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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Jander, Martin
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch
      Author (Monograph)
      • Schwabe, Astrid
      Title
      Historisches Lernen im World Wide Web: Suchen, flanieren oder forschen?
      Subtitle
      Fachdidaktisch-mediale Konzeption, praktische Umsetzung und empirische Evaluation der regionalhistorischen Website Vimu.info
      Year of publication
      2012
      Place of publication
      Göttingen
      Publisher
      V&R unipress
      Series
      Beihefte zur Zeitschrift für Geschichtsdidaktik
      Series (vol.)
      4
      Number of pages
      480
      ISBN
      978-3-89971-996-3
      Subject headings
      World Wide Web
      Geschichtsunterricht
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2013/09/22528.html
      recensio.net-ID
      79e26299d3f841a69fd733fc28ab5fe7
      DOI
      10.15463/rec.1189722428
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Astrid Schwabe: Historisches Lernen im World Wide Web: Suchen, flanieren oder forschen? Fachdidaktisch-mediale Konzeption, praktische Umsetzung und empirische Evaluation der regionalhistorischen Website Vimu.info (reviewed by Martin Jander)

sehepunkte 13 (2013), Nr. 9

Astrid Schwabe: Historisches Lernen im World Wide Web: Suchen, flanieren oder forschen?

Dieses Buch ist ein Plädoyer. Historiker und Geschichtsdidaktiker sollen ihre Furcht vor der Nutzung des Internets überwinden, selbst deutlicher Ansprüche an das Netz formulieren und Qualitätsstandards einfordern, die man an neue Formen der Präsentation von Geschichte überall stellt. Gleichzeitig jedoch formuliert es eine Furcht, von der der Rezensent meint, dass es für sie keinen guten Grund gibt. Das ist übrigens ein Schluss, zu dem auch die Autorin kommt: Man muss darauf allerdings bis zur Lektüre des vierten Kapitels warten.

Das Buch von Astrid Schwabe liefert eine intensive Auseinandersetzung mit der Planung, Erstellung und Auswertung einer zweisprachigen Internetseite, eines Virtuellen Museums, das deutsche und dänische Wissenschaftler in den Jahren 2005-2008 erstellt haben (www.vimu.info). Diese Internetseite beschreibt und diskutiert die Geschichte der dänisch-deutschen Grenzregion von Hamburg bis Odense seit 1830. Begleitend zur Darstellung der Vorgeschichte dieses Projektes, seiner Durchführung und seiner Evaluation diskutiert Schwabe, ob Internet und Geschichtsdidaktik zueinanderpassen, oder sich in ihren Zielsetzungen und methodischen Vorgehensweisen widersprechen.

Dazu konzentriert sie sich auf den geschichtsdidaktischen Aspekt der Beziehung zwischen Geschichtswissenschaften und modernen Medien. In ihrer Beschreibung des Forschungsstandes im ersten Kapitel ihrer als Dissertation entstandenen Arbeit zeigt sie, dass die Forschung auf diesem Gebiet nicht weit entwickelt ist. Das gilt insbesondere deshalb, weil die Forscher sich nur ungenügend mit der Funktionsweise des Mediums beschäftigten (24 ff.). Eine Ausnahme bildeten lange Zeit lediglich der 1996 erschienene Sammelband "Multimedia in der Geschichte" sowie ein Aufsatz von Christine Arbogast. [ 1 ]

Im ersten Teil ihres Buches (Kapitel 2, 3 und 4) setzt die Autorin sich mit "theoretischen Grundlegungen zum historischen Lernen im World Wide Web" (35) auseinander. Im zweiten Teil der Arbeit (Kapitel 5 und 6) untersucht sie die fachdidaktische Konzeption und den Aufbau des Virtuellen Museums zur deutsch-dänischen Geschichte. Im dritten und letzten Teil des Buches (Kapitel 7 und 8) referiert Schwabe die Ergebnisse einer Evaluation des Virtuellen Museums. Dabei geht es im Kern um die Fragen, was sich über die Nutzer der Website sagen lässt und ob die Planer des Virtuellen Museums ihr Angebot sinnvoll strukturiert haben.

Der Erkenntnisgewinn der Publikation resultiert vor allem aus der Mehrdimensionalität und der detaillierten Beschäftigung mit den genannten Ebenen. Schwabe diskutiert nicht einfach über Geschichtsdidaktik im Zeitalter des Internets, sondern sie fragt nach einer modernen Geschichtsdidaktik unter Berücksichtigung der Strukturen des Internets, indem sie die Konstruktion eines von Wissenschaftlern entwickelten Virtuellen Museums vorstellt. Dabei thematisiert sie begleitend das weit verbreitete Vorurteil, dass Historische Bildung und moderne Medien nicht zueinander passen würden. Moderne Medien, so eine bekanntlich oft formulierte Kritik, förderten die Tendenz zur Zerstreuung, zum ziellosen Surfen, sie überwältigten den Nutzer, machten ihn zur leichten Beute kommerzieller und politischer Interessen.

