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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Mertelsmann, Olaf
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch
      Author (Monograph)
      • Plath, Ulrike
      Title
      Esten und Deutsche in den baltischen Provinzen Russlands
      Subtitle
      Fremdheitskonstruktionen, Lebenswelten, Kolonialphantasien 1750-1850
      Year of publication
      2011
      Place of publication
      Wiesbaden
      Publisher
      Harrassowitz
      Series
      Veröffentlichungen des Nordost-Instituts
      Series (vol.)
      11
      Number of pages
      360
      ISBN
      978-3-447-05839-1
      Subject classification
      Social and Cultural History
      Time classification
      Modern age until 1900 → 18th century, Modern age until 1900 → 19th century
      Regional classification
      Europe → Northern Europe → Baltic states, Europe → Western Europe → Germany, Europe → Eastern Europe → Russia
      Subject headings
      Este
      Deutsche
      Fremdbild
      Alltag
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2013/11/24252.html
      recensio.net-ID
      2cd1139a918f4464b86a1f9b798e7096
      DOI
      10.15463/rec.1189729484
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Ulrike Plath: Esten und Deutsche in den baltischen Provinzen Russlands. Fremdheitskonstruktionen, Lebenswelten, Kolonialphantasien 1750-1850 (reviewed by Olaf Mertelsmann)

sehepunkte 13 (2013), Nr. 11

Ulrike Plath: Esten und Deutsche in den baltischen Provinzen Russlands

Die vorliegende Monografie stellt mit Sicherheit einen wichtigen Beitrag zur baltischen Geschichte dar, insbesondere weil sie mit ihrem kulturwissenschaftlichen Zugang Neuland betritt. Andererseits ist genau dieser kulturwissenschaftliche Zugriff der Schwachpunkt der Arbeit. Ulrike Plath möchte das Verhältnis von Esten und Deutschen in den Provinzen Estland und Livland im Verlaufe eines Jahrhunderts untersuchen und wertet hierfür sechzig Quellentexte aus der Feder von einheimischen und ausländischen Deutschen aus. Es handelt sich hierbei um Reise- und Länderbeschreibungen sowie um autobiografische Texte, wobei die Verfasserin es nicht für nötig hält, den Leser über ihre Auswahlkriterien zu informieren. Bei Texten dieser Quellengattungen ist ferner die Subjektivität der Autoren zu berücksichtigen, und einige Inhalte erscheinen doch etwas anekdotisch. Leider fehlen entsprechende Texte aus estnischer Perspektive aufgrund der Überlieferungslage.

Das Buch beruht auf einer breiten Quellen- und Literaturbasis, das entsprechende Verzeichnis ist über sechzig Seiten lang, und die Verfasserin kennt sich in der einschlägigen estnisch-, deutsch- und englischsprachigen Literatur sehr gut aus. Bei den Autoren der Quellen handelt es sich nicht nur um die üblichen Verdächtigen wie August Wilhelm Hupel und Garlieb Merkel, sondern auch um unbekannte oder vergessene Urheber. Die Untersuchung ist in einem gut lesbaren Stil geschrieben, und glücklicherweise beschränkt die Verfasserin den Gebrauch kulturwissenschaftlichen Jargons weitgehend auf die Einleitung, in der wir Stilblüten wie die "xenologische Fremdheitsforschung" (25) finden können. Nur einige wenige Tippfehler und kleinere sachliche Unrichtigkeiten wie eine Verwechslung von Indien und Westindien (266) treten auf. Die Monografie ist in drei Teile gegliedert. Unter der Überschrift "Annäherungen" untersucht Plath Migration und Mobilität. Im Untersuchungszeitraum erfolgte eine ständige Zuwanderung aus Deutschland, ohne die die Reihen der Deutschen in den baltischen Provinzen schnell ausgedünnt wären. Die ausgewählten Quellen und ihre Interpretation sind insgesamt überzeugend; warum ein solider Überblick über die baltische Geschichte (28-46) allerdings als "baltische Migrationsgeschichte" bezeichnet wird, ist dem Rezensenten unklar. Der Leser fragt sich auch, warum immer wieder Deutsche einwanderten, aber scheinbar ihr Bevölkerungsanteil nicht stieg.

Im zweiten, umfangreichsten Teil behandelt Plath die Stereotypen bezüglich der Esten und die Darstellung ihrer Lebenswelt. Sie versucht also auch ein wenig Sozialgeschichte aus ihren Quellen zu rekonstruieren. Der Verfasserin gelingt es in überzeugender Manier, ihre Quellen zum Sprechen zu bringen, und die Konstruktion der Stereotypen wird nachvollziehbar. Aber genau hier liegt ein Problem ihres kulturwissenschaftlichen Zugangs. Sie hätte mehr Anleihen bei der traditionellen Wirtschafts-, Sozial- und Politikgeschichte nehmen sollen. Vor lauter Diskursen, Stereotypen und Narrativen verlieren wir eine relativ leicht zu erfassende Realität aus den Augen: Vereinfacht gesagt basierte die Gesellschaftsordnung der Ostseeprovinzen auf der wirtschaftlichen Ausbeutung, sozialen Diskriminierung und politischen Unterdrückung der Bevölkerungsmehrheit durch eine kleine oligarchische deutsche Oberschicht, welche weitgehende Rückendeckung durch den russischen Staat hatte. Von dieser Situation profitierte auch die zumeist deutschsprachige Mittelschicht. Die baltische Gutswirtschaft vor und nach der Leibeigenschaft war ökonomisch genauso zweckrational wie die auf Sklavenarbeit fußenden Baumwollplantagen in den US-amerikanischen Südstaaten. Wenn wir das Verhältnis von Esten und Deutschen tiefgreifend untersuchen wollen, dann helfen Diskurse allein nicht. Man muss wahrlich kein Marxist sein, um hier die Bedeutung der wirtschaftlichen Verhältnisse zu erkennen. Ob die Esten damals nun stärker ausgebeutet und schlechter behandelt wurden als beispielsweise die Iren (Hungersnöte) oder die Schotten (Highland Clearances), sei dahingestellt. Die Verfasserin selbst spricht die wirtschaftlichen Bedingungen - prächtige Gutshöfe im Vergleich mit den einfachen Hütten der Bauern, Privilegierung von Deutschen oder auch Körperstrafen - als Beispiel für Machtverhältnisse immer wieder an, doch sie arbeitet die ökonomischen Beziehungen nicht als den wahrscheinlich wichtigsten Faktor für das Verhältnis zwischen Esten und Deutschen heraus.

Im dritten Teil geht Plath der Fremdwahrnehmung nach. Besonders interessant sind die Quellen und Überlegungen zu Emotionen. Schließlich untersucht die Verfasserin die kolonialen Vorstellungen, welche die Urheber der Quellen bezüglich der baltischen Provinzen und ihrer Einwohner entwickelten. Ob der Kolonialismus-Begriff nun tatsächlich zutreffend ist, erscheint mir als etwas fragwürdig, zumal das Wort im Deutschen mehrere Bedeutungen hat. Ein abrundendes und resümierendes Schlusswort fehlt leider.

Ich möchte mit meiner Kritik nicht zu streng sein, dieses Buch ist wichtig, präsentiert viel Neues und hat das Zeug zu einem Standardwerk. Doch hätte die Verfasserin etwas weniger Kulturwissenschaften und etwas mehr Sozial- und Wirtschaftsgeschichte eingesetzt, wäre das Ergebnis noch viel überzeugender ausgefallen. Im ganzen Buch finden wir beispielswiese keine Karten, Illustrationen oder Tabellen, die uns Zusatzinformationen liefern könnten. Für einen Leser, der nicht in der baltischen Geschichte zu Hause ist, wäre eine Zeittafel sicherlich hilfreich gewesen. Über wie viele Deutsche und Esten reden wir zu einem bestimmten Zeitpunkt? Wie viele Gutshöfe gab es und wie groß waren sie? Was wissen wir über die Abgabenlast der Bauern bzw. Leibeigenen? Diese und eine ganze Reihe weiterer Fragen einer traditionellen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte hätten die Darstellung sinnvoll ergänzt und die Untersuchung des Verhältnisses von Esten und Deutschen stärker abgerundet.

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