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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Wesche, Markus
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      English
      Author (Monograph)
      • Cadden, Joan
      Title
      Nothing Natural is Shameful
      Subtitle
      Sodomy and Science in Late Medieval Europe
      Year of publication
      2013
      Place of publication
      Philadelphia
      Publisher
      Univ. of Pennsylvania Press
      Series
      The Middle Ages series
      Number of pages
      327
      ISBN
      978-0-8122-4537-0
      Subject classification
      Gender Studies, Intellectual History
      Time classification
      until 499 AD → 999 - 1 BC, Middle Ages
      Regional classification
      Europe, Ancient World → Greece / ancient
      Subject headings
      Aristoteles <Problemata>
      Europa
      Geschichte 500-1500
      Homosexualität
      Philosophie
      Sodomie
      Wissenschaft
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2014/09/24269.html
      recensio.net-ID
      a053e6111fa64e0b9b180c4d1a280bf2
      DOI
      10.15463/rec.1189727754
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Joan Cadden: Nothing Natural is Shameful. Sodomy and Science in Late Medieval Europe (reviewed by Markus Wesche)

sehepunkte 14 (2014), Nr. 9

Joan Cadden: Nothing Natural Is Shameful

Die Abhandlung von Joan Cadden, Wissenschaftshistorikerin und durch eine Reihe von Studien zur Sexualität im Mittelalter ausgewiesene Vertreterin der Gender Studies, ist gleichermaßen ein Beitrag zur Geschichte der Sexualitäten wie zu der der scholastischen Naturphilosophie. Gegenstand der Untersuchung ist eine Fragestellung in den Aristoteles zugeschriebenen Problemata physica (IV,26): Warum es Männer gebe, die bei passivem Analverkehr Lust empfinden sowie solche, die sich beim Geschlechtsverkehr mit Männern passiv wie auch aktiv verhalten. Die Problemata behandeln insgesamt Naturphänomene, die sich einer teleologischen Naturwissenschaft, wie sie z.B. in Aristoteles' De generatione animalium niedergelegt ist, entziehen oder ihr gar widersprechen, gewissermaßen eine Sammlung von "Sonderfällen".

Im Mittelalter wurde der Text der Problemata erst durch eine Übersetzung des Bartholomaeus de Messina aus dem Griechischen ins Lateinische greifbar, die am Hofe König Manfreds von Sizilien (1258-1266) entstanden war. Die Überlieferungslage ist mit ca. 100 Handschriften ausgesprochen reich. Der Text fand früh das Interesse des Paduaner Mediziners und Astrologen Petrus von Abano (ca. 1257-1316). Er war der erste, der einen Kommentar dazu schrieb und damit einen nicht leicht verständlichen Text erschloss. Mutmaßlich begann er sein Werk während seiner Zeit als Universitätslehrer in Paris (ca. 1293-1305), überliefert ist der Text in ca. zwei Dutzend Handschriften in zwei Fassungen. Während die zweite Fassung überwiegend in Italien umlief, gelangte die erste durch den Freund Marsilius von Padua kurz nach der Entstehung nach Paris in die Hände von Jean de Jandun, der den Kommentar umgehend bearbeitete. In seine Fußstapfen traten Walter Burley (1310-1326 in Paris) und der Arzt Evrart de Conty (ab 1357 nachweisbar), der den Kommentar im Rahmen eines Übersetzungsprogramms für naturkundliche Werke am Hofe Karls V. von Frankreich ins Französische übertrug. Die Bearbeiter veränderten den Grundtext des Kommentars je nach eigener Meinung und Interesse, hinzu kommen Marginalkommentare in Problemata -Handschriften, die Aufschluss über die Rezeption geben. Um 1450 schließlich wurde die alte Übersetzung in Italien durch zwei neue verständlichere von Georg von Trapezunt und Theodor Gaza ersetzt, die kurz hintereinander herauskamen. Der Geschwindgang durch die Überlieferungsgeschichte macht jedenfalls ein erhebliches Interesse der mittelalterlichen Naturkundler an den Problemata deutlich.

Joan Cadden grenzt ihre Darstellung, die sie selbst als "close reading" der Texte beschreibt und durchführt, auf den Argumentationsgang bei Petrus von Abano ein, lässt allerdings auch immer wieder die übrige Rezeption in der handschriftlichen Überlieferung einfließen. Sie hat ihre Darstellung in vier Großkapitel gegliedert, die aus den Kernproblemen des Kommentars erwachsen: Die physiologische Explikation des Problema , die Rolle der Gewohnheit bei erworbener Neigung zum Analverkehr, das sexuelle Rollenverständnis im Zusammenhang mit der Sicht von weiblicher Geschlechtlichkeit, die Verbindung zur Moralphilosophie und Astrologie. Petrus zeichnet sich durch eine stringente Gedankenführung aus, die sich ganz auf physiologische Deutungen im Rahmen der Humoralpathologie beruft und selbst die Abweichungen von normativ verstandenen Naturprozessen aus umfassender Kenntnis der aristotelischen Schriften so weit wie möglich als "natürlich" zu erklären versucht: Der lustvolle Analverkehr entstehe, wenn der Samen durch Blockierung nicht durch den Penis austreten könne, sondern sich seinen Ausweg durch den Anus suche und dabei das Bedürfnis nach Reibung erzeuge; bei partieller Blockierung kommt es zu passivem und aktivem Verkehr. Mit dieser Deutung stellt sich Petrus in offenen Widerspruch zur medizinischen Lehrautorität Avicenna, der in seinem Liber canonis medicinae das Phänomen nicht physiologisch erklärt, sondern psychologisch. Avicenna schlägt nämlich als Therapie nicht medizinische und diätetische Mittel zum Abbau des Säfteüberschusses vor, wie es Petrus tut, sondern disziplinarische. Eine chirurgische Lösung zur Korrektur des Defekts lehnt Petrus strikt ab. Zum Wechsel in der medizinischen Erklärungsmethode kommt es bei der Frage, wie die durch Gewohnheit - vor allem in der Jugend - erworbene Lust am analen Geschlechtsverkehr einzuordnen sei. Hier konnte die physiologische Argumentation nicht mehr greifen, doch auch habituelle Abweichungen finden eine allgemeine Erklärung in Naturvorgängen aus dem Korpus aristotelischer Naturschriften. Erstaunlich ist die Offenheit, mit der sich Petrus und seine Pariser Universitätskollegen dem Problema stellen (der Titel des Buches geht auf Walter Burley zurück), deutlich aber auch die Schwierigkeit mancher Diskursteilnehmer, sich die nicht jedermann geläufigen sexuellen Praktiken vorzustellen. Andererseits betrachtet der im höfischen Milieu anzusiedelnde Evrart de Conty schon die Fragestellung als Verletzung des Decorums. Caddens differenzierte Darstellung lässt gut erkennen: Petrus war als Begründer eines völlig neuen, ganz naturkundlich begründeten Diskurses zur Sodomie bahnbrechend, eine Leistung, die sich seiner umfassenden Beherrschung des naturkundlichen Wissens seiner Zeit verdankt.

Die Autorin hat in einem Anhang den Kommentar des Petrus zu Problema IV,26 abgedruckt, nach einer Pariser Handschrift der zweiten Version, ohne allerdings diese Bevorzugung vor der ersten rezeptionsträchtigen Version zu begründen. Auch hätte man sich angesichts des mitunter weitschweifigen und umständlichen close reading den Abdruck des Problema selbst gewünscht, um einen jederzeit rekurrierbaren Bezugspunkt zu haben, sieht man einmal ganz davon ab, dass auch der Kommentar des Petrus ohne die Vorlage in der Luft hängt und seine Leistung sich erst bei deren Kenntnis ermessen lässt. Die Liste der Problemata - und der verschiedenen Kommentar-Handschriften wäre benutzerfreundlicher, wenn sie nicht nach Bibliotheksorten geordnet wäre, sondern nach Autoren resp. Werkgruppen. Hilfreich ist das ausführliche, durchdachte Register ("hand... See also masturbation"). Die Einwände gegen die Aufbereitung des Materials können jedoch die Verdienste nicht beeinträchtigen, die sich die Autorin durch die komplexe Behandlung des sperrigen Gegenstandes erworben hat. Ihre Darstellung der Entstehung einer "science of sodomy" (203) aus dem Kommentar ist originell wie der Kommentar selbst. Man legt das Buch nach Ende der Lektüre belehrt und angeregt zurück.