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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Hanisch, Manfred
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      English
      Author (Monograph)
      • McMeekin, Sean
      Title
      July 1914
      Subtitle
      Countdown to War
      Year of publication
      2013
      Place of publication
      Cambridge
      Publisher
      Icon Books
      Number of pages
      XVIII, 461
      ISBN
      978-1-84831-657-7
      Subject classification
      Military History
      Time classification
      20th century → 1900 - 1919
      Regional classification
      World
      Subject headings
      Weltkrieg <1914-1918>
      Julikrise
      Kriegsursache
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2014/10/24779.html
      recensio.net-ID
      5d2159aaaa9d4293b7b14cb9540e3f58
      DOI
      10.15463/rec.1189725027
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Sean McMeekin: July 1914. Countdown to War (reviewed by Manfred Hanisch)

sehepunkte 14 (2014), Nr. 10

Sean McMeekin: July 1914

Wer trägt wie viel Schuld am Kriegsausbruch 1914? Von einer Alleinschuld Deutschlands und Österreichs gehen nur noch wenige aus. Sehr kontrovers dagegen wird das Ausmaß der deutschen Kriegsschuld im Vergleich zu den anderen Kriegsbeteiligten diskutiert. Vorab: Hier nimmt McMeekin eine Position ein, die in vielem Christopher Clark ähnelt. Auch er relativiert die Verantwortung Deutschlands sehr stark und setzt wie Clark die Verantwortlichkeit Deutschlands in Beziehung zu den Verantwortlichkeiten der anderen Kriegsakteure. Neu bei McMeekin ist der methodische Zugriff auf das Thema. Die Methode ist allerdings eine sehr alte: Wer hat was wann gesagt und getan und nicht getan. Also rein chronologisch und an überprüfbaren harten Fakten orientiert. Das "Wer" sind dann die obersten Entscheidungsträger. Also die großen Männer.

Gesagt, getan und nicht getan: D.h. keine Absichten, die nicht geäußert wurden, die man nur interpretatorisch erschließen (oder unterstellen) kann. Damit wird u.a. die Blankovollmacht nur noch zu einer unverzeihlichen Dummheit, aber eben nur zu einer Dummheit und dann ist sie nicht mehr mit dem "Willing the war" (405), dem Wollen zum Großen Krieg verbunden. Mit dem Wollen zu einem kleinen Krieg allerdings schon, einen auf Serbien beschränkten Krieg. Diesen kleinen Krieg zu führen ist Österreich nachweisbar fest entschlossen, suchte dafür die Rückendeckung Deutschlands, bekam sie und agiert dann, ohne sich mit Deutschland abzustimmen. Das alles arbeitet McMeekin sorgsam heraus.

Keine Strukturen und Hintergründe: Eine Absage (nicht nur) an alle Vertreter der historischen Sozialwissenschaft, sondern auch an alle, die Strukturen in der Geschichte für wesentlich erachten. Bei solch einem grundsätzlich Strukturen ablehnenden Vorgehen bleiben zwangsläufig nur noch die reinen Fakten, eben: Wer hat wann was gesagt und getan. Nur die großen Männer: Und das heißt nicht die Bernhardis und Riezlers. Die gab es nach McMeekin überall. Nicht einmal ein Moltke, immerhin Chef des obersten Generalstabes, der sich mit Präventivkriegsplänen vor 1914 hervortat. Er hatte keine Entscheidungsgewalt. Berücksichtigt werden nur Entscheidungsträger, im Wesentlichen nur gekrönte Häupter, Präsidenten und Regierungsmitglieder. Und die auch nicht, wenn sie sich erst nachher erinnerten.

Bei all diesen Einschränkungen bleibt dann nur noch die Chronologie! Und das bedeutet: Auf 381 Seiten eine zum Teil sogar minutengenaue (!) Chronologie der Ereignisse des Juli 1914. Und so trägt das Buch überaus zutreffend den Titel "Countdown to War". Den 381 Seiten folgt ein rund 20 Seiten starker "Epilogue". Hier zieht der Verfasser sein Resumee, das er mit der nicht nur für ihn wichtigen Frage "The question of responsability" verbindet, so der Titel des Epilogs. Indes: Der Epilog ist alles andere als ein "Nachtrag". Es ist das zentrale Kapitel des Buches, das nur deshalb unscheinbar "Epilogue" heißt, weil es aus der Chronologie heraus fällt. Man kann es im Übrigen sehr gut auch unabhängig von den 381 Seiten lesen.

Hier versucht der Autor, die Verantwortlichkeit für den Kriegsausbruch moralisch wertend zu beurteilen. Bei der "Examinierung der moralischen Schlüsselfrage" ("When we examine the key moral question of 1914") will McMeekin nicht nur das aktive politische Handeln, also das Tun (McMeekin nennt es "commissions") berücksichtigt wissen, sondern auch, was die Akteure des Geschehens unterlassen haben, das "Nichts-Tun" ("omissions", 390). Die Unterlassungen, die "Omissions", dem Bereich der Verantwortlichkeit zuzurechnen und die Feststellung, dass die "Commissions" schwerer zu gewichten seien als die "Omissions" sind altbekannte Kategorien des moralphilosophischen Diskurses. McMeekin wendet diese Kategorien an wie ein Richter: Nur auf die harten, jeder Überprüfung standhaltenden Fakten. Daher auch die 381 Seiten Chronologie vorab.

Das ausgesprochen deliberative und differenzierte Urteil McMeekins: An erster Stelle in der Reihe der Verantwortlichkeiten steht Gavrilo Princip und Serbien, das Terroristen gleichwie gedeckt hat. Bemerkenswert der Vergleich, den McMeekin hier anstellt: Kriegserklärungen, weil von einem Land terroristische Gefahren ausgehen. Das war auch jüngst Grund für die militärische Intervention in Afghanistan. Von den Großmächten steht nicht Deutschland an vorderster Stelle, sondern Österreich-Ungarn, das unbedingt den Krieg mit Serbien haben wollte, allerdings nur einen kleinen Krieg mit Serbien. Dann an dritter Stelle erst das Deutsche Reich, weil erst die Blankovollmacht für Österreich-Ungarn dieses befähigte, russische Proteste nicht ernst zu nehmen. Erst damit wurde die Gefahr eines europäischen Krieges heraufbeschworen.

Ausgelöst jedoch hätten den Großen Krieg Russland und Frankreich. Russland, weil es am 25. Juli, 3 Tage vor der österreichischen Kriegserklärung an Serbien und ohne die serbische Antwort auf das österreichische Ultimatum abzuwarten, Anstalten zur Teilmobilmachung getroffen hat. Die Vorab-Unterstützung Frankreichs in dieser Sache kann nach McMeekin zwar nicht bewiesen, aber mit starken Argumenten vermutet werden. Die Unterscheidung zwischen Teilmobilmachung nur gegen Österreich-Ungarn und Generalmobilmachung hält er für irrelevant. Deutschland musste auf jede Form von Mobilmachung militärisch reagieren, wollte es nicht überrannt werden. Ein Zwang zur Mobilmachung Juli 1914 habe für Russland allerdings nicht bestanden, wie er auch früher bei ähnlichen Krisen nicht bestanden hat und die deshalb auch nicht zum Großen Krieg geführt haben. Damit nähert McMeekin sich sehr stark der offiziellen Position des Kaiserreiches. An letzter Stelle in der Reihe der Verantwortlichkeiten steht England: "Sir Edward Grey's sins were of omission, not commission." (402) Er hat es versäumt, eine klare Politik zu formulieren, sodass die Mittelmächte auf einen Krieg ohne England hoffen konnten.

Im letzten Absatz Buches kommt McMeekin abschließend noch einmal auf Deutschland zu sprechen - mit ungewohnten Feststellungen: "The Germans [...] went into the war expecting that they would loose, which is why they were so keen to wiggle out of it at the last moment." Der allerletzte Satz ist dann wie das ganze Buch ein Kontrapunkt zu Fritz Fischer: "So far from 'willing the war', the Germans went into it kicking and screaming as the Austrian noose (Schlinge) snapped shut around their necks."

Die Reduktion nur auf die harten chronologischen Fakten und die Ausblendung ganzer Argumentationsstränge der Forschung wird McMeekin sicherlich von vielen mit dem Argument angekreidet werden: Geschichte ist eben nicht nur Chronologie, und das methodische Rüstzeug eines Historikers ist ein anderes als das eines Richters. Aber in dieser 100 Jahre lang mit unterschiedlichen Methoden von vielen Seiten hin und her untersuchten, diskutierten und interpretierten Frage der Kriegsverantwortlichkeit(en) immer noch zu keinem Konsens gekommen zu sein: Dann ist es durchaus ein überlegenswerter neuer, vielleicht auch erfrischender Ansatz, nur noch die Chronologie und die harten Fakten sprechen zu lassen.

Ungeachtet aller möglichen Einwände: McMeekin gebührt das große Verdienst, mit einem ungeheurem akribischen Aufwand den Juli 1914 auf 381 Seiten mustergültig in eine genaue chronologische Reihe gebracht zu haben. Und ganz gleich, wie man zu McMeekins neuem alten methodischen Ansatz und den daraus resultierenden Ergebnissen steht: Auch McMeekin gehört jetzt zur Pflichtlektüre eines jeden, der sich mit der Kriegsschuldfrage auseinandersetzt.