollte man weniger von "Geheimprotestanten" als vielmehr von "illegalen Protestanten" sprechen, wie Christine Tropper anmerkt. (Tropper, 15) Dennoch bleibt sie in ihrer Darstellung beim eingeführten Begriff.

Ein äußerst spannender Aspekt eröffnet sich mit der Frage, warum Geheimprotestanten lange ungestört leben konnten, ihr Glauben jedoch zu einem bestimmten Zeitpunkt auf einmal in die Öffentlichkeit geriet und als Gefahr wahrgenommen wurde. Für das frühe 18. Jahrhundert in Kärnten waren hierfür ein "gewisses Solidaritätsgefühl" mit den ausgewiesenen Salzburgern und ein "gestärktes Selbstbewusstsein der Protestanten" verantwortlich, die auf stärkere Kontrollmaßnahmen und eine "gesteigerte Nervosität" katholischerseits trafen. (Tropper, 83) Dennoch zeigen die Quellen der frühen 1830er Jahre auch immer wieder eine bewusste oder unbewusste Nachlässigkeit der weltlichen Obrigkeiten, die Protestanten nicht vorluden und antiklerikale Aktionen nur zögerlich verfolgten. Ganz im Gegenteil, in den Herrschaften Paternion und Afritz konnten sich die Protestanten in den Jahren 1733 und 1734 zunächst recht ungehindert organisieren - Versammlungen abhalten, sich einschreiben und offen die Freiheit des evangelischen Bekenntnisses fordern. Erst im Sommer 1734 kam es zu Verhaftungen und im September des gleichen Jahres ging ein erster Transport nach Siebenbürgen ab, was eine erhöhte Zahl an Konversionen zum Katholizismus nach sich zog.

Den Hauptteil des Buches von Christine Tropper bildet, neben einem sehr ausführlichen einleitenden Teil über die Entwicklung, die Rahmenbedingungen, die Bekämpfung des Geheimprotestantismus sowie den konkreten Raum, den die Quellenedition abdeckt, die Edition der Quellen. Sie umfasst gut 310 Seiten des Bandes. Erklärtes Ziel ist es nach Angaben der Autorin, die Quellenbasis zum Geheimprotestantismus zu verbreitern. Sie erreicht dies und erzielt gleichzeitig eine für die Forschung sehr zu begrüßende Vollständigkeit, indem weitgehend alle Akten der in der Diözese Gurk gelegenen Pfarrei St. Lorenzen in der Reichenau sowie jene der Herrschaft Afritz, die kirchlich zur Erzdiözese Salzburg, politisch jedoch zur Herrschaft Porcia gehörte, für die Jahre 1731 bis 1738 ediert werden. Generell umfassen die edierten Quellen Bestände der geistlichen Zentralbehörden (Ordinariate), der Pfarreien und Herrschaften, also lokale Behörden, die "Litterae annuae" der Österreichischen Provinz der Gesellschaft Jesu sowie die Chronik der Klagenfurter Jesuiten. Allerdings, das wird anhand der Nennung der Bestände deutlich, handelt es sich ausschließlich um obrigkeitliche Quellen.

Die edierten Quellen geben einen breiten Einblick in das geheimprotestantische Leben in den genannten Herrschaften. Die umfangreichste Quelle ist das Protokoll, das die Visitation der geheimprotestantischen Gebiete vom Dezember 1733 und Januar 1734 durch den Kärntner Landeshauptmann und den Erzpriester von Tainach dokumentiert. Die Befragung der Eingeschriebenen, beispielsweise in St. Margarethen in der Reichenau oder in Afritz, überliefert das Selbstverständnis der sich zur Lutherischen Konfession Bekennenden sowie Einblicke in die gelesenen Bücher, in die Glaubenspraktiken und in die Beziehungen zu anderen Lutheranern. Auch die Tatsache, dass der Protestantismus teilweise bereits über mehrere Generationen gepflegt wurde, wird deutlich. Als programmatisches Dokument ist die kaiserliche Resolution vom 12. August 1733 abgedruckt, in ihrer ausführlichen Version, als Instruktion für den Kärntner Religionskommissar Adam Seifried von Grottenegg. Auch der Kaiser erklärt das "religionsunwesen" in Kärnten zum "überbleibßl" der "Reformation" von 1603/04, das von Generation zu Generation weitergegeben worden sei. (203) Weitere Quellen in der Edition sind die Konsistorialprotokolle der Diözese Gurk sowie Berichte des Bischofs und der verschiedenen Pfarrer. Jede edierte Quelle leitet ein Faksimile der ersten Seite ein; Karten und Bilder ergänzen den Band.

Der Schwerpunkt von Hans Krawariks Werk liegt auf der Geschichte und den Einzelschicksalen der österreichischen Exulanten. Das äußerst detailreiche Buch, das ein buntes Panorama der Exukantengeschichte entwirft, dürfte durchaus auch populärwissenschaftlich interessiertes Publikum finden. Die reiche illustrative Ergänzung in Bildern, Fotos, Grafiken, Karten und Statistiken veranschaulicht die geheimprotestantische Geschichte zwischen Österreich und den aufnehmenden Regionen. Hans Krawariks Anliegen ist es, "etatistische" Modelle wie "Gegenreformation" oder "Rekatholisierung" in das Amtshaus oder in die Pflegerstube zu holen, wo sich wirklich das Schicksal konfessionell devianter Untertanen entschied. So geht der Blick immer wieder zwischen den Heimatregionen und den aufnehmenden Gebieten, zu denen vor allem Franken, Schwaben, die Oberpfalz sowie die süddeutschen Reichsstädte gehörten, hin und hder. Für die Vertriebenen aus den Donauländern wurden Regensburg und Nürnberg zum "Drehkreuz", für die Exulanten aus Innerösterreich übernahmen Ulm, in abgeschwächter Form auch Augsburg und Lindau, nach 1648 diese Funktion.

Nicht nur während der Auswanderung, sondern auch in der fortlaufenden Unterstützung der Geheimprotestanten in ihrer österreichischen Heimat waren die protestantischen Territorien des Alten Reichs und Institutionen wie das Corpus Evangelicorum zentrale Partner und Adressaten sowie wichtige Fürsprecher der österreichischen Protestanten. Doch die Kontakte liefen auch über die persönliche Ebene. Saisonbedinge Arbeitsmigrationen von habsburgischen Untertanen brachten Bücher in die geheimprotestantischen Gebiete und Städte wie Ödenburg, Preßburg, Ortenburg und Regensburg waren erste Adressen für das "Auslaufen".

Die Arbeiten von Christine Tropper und Hans Krawarik geben neue spannende Einblicke in den Geheimprotestantismus und seine Bekämpfung in den Habsburgischen Ländern. Das Zusammenspiel von Nachlässigkeit oder Unbekümmertheit auf der Seite der weltlichen Obrigkeiten und wachsendem Glaubenseifer protestantischerseits lässt interessante Rückschlüsse auf die Möglichkeiten zu, die der Geheimprotestantismus zur Ausbreitung und zur Festigung hatte. Generell sollte die Forschung zukünftig nicht nur den bereits gut problematisierten Begriff "Geheimprotestantismus" infragestellen, sondern auch Aussagen über die "Rückkehr" von Protestanten zur Katholischen Kirche oder zur "Rekatholisierung". Angesichts eines über mehrere Generationen präsenten und gelebten "Geheimprotestantismus" scheinen auch diese Begriffe wenig angemessen.