You are here: Home / Reviews / Journals / sehepunkte / 14 (2014) / 06 / ˜Lesœ Scipions
Social Media Buttons fb twitter twitter twitter
  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Lundgreen, Christoph
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Français
      Author (Monograph)
      • Etcheto, Henri
      Title
      ˜Lesœ Scipions
      Subtitle
      Famille et pouvoir à Rome à l'époque républicaine
      Year of publication
      2012
      Place of publication
      Pessac
      Publisher
      Ausonius Editions
      Series
      Scripta Antiqua
      Series (vol.)
      45
      Number of pages
      475
      ISBN
      978-2-3561-3073-0
      Subject classification
      Biographies, genealogy, Political History
      Time classification
      until 499 AD → 999 - 1 BC
      Regional classification
      Ancient World → Roman Empire
      Subject headings
      Cornelii Scipiones
      Senatorenstand
      Familie
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2014/06/22679.html
      recensio.net-ID
      cf71f1a6e4e54258b6d5c8ffb4e8829b
      DOI
      10.15463/rec.1189733252
  • Citation rules

  • Terms of licence

    • This article may be downloaded and/or used within the private copying exemption. Any further use without permission of the rights owner shall be subject to legal licences (§§ 44a-63a UrhG / German Copyright Act).

Henri Etcheto: ˜Lesœ Scipions. Famille et pouvoir à Rome à l'époque républicaine (reviewed by Christoph Lundgreen)

sehepunkte 14 (2014), Nr. 6

Henri Etcheto: Les Scipions

Thema der 2008 an der Universität Michel de Montaigne - Bordeaux 3 verteidigten thèse sind die Träger des cognomen Scipio. Dieser berühmte Zweig der großen gens Cornelia prägte maßgeblich die Politik der römischen Politik im 3. und 2. Jahrhundert v.Chr., bevor ab 133 v.Chr. der "Verfall" einsetzte und sie zur Zeit Ciceros nur noch im kulturellen Gedächtnis der res publica eine Rolle spielten. Politischer Erfolg, familiäre Distinktion und auch schlicht das Überleben der Linie werden von Henri Etcheto beeindruckend detailreich und ganz überwiegend überzeugend dargestellt.

Die Arbeit beginnt mit zwei Teilen zu Familienpolitik und Spezifika der Scipionen (25-156) und endet mit ausführlichen Anmerkungen, Bibliografie, Sach- und Personenindex (291-473). Dazwischen findet sich ein Anhang (157-290), der das gesamte Material zu den Scipionen derart gut aufbereitet und leicht zugänglich präsentiert, dass man das Buch gleichsam in zwei Richtungen lesen könnte bzw. eine formidable Möglichkeit des Nachschlagens hat. Es beginnt mit einem prosopografischen Katalog aller 54 Scipionen, es folgen Stammbäume, Vermögensverhältnisse und es endet mit detaillierten Studien zum berühmten Grabmal der Scipionen an der Via Appia und zur Ikonografie der Gruppe anhand von Büsten, Münzen und Statuen. So ein Appendix ermöglicht gezieltes Nachschlagen wie beispielsweise zur Tochter des Hannibal-Besiegers Scipio Africanus und Mutter der Grachen Cornelia oder zur hellenisierten Gestaltung des Sarkophags von Scipio Barbatus. Vor allem wird deutlich, mit welch unterschiedlichen Quellen Etcheto die Scipionen erstens als Gruppe mit spezifischer Familienpolitik analysiert (" Nobilissima familia. Stratégies et valeurs sociales d'un archétype nobiliaire ") und zweitens in den Kontext römischer Politik im 3. und 2. Jahrhundert einordnet (" 'Le siècle des Scipions'? La continuité familiale à l'épreuve du pouvoir ").

Am Anfang (I.1) steht das klassische Distinktionsmerkmal einer Gruppe schlechthin: der Name. Für dessen konsequenten Gebrauch auf Münzen wie auf Inschriften kann Etcheto für die Scipionen eine gewisse Pionierrolle herausarbeiten, vor allem auch im griechisch-sprachigen Kontext, wo die römischen cognomina ja zunächst einmal auf Unverständnis stießen (32f.). Dass sich diese Identitätsbildung noch durch die Beschränkung der praenomina auf Publius, Lucius und Gnaeus fortsetzte, ist für Angehörige des römischen Adels nichts Besonderes, leitet aber über zum Thema der familialen "Überlebensstrategie" (I.2) im strukturellen Spannungsfeld von Aussterben und Verarmung. Hier lässt sich neben einem sehr frühen Heiratsalter anhand der Vornamentrias auch eine Beschränkung auf zwei bis maximal drei Söhne fassen (53). Diesen war dann das "ethos familiale" (I.3) eigen, das stete Nacheifern und Übertreffen der Vorfahren, verkörpert u.a. in den berühmten "Scipioneninschriften", also Grabinschriften bezüglich einer sicheren Karriere, die nur durch den frühen Tod verwehrt blieb.

Der zweite Teil geht ausgewählten Themenfeldern nach. Die Frage nach den Scipionen als "promoteurs de l'impérialisme romain" (II.1) beleuchtet vor allem die Hellenisierung vieler Protagonisten und die Ausrichtung der römischen Außenpolitik weg von Italien hin zum Mittelmeer. Die Untersuchung einer spezifischen Klientel der Scipionen (II.2) fördert das besondere Eintreten für italische Partizipationsinteressen zu Tage. Beide Aspekte werden dann unter dem Rubrum "un césarisme avant la lettre" (II.3) fortgeführt, worunter eine gewisse Sympathie stark herausgehobener Ehrenstellungen einerseits und eine Affinität, Regeln der Elite mit Rekurs auf die Volksversammlungen zu umgehen, andererseits gemeint sind. Letzteres bezieht sich dabei besonders auf Scipio Africanus und seinen (adoptierten) Enkel Aemilianus, wohingegen Etcheto für die Erfolge der Scipiones Nasicae überzeugend eine besonders strikte Observanz oligarchischer Regeln ausmacht, womit sich diese auch vom - nie richtig akzeptierten - Scipio Aemilianus absetzten (140-146). Solche Differenzen sind nach Etcheto bereits Ausdruck einer (in der sechsten Generation) schwindenden familiären Kohäsion und des Niedergangs (II.4), versinnbildlicht im Nachgang der Auseinandersetzungen von 133 v.Chr. und dem Ende gleich dreier Enkel von Scipio Africanus: Tiberius Gracchus, Scipio Nasica Serapio und Scipio Aemilianus.

Gerade der zuletzt genannte Prozess des Zusammentreffens sich langsam verstetigender "politischer Grundüberzeugungen" verschiedener Protagonisten wie auch der wichtige Hinweis auf die manchmal übersehene Rolle der Herkunftsfamilie bei Adoptierten gehören zu den besten Passagen im Buch, was daran liegt, dass Etcheto hier eng an seine Protagonisten heranrückt. 133 v.Chr. können so hellenistische Ideen als Hintergrund sowohl demagogischer Elemente der Gracchen als auch für den von Nasica geäußerten Tyrannenvorwurf ausgemacht werden (135). Ähnlich bei der Erklärung für die späte Hochzeit des Scipio Aemilianus, der unbedingt eine (noch ungeborene) Tochter des Tiberius Sempronius Gracchus heirateten sollte, um bei seinen Kindern nomen und genus von Scipio Africanus wieder zusammenzuführen (57-59).

Stehen in solchen Passagen eher Individuen im Fokus, bleibt für die Gruppe als Ganzes dagegen manchmal offen, wie spezifisch die Ergebnisse sind. Sowohl die Hellenisierung als auch die von Etcheto treffend beschriebene Rolle des Senats, festere Regelungen für die Aristokratie zu etablieren (138, 155), betrafen den römischen Adel allgemein, sodass hier mehr Vergleiche zu anderen Familien wünschenswert gewesen wären. Deutlich wird dagegen, wie sehr man wohl alle römischen Politiker zumindest auch als Mitglieder ihrer Familie sehen muss. Gerade die Aspekte von Vermögen, Mitgift und Erbrecht (u.a. 58, 144) bilden eine wichtige und sinnvolle Ergänzung zur Betrachtung des römischen Adels. Wobei hiermit letztlich noch ein Faktor im politischen wie tatsächlichen Fortleben einer Familie verstärkt sichtbar wird: ein gerüttelt Maß an Kontingenz und Zufall. Umso schwieriger ist die Entscheidung, was man bei der Nachzeichnung von Aufstieg und Verfall meint erklären zu müssen. Aber auch wie genau die Scipionen ihr "Leistungsethos" erfolgreich ausbilden konnten, bleibt letztlich ebenso offen wie die Frage, ab wann sich politischer Erfolg einer Familie verselbständigte, man also vielleicht neben Kontingenz auch von Pfadabhängigkeit sprechen müsste.

Solche theoretischen Kategorien stehen nicht im Mittelpunkt, dafür findet der Leser die Kapitel gut eingebettet in den Forschungskontext und viele interessante Beobachtungen und Querverweise. Dissens im Detail, wie bei den angeblich nicht regelkonformen Konsulwahlen von Scipio Africanus und Scipio Aemilianus oder dem deutlicher zu markierenden Unterschied zwischen einem Argument mit dem Volkswillen und einem Rekurs auf die Souveränität der Volksversammlungen (126-128), soll hier kein großes Gewicht erhalten. Einzig mehr und als solche gekennzeichnete Zwischenergebnisse und Zusammenfassungen hätten der Arbeit gut getan; auch zu den Scipionenprozessen, die verschiedentlich auftauchen, hätte bei dem Zuschnitt der Arbeit ein weiterer Punkt im Anhang gepasst. Wenn aber am Ende das Bedürfnis nach Vergleichen mit anderen Familien bleibt, dürfte dies nicht die unwichtigste Anregung von Etcheto sein, dessen Studie eben nicht nur für alle weiteren Aspekte der Scipionen (als Gruppe wie individuell) maßgeblich sein wird, sondern darüber hinaus zu römischen Adelsfamilien und ihrer Politik im 3. und 2. Jahrhundert einen gewichtigen Beitrag bildet.