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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Buss, Hansjörg
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch
      Author (Monograph)
      • Wippermann, Wolfgang
      Title
      Luthers Erbe
      Subtitle
      Eine Kritik des deutschen Protestantismus
      Year of publication
      2014
      Place of publication
      Darmstadt
      Publisher
      Wissenschaftliche Buchgesellschaft
      Number of pages
      224
      ISBN
      978-3-86312-072-6
      Subject classification
      History of religion, Political History
      Time classification
      Modern age until 1900, 20th century
      Regional classification
      Europe
      Subject headings
      Protestantismus
      Staat
      Gesellschaft
      Kritik
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2015/11/26632.html
      Publication date
      Dec 15, 2015 10:16 AM
      recensio.net-ID
      bcb2ac9ab0304f6db0097b73f1f437a1
      DOI
      10.15463/rec.1189738240
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Wolfgang Wippermann: Luthers Erbe. Eine Kritik des deutschen Protestantismus (reviewed by Hansjörg Buss)

sehepunkte 15 (2015), Nr. 11

Wolfgang Wippermann: Luthers Erbe

Wolfgang Wippermann, Professor für Neuere Geschichte am Friedrich-Meinecke-Institut der Berliner FU und lange Zeit Lehrbeauftragter am Institut für katechetischen Dienst der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg ist bekennender Protestant. Ausgehend vom bedeutenden 'Darmstädter Wort' des Bruderrates der EKD (1947) spürt er in seiner Ende 2014 erschienenen Streitschrift der Frage nach, warum 'die deutschen Protestanten' in die Irre gegangen sind, ob sie sich zu ihren Fehlern bekannt haben und ob sie und ihre Kirche nun in der Lage seien, fortan zu einem "besseren Dienst zur Ehre Gottes und zum ewigen und zeitlichen Heil der Menschen beizutragen" (7). Seine Ausgangsthese ist pointiert. Der deutsche Protestantismus sei, so Wippermann, in die Irre gegangen, weil er "Staat, Krieg und Kapital für gut, Juden, Roma und Frauen dagegen für böse gehalten" habe (7). Zur Untermauerung dieser These behandelt er in sechs knapp gehaltenen Kapiteln das protestantische Verhältnis zu "Autoritarismus, Bellizismus und Mammonismus" sowie "Antisemitismus, Antiziganismus und Antifeminismus" (8). Wippermann beschränkt sich dabei nicht auf die jeweiligen historischen Konkretionen, sondern sieht in den genannten -Ismen mehrheitsprotestantische Fundamentalentscheidungen, die er vor allem auf den beherrschenden Einfluss Martin Luthers zurückführt. Die Schriften des Wittenberger Reformators und sein folgenschweres ideologisches Erbe stehen so im Zentrum seiner 'Kritik des deutschen Protestantismus'.

In allen Kapiteln benennt Wippermann zuerst die wichtigsten biblischen Referenzstellen, fragt nach den jeweiligen Geboten und Verboten, die sich aus der 'Heiligen Schrift' ableiten lassen, und nach deren Interpretation durch Theologen und Kirchenvertreter, bevor er in kantigen Strichen die Geschichte durchschreitet. Dem großen Thema 'Kirche und Krieg' beispielsweise widmet er unter der Überschrift 'Liebet eure Feinde' knapp 24 Seiten: Er setzt ein mit dem biblischen Gebot der Nächsten- und Feindesliebe, behandelt im Unterkapitel 'Gerechte und Heilige Kriege' die Kreuzzüge und Ritterorden, interpretiert die 1526 veröffentlichte Lutherschrift 'Ob Kriegsleute in seligem Stand sein können', wandert dann über Kants Aufruf 'Zum ewigen Frieden' (1795) zur Friedensbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, deren Nichtunterstützung durch die offiziell verfasste Kirche er kritisiert. Schließlich kehrt er zurück zur nationalreligiösen Aufladung und Sakralisierung des Krieges seit den antinapoleonischen 'Freiheitskämpfen' bis hin zur Kriegstheologie des Ersten Weltkriegs, streift das Eiserne Kreuz, beklagt die loyale Unterstützung des NS-Regimes und die kirchliche Waffensegnung während des Zweiten Weltkriegs, bevor er abschließend auf die Remilitarisierung Westdeutschlands, den innerprotestantisch heftig umstrittenen Militärseelsorgevertrag des Jahres 1957 und die späte Friedensbewegung in der DDR zu sprechen kommt.

Es handelt sich um einen Gewaltritt durch die Geschichte, in der Wippermann zwar Gegenpositionen wie z.B. die Gebetsliturgie der 2. Vorläufigen Kirchenleitung der DEK vom 30. September 1938 gegen die Kriegsgefahr benennt, an seiner Grundthese einer obrigkeitsgebundenen kirchlichen Bejahung und kritiklosen Unterstützung von Kriegen aber festhält. An seiner eigenen pazifistischen Entscheidung lässt er dabei keinen Zweifel aufkommen. In diesem Sinne, knapp, plakativ, standortgebunden, dennoch kenntnisreich verfährt Wippermann auch in den anderen Kapiteln. Hervorzuheben sind dabei vor allem die inspirierenden und spannend zu lesenden Kapitel 'Kirche und Antiziganismus' und 'Kirche und Antifeminismus', Themen, die, wie der Autor zu Recht anführt, noch immer ein vernachlässigtes Forschungsfeld darstellen und im kulturellen Gedächtnis der Kirche(n) wie der Gesellschaft noch längst nicht ihren angemessenen Platz gefunden haben.

Entgegen seiner mit Verve vorgetragenen Fundamentalkritik fällt das resümierende Fazit Wippermanns milde und überraschend optimistisch aus. Heute, er bezieht sich dabei auf Nachkriegskirchen in Ost und West, deren prozess- und bruchhafte Entwicklung in den beiden deutschen Teilstaaten Wippermann kennt, habe die Kirche ihren 'Irrweg' weitgehend beendet, wenn auch noch nicht vollständig aufgearbeitet und "bewältigt" (176).

Dass Wippermann in allen sechs Kapiteln scharfe Worte gegen die Amtskirche und den deutschen Mehrheitsprotestantismus wählt, ist wenig überraschend. Selten urteilt er abwägend, manchmal in wütender Grobschlächtigkeit, vielerorts aber nachvollziehbar. Dies gilt auch dann, wenn er aktuelle Debatten aufgreift. Ihm ist zuzustimmen, wenn er beispielsweise die anhaltende Nichtbeachtung der Rolle protestantischer Frauen im Widerstand gegen die 'Rassenpolitik' des NS-Staates oder die noch immer verbreitete, recht bruchlose Einordