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  • Metadaten

    • Dokumenttyp
      Rezension (Monographie)
      Zeitschrift
      sehepunkte
      Autor (Rezension)
      • Wenzlhuemer, Roland
      Sprache (Rezension)
      Deutsch
      Sprache (Monographie)
      Deutsch
      Autor (Monographie)
      • Rischbieter, Julia Laura
      Titel
      Mikro-Ökonomie der Globalisierung
      Untertitel
      Kaffee, Kaufleute und Konsumenten im Kaiserreich 1870-1914
      Erscheinungsjahr
      2011
      Erscheinungsort
      Köln / Weimar / Wien
      Verlag
      Böhlau
      Reihe
      Industrielle Welt. Schriftenreihe des Arbeitskreises für moderne Sozialgeschichte
      Reihennummer
      80
      Umfang
      428
      ISBN
      978-3-412-20772-4
      Thematische Klassifikation
      Wirtschaftsgeschichte
      Zeitliche Klassifikation
      Neuzeit bis 1900 → 19. Jh., 20. Jahrhundert → 1900 - 1919
      Regionale Klassifikation
      Europa → Westeuropa → Deutschland
      Schlagwörter
      Deutschland
      Globalisierung
      Internationalisierung
      Kaffeeweltmarkt
      Kaffeehandel
      Kaffeemarkt
      Kaffeeverbrauch
      Kaffee
      Terminhandel
      Geschichte 1870-1914
      Original URL
      http://www.sehepunkte.de/2014/01/22029.html
      recensio-Datum
      31.01.2014
      recensio-ID
      6caf22e565994b4195ff4f565d30f978
      DOI
      10.15463/rec.1189732132
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Julia Laura Rischbieter: Mikro-Ökonomie der Globalisierung. Kaffee, Kaufleute und Konsumenten im Kaiserreich 1870-1914 (rezensiert von Roland Wenzlhuemer)

sehepunkte 14 (2014), Nr. 1

Julia Laura Rischbieter: Mikro-Ökonomie der Globalisierung

Auch heute zählt der omnipräsente Erwerb und Konsum von Produkten wie Kaffee, Tee oder Schokolade zu den sichtbarsten Manifestationen der oft schwer zu greifenden Globalisierung. Obwohl natürlich auch andere Nahrungsmittel (man denke etwa an Rindfleisch) global gehandelt und verschifft werden, so ist dem Durchschnittsverbraucher im Fall der genannten Genussmittel viel bewusster, dass die dafür benötigten Rohstoffe zum allergrößten Teil nicht in Europa angebaut werden, sondern aus Afrika, Asien und Lateinamerika importiert werden. Diese von vielen Werbern zusätzlich in Szene gesetzte Exotik des Grundproduktes macht einen Teil seiner Attraktivität aus. Gleichzeitig verweist die einfache lokale Verfügbarkeit von Produkten wie Kaffee, Tee oder Schokolade aber auch auf die Allgegenwärtigkeit von wirtschaftlichen und kulturellen Globalisierungsprozessen.

In den Geschichtswissenschaften wird ein ganz ähnlicher Ansatz bereits seit mehreren Jahrzehnten praktiziert, um anhand der Geschichte einer bestimmten Ware koloniale bzw. globale Verflechtungsstrukturen nachzuzeichnen. Obwohl mittlerweile methodisch etwas in die Jahre gekommen, bieten solche Studien von Waren- bzw. Wertschöpfungsketten einen immer noch aktuellen und brauchbaren Zugang zur Globalisierungsgeschichte. Der Blick durch das Prisma eines bestimmten Produktes macht einerseits nämlich überregionale bzw. globale Vernetzungsmuster deutlich, andererseits unterstreicht er aber die zentrale Bedeutung von Lokalität. Folgt man den Herstellungs- und Handelsketten bestimmter Produkte, so wird sichtbar, auf welche Art und Weise einzelne lokale Schauplätze und Akteure direkt oder indirekt miteinander verbunden waren und durch diese Verbindung Globalität bedingen. Deutlicher als viele andere Ansätze zeigen Warenkettenstudien daher, dass Globalisierung sich nicht in einer wie auch immer gearteten globalen Sphäre abspielt, sondern nichts anderes ist, als die Neukonfiguration globaler Beziehungsmuster - Beziehungsmuster zwischen ganz lokalen Schauplätzen und ihren Akteuren.

An dieser Stelle setzt auch die vorliegende Studie Mikro-Ökonomie der Globalisierung. Kaffee, Kaufleute und Konsumenten im Kaiserreich 1870-1914 von Julia Laura Rischbieter an. Bezugnehmend auf Roland Robertson hält die Autorin fest: "Gerade weil Globalisierung ein globaler Prozess ist, lässt er sich im Sinne des Glokalisierungskonzeptes auch von der kleinsten lokalen Ebene aus analysieren" (23). [ 1 ] Im konkreten Fall handelt es sich bei dieser lokalen Ebene um die Stadt Hamburg und die dortige im Kaffeehandel tätige Kaufmannschaft. Rischbieter baut bewusst auf den vorhandenen historischen Studien zu Waren- und Wertschöpfungsketten auf, engt deren analytischen Fokus aber auf einen bestimmten Zeitraum und einen bestimmten Teil der Warenkette ein, um "die Handlungskompetenz von lokalen Akteuren und damit auch das Lokale als zentralen Verhandlungsort der Globalisierung zu untersuchen" (22). Es darf an dieser Stelle vorweggenommen werden, dass die Studie diesen ambitionierten und hochrelevanten Vorsatz zum größten Teil auch einzulösen vermag.

