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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Peper, Ines
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch
      Author (Monograph)
      • Biermann, Veronica
      Title
      Von der Kunst abzudanken
      Subtitle
      Die Repräsentationsstrategien Königin Christinas von Schweden
      Year of publication
      2012
      Place of publication
      Köln / Weimar / Wien
      Publisher
      Böhlau
      Series
      Studien zur Kunst
      Series (vol.)
      24
      Number of pages
      320
      ISBN
      978-3-412-20790-8
      Subject classification
      History, Political History
      Time classification
      Modern age until 1900 → 17th century
      Regional classification
      Europe → Northern Europe → Scandinavia, Europe → Southern Europe → Italy
      Subject headings
      Christine <Schweden, Königin>
      Mäzenatentum
      Repräsentation
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2013/11/20409.html
      recensio.net-ID
      0542bd35fc064d1d82d4de3b4966b2bc
      DOI
      10.15463/rec.1189720097
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Veronica Biermann: Von der Kunst abzudanken. Die Repräsentationsstrategien Königin Christinas von Schweden (reviewed by Ines Peper)

sehepunkte 13 (2013), Nr. 11

Veronica Biermann: Von der Kunst abzudanken

Entgegen der etablierten Annahme, Königin Christina von Schweden habe auf ihren Thron verzichtet, um zur katholischen Kirche übertreten zu können, vertritt Veronika Biermann in ihrer Habilitationsschrift eine gerade umgekehrte Motivation: Die schwedische Monarchin habe abdanken wollen, und die Konversion sei Teil einer ausgefeilten politischen Strategie gewesen, mit der sie sowohl die Interessen des schwedischen Königtums als auch ihre eigene soziale Position nach der Resignation erfolgreich absicherte. Diese These untermauert die Autorin durch die kombinierte Analyse von Textquellen und höfischer Kunstproduktion, wobei ihr Fokus nicht auf der Biographie Christinas, sondern auf der Interpretation zeremonialer Abläufe und bildlicher bzw. architektonischer Repräsentationsstrategien liegt. Diese Zugangsweise wurde unter anderem mit dem Ziel gewählt, die strikte Geheimhaltung zumindest ein Stück weit zu lüften, mit der die Königin als "gewiefte Tacitistin, die die arcana imperii wie kaum ein Anderer beherrschte" (13) ihre Entscheidungen umgab.

Thronverzicht und Glaubenswechsel erscheinen in dieser Perspektive als innovative Lösung eines Dilemmas, mit dem aus eigenem Recht (also nicht stellvertretend) regierende Herrscherinnen der Vormoderne sich konfrontiert sahen: Nämlich, entweder eine Ehe einzugehen und in der Folge ihre Autonomie einzubüßen, oder aber durch das Fehlen eines dynastisch legitimierten Thronfolgers die längerfristige politische Stabilität ihres Reichs zu gefährden. Um gemäß ihres absolutistischen Herrschaftsverständnisses die schwedische Krone gegen eine Rückkehr zur Wahlmonarchie sowie die Gefahr eines Bürgerkriegs nach ihrem Tod abzusichern, dankte Christina zu Gunsten ihres Cousins Carl Gustav von Pfalz-Zweibrücken ab. Der actus abdicationis war "ein Zeremoniell mit rituellem Kern, der einen Vertrag in sein Recht setzte und stellvertretend für den natürlichen Tod der Königin stand" (24).

Die Konversion vervollständigte einerseits aus schwedisch-lutherischer Perspektive diesen rituellen Tod und ermöglichte andererseits Christina die Aufrechterhaltung ihres Anspruchs auf königliche Würde auch nach der Abdankung, der durch ihren triumphalen Einzug in Rom sinnfällig in Szene gesetzt wurde. Die katholische Lehre sei unter allen Konfessionen besonders dazu geeignet gewesen, diese "dritte Strategie" (33) Christinas zu untermauern: nämlich das Überdauern ihrer Sakralität als gesalbte Königin auch über den Thronverzicht hinaus. Auf dieser beruhten sowohl ihr Selbstverständnis als auch ihr sozialer Status und ihre vertraglich sorgfältig abgesicherte persönliche Unabhängigkeit. Zwar stellt die Autorin die zeitweise durchaus intensive Beschäftigung Christinas mit religiösen Fragen nicht in Abrede, schlägt aber als Resümee ihrer Analyse der Vor- und Nachgeschichte dieser Konversion vor, diese "nicht als Konfessionalisierungs-, sondern als Säkularisierungsphänomen" (81) zu interpretieren.

Die Studie gliedert sich in drei Großkapitel, deren erstes zunächst in die Chronologie der Ereignisse, den bisherigen Forschungsstand und die der Untersuchung zu Grunde liegende These einführt. Es folgt die Analyse eines Stichs von Wilhelm Swidde von der Abdankung Christinas am 6. Juni 1654, der durch eine Reihe schriftlicher Berichte kontextualisiert wird. Dabei wird die feierliche Resignation als ein Ritual entziffert, das sowohl transformativ wirkte (Übertragung des Königtums von Christina auf Carl Gustav) als auch paradoxer Weise gleichzeitig die Unmöglichkeit einer Rücknahme der Königssalbung, also der sakralen Bestätigung der Königswürde, vorführte. Die anschließende Erörterung der Konversion erfolgt in erster Linie vor der Folie der Krönung und Salbung Christinas, die lediglich vier Jahre zuvor stattgefunden hatte und zu deren Interpretation wiederum ein Stich (von Wolfgang Hartman) herangezogen wird.

Im zweiten Großkapitel werden Umbau und Einrichtung des von Christina gemieteten Palazzo Riario in Rom auf ihre Aussagekraft über die Repräsentationsbedürfnisse der abgedankten Königin untersucht. Dass sowohl sie selbst als auch ihr Berater, Kardinal Decio Azzolino, intensiv an den Planungen beteiligt waren, ist bekannt; zusätzlich vermutet die Autorin die Mitarbeit Gian Lorenzo Berninis, den offiziell zu beschäftigen zwar außerhalb der Möglichkeiten Christinas lag, mit dem sie jedoch ein "an eine regelrechte Freundschaft" (142) reichendes Verhältnis verbunden habe. Sowohl in der Anordnung der Audienzräume als auch in der Anlage der Palastkapelle wurde Christinas durch die Königssalbung erlangte Sakralität inszeniert, gleichzeitig jedoch das Verhältnis von Thron und Altar im Zustand einer ungelösten Konkurrenzsituation gehalten. Den überwältigenden Höhepunkt der sich in Pracht und Distanzierung des Besuchers steigernden Zimmerfluchten bildete die stanza dei quadri , welche eine außerordentlich wertvolle Gemäldesammlung sowie einen von Bernini entworfenen Spiegel enthielt.

Im dritten und letzten Großkapitel wird in einer Zusammenschau des Programms dieses Spiegels mit zeitgenössischen Berichten sowie Medaillenporträts nach dem "Bild" der Königin gefragt. Anstatt der etwa von Elisabeth I. von England kultivierten Jungfrauenrolle wählte Christina sowohl in ihrem persönlichen Auftreten als auch in ihrer Repräsentation eine ihrer Krönung zum "König" und ihrer "männlichen" Erziehung entsprechende ambivalente Geschlechtsidentität, die ständig zwischen weiblich und männlich konnotierten Attributen changierte. Damit passte sie sowohl ins Schema des "Wunders" einer weiblichen Gelehrten und heldenhaften Frau als auch in jenes der tugendvergessenen "Königin von Sodom", das von der zeitgenössischen Pamphletliteratur ausgiebig bemüht wurde. Die Autorin interessiert sich hier ausdrücklich nicht für eventuelle biographische Anhaltspunkte, sondern arbeitet die politische Motivation einer derartigen Demontage der von Christina beanspruchten Majestät heraus.

Die durchweg sehr gründlich gearbeitete und souverän präsentierte Studie zeigt, wie eine zeremonialgeschichtlich geleitete Zusammenschau von Text- und Bildquellen auch aus größtenteils bekannten Überlieferungen gänzlich neue Perspektiven und Erkenntnisse gewinnen kann. Der methodische Zugang ist breit interdisziplinär abgestützt: Neben der einschlägigen kunsthistorischen Forschungsliteratur werden Ansätze aus der Ethnologie (Victor Turner), Soziologie (Niklas Luhmann) und Geschichte (Heinz Schilling, Michael Stolleis, vor allem aber immer wieder Ernst Kantorowicz) herangezogen. Die Interpretation von Christinas Konversion als Ergebnis eines konfessionsübergreifenden Umgangs mit Glaubensfragen passt gut in vergleichbare Befunde der neueren historischen Konversionsforschung, welche allerdings kaum angesprochen wird.

Die Studie gibt wichtige Aufschlüsse über das Rollenverständnis frühneuzeitlicher Herrscher und Herrscherinnen von Gottes Gnaden und trägt damit nicht zuletzt zur Entwicklung eines geschlechtersensiblen Politikbegriffs bei. Die mehrfache Grenzüberschreitung, die mit der Krönung einer Frau zum "König" ebenso verbunden war wie mit dem von einer Konversion begleiteten Thronverzicht und der Einsetzung eines Nachfolgers, der sich auf seinen Krönungsmedaillen ausdrücklich als "König von Gottes und von Christinas Gnaden" (25) bezeichnete, erweist sich als geeignet, ansonsten nur schwer Greifbares sichtbar zu machen; die Autorin schöpft dieses Potential voll aus und könnte damit eine wesentliche Befruchtung auch der historischen Forschung leisten.