Schwabe formuliert dieses Vorurteil folgendermaßen: "Die vernetzte, nichtlineare Hypertextstruktur im WWW bietet Chancen für multiperspektivische, kontroverse, quellenbasierte Darstellungen, in denen User selbstgesteuert Geschichte denken können. Doch es drohen Orientierungsverlust und Überforderung und damit die rein additive Aufnahme zusammenhangloser Informationshäppchen statt des Erkennens von Entwicklungen und Zusammenhängen im argumentativen Aufbau." (152) Die große Leistung der vorliegenden Arbeit besteht letztlich darin, sich diesem, unabhängig von seiner Stimmigkeit, weit verbreiteten Vorurteil zu entziehen und dem Historiker vor Augen zu führen, dass er beim Umgang mit dem Internet auf dieselben Dinge achten muss, auf die jeder Museumspädagoge oder Lehrer auch achtet.

So formuliert Schwabe im zentralen vierten Kapitel ihrer Arbeit, in der sie nach der Kompatibilität von Internet und Geschichtsdidaktik fragt: "Ob die (Re-) Konstruktion von Vergangenheit kontrovers, offen, mehrdimensional und multiperspektivisch gerät, ob sie sich gebührend auf hinreichend eingeordnete Quellen stützt, ob Personifikationen und Emotionen angemessene Rollen spielen, ob die begründete Auswahl überzeugt, ob die Präsentation für die Zielgruppe geeignet erscheint; auch das sind Probleme, die für jede Form der didaktisch ambitionierten historischen Darstellung gelten." (153)

Die hier angezeigte Publikation ist unter geschichtsdidaktischen Gesichtspunkten zu loben, da sie im Detail die Besonderheiten des Internets, seine hypertextuelle Struktur herausarbeitet und deren Chancen wie Problematiken deutlich benennt. Auf die in dem Buch begleitete Entstehung und Fertigstellung der deutsch-dänischen Website kann dieses Lob aus der Sicht des Rezensenten allerdings nicht übertragen werden.

 

Wer an das Verhältnis von Deutschen und Dänen denkt, dem wird sofort die in Europa fast einmalige Rettung der dänischen Juden im Oktober 1943 in den Sinn kommen. Dem oben dargestellten geschichtsdidaktischen Credo der Autorin folgend, erwartet man auf der Website eine kontroverse, offene, mehrdimensionale und multiperspektivische, quellengestützte, durchaus auch personalisierte und emotionale Darstellung dieser in der Geschichte der Widerstandes während des Nationalsozialismus fast einmaligen Aktes eines Rettungswiderstandes und entsprechende Vorschläge für eine didaktische Umsetzung des Themas.

Diese Erwartung wird aber enttäuscht. Wer "Rettung der dänischen Juden" in eine der einschlägigen Suchmaschinen eingibt, findet zwar einen Hinweis auf einen Eintrag im Virtuellen Museum: Folgt man dem Link allerdings, dann heißt es dort jedoch, die Seite könne nicht angezeigt werden.[ 2 ] Folgt man den didaktischen Anleitungen für Geschichtslehrer, in denen Vorschläge für den Unterricht zum Thema Nationalsozialismus, Krieg und Besatzung gemacht werden, dann wird auch dort deutlich, dass das Thema eigentlich gar nicht vorkommt.[ 3 ] Der Internet-Surfer, der sich eher auf die hypertextuelle Struktur des Mediums verlässt und nicht auf die geschichtsdidaktisch durchdachte und durchstrukturierte Website des Virtuellen Museums, findet hingegen eine Vielzahl von Quellen zu dem Thema. [ 4 ]

Eine Öffnung des Virtuellen Museums zu Themen und Überlegungen außerhalb schließt Schwabe jedoch konzeptionell ausdrücklich aus "Das Virtuelle Museum stellt eine in sich geschlossene Präsentation dar, die keine Öffnung in die Weiten des World Wide Web vorsieht und selbstreferenziell angelegt ist." (194)

An dieser Stelle kippt die sonst verdienstvolle Publikation in ihr Gegenteil. Der Hauptgedankengang der Arbeit, die die Konfliktdimensionen moderner Geschichtsdidaktik mit der hypertextuellen Struktur des Internets sichtbar macht, sucht die Problematik einer "rein additive(n) Aufnahme zusammenhangloser Informationshäppchen statt des Erkennens von Entwicklungen und Zusammenhängen im argumentativen Aufbau" (152) dadurch zu umgehen, indem sie einen geschlossenen Sinnzusammenhang eines Virtuellen Museums propagiert, der, wie gezeigt, schon bei nur oberflächlicher Recherche, schwerwiegende Lücken offenbart.


Anmerkungen :

[ 1 ] Hannes Schüle / Peter Bär / Gerold Ritter (Hgg.): Multimedia in der Geschichte, Zürich 1996/1997; Christine Arbogast: Neue Wahrhaftigkeiten oder das endgültige Ende der Geschichte?, in: Geschichte und Gesellschaft, Heft 4(1998), S. 633 - 647.

[ 2 ] Vgl. hierzu: http://www.vimu.info/fb.jsp?id=for_10_6_x_fb_joedeaktion_de⟨=de&u;=child&flash;=true (abgerufen am 20. August 2013).

[ 3 ] http://vimu.info/files/teacher/izrg/11_20_10_inst_NSKrieg_de.pdf und http://vimu.info/files/teacher/izrg/10_10_100_inst_ns_de.pdf (abgerufen am 20. August 2013).

[ 4 ] Vgl. z. B.: http://www.hagalil.com/europa/danmark.htm oder http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/4156/rettung_im_letzten_moment.html (abgerufen am 20. August 1943).