Das Buch ist inklusive Einleitung und Resümee in acht Kapitel gegliedert. Zu Beginn diskutiert die Autorin den Prozess der Globalisierung als Untersuchungsgegenstand und legt in diesem Zusammenhang eine Definition des Begriffs vor, die sich im weiteren Verlauf der Arbeit als analytisch tragfähig und gewinnbringend erweist. Den Kern dieser Begriffsbestimmung bildet die Aussage, dass im Verlauf der Globalisierung "überregionale integrierte Märkte [entstehen] und es intensivieren sich soziale, politische, wirtschaftliche und kulturelle Interaktionen auch über weite geografische Distanzen hinweg." Globalisierung sei daher ein "historisch kontingenter, offener und daher keineswegs irreversibler Prozess." (19) Aus diesem Begriffsverständnis folgt die entscheidende Rolle lokaler Akteure und Akteursgruppen in der Ausgestaltung dieses Vernetzungsprozesses, der sich die Studie widmet. Im folgenden Abschnitt zur "Transformation der Kaffeemärkte" vermittelt Rischbieter die zum Verständnis der späteren Ausführungen notwendigen Grundlagen und führt in den Kaffeeanbau und den internationalen Kaffeehandel ein. Die Autorin bedient sich hier gezielt jener makrohistorischen Perspektive, welche sie für die Zwecke ihrer eigenen Arbeit für unzureichend hält, und zeigt in einem Zwischenfazit konsequent deren Grenzen auf.

Entsprechend nimmt das dritte Kapitel die "lokale Basis globalen Handel(n)s" in den Blick und fokussiert auf den Standort Hamburg und die dort in den Kaffeehandel involvierten Personengruppen. Rischbieter beschreibt den Aufstieg Hamburgs zu einem der wichtigsten Kaffeehandelsplätze der Welt. Im späten 19. Jahrhundert löste die Stadt gemeinsam mit Le Havre die etablierten Handelsplätze London und Amsterdam in diesem Zusammenhang ab. Hier ebenso wie im folgenden Kapitel zum Terminhandel wird deutlich, welche bedeutende Rolle unmittelbare räumliche Nähe und dementsprechender direkter Austausch zwischen den Hamburger Akteuren hinsichtlich ihrer globalen Handlungsfähigkeit spielte. Das von vielen Autoren oft so vage umschriebene Verhältnis von lokal und global wird in diesen Kapiteln des Buches besonders greifbar.

Die beiden folgenden Abschnitte thematisieren Vertrieb und Werbung für Bohnenkaffee im Kaiserreich und beleuchten zudem den zeitgenössischen Stellenwert von Kaffeekonsum - und auch dessen hauptsächliche Orte. Diese Kapitel gehören zu den eindrucksvollsten der Arbeit. Rischbieter gelingt hier die Synthese von Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte nicht nur am Forschungsgegenstand, sondern auch methodisch überzeugend. Auf einer breiten Quellenbasis, die gleichermaßen quantitatives wie qualitatives Material umfasst, kann die Autorin zeigen, mit welchen Strategien die Kaffeebranche ihre Produkte bewarb und auf dem Markt positionierte. Interessanterweise wurde die gezielte Schaffung eines Produkt- und Markenbewusstseins unter den deutschen Kaffeekonsumenten und die damit verbundene Ausdifferenzierung des Produktangebotes erst durch die auf internationaler Ebene stattfindende Standardisierung des gehandelten Kaffees nötig. Bevor abschließend die grundlegenden Einsichten der Studie im Resümee zusammengeführt werden, nimmt sich das siebte Kapitel der diversen Konflikte in und um den Kaffeegroßhandel im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert an. Auch in diesem Feld trafen durchaus divergierende Interessen von staatlicher und privater Seite, von Großhändlern und Binnenhändlern aufeinander.

Rischbieter überzeugt mit einer brauchbaren Operationalisierung des Globalisierungsbegriffs und durch die Detail- und Quellensättigung ihres Buches. Die eingangs angerissene Definition von Globalisierung als eines offenen, kontingenten Prozesses, der im Kern die Neuordnung überlokaler Interaktion bezeichnet, schenkt der Arbeit einen passenden analytischen Rahmen. Gleichzeitig bewahren Detailreichtum und Rischbieters handwerkliche Sicherheit die Studie davor, sich in dieser offenen Definition zu verlieren. Darin liegen die zwei grundlegenden Stärken der Studie, die aber gleichzeitig auch die Schwächen des Buches in sich tragen. Streckenweise beeinträchtigt die Detailsättigung das Lesevergnügen und -verständnis. Und manchmal scheint es, als wäre die Autorin vor dem eigenen Anspruch zurückgeschreckt - zum Beispiel wenn die Globalisierung als ein eigentlich unperiodisierbarer Prozess eingeführt wird (19), an anderer Stelle aber über die Periodisierung derselben gesprochen wird (12). Oder wenn Globalisierung als akteursgetriebener Prozess gedacht wird, anderswo aber von einer "sich globalisierende[n] Welt" (348) gesprochen wird. In seiner Gesamtheit aber löst das vorliegende Buch seinen Anspruch, mittels eines erweiterten Warenkettenansatzes auch die Handlungsspielräumen lokaler Akteure direkt in den Blick zu nehmen, eindrucksvoll ein.


Anmerkung :

[ 1 ] Roland Robertson: Glocalization. Time-Space and Homogeneity-Heterogeneity, in: Roland Robertson / Mike Featherstone / Scott Lash (eds.): Global Modernities, London 1995, 15-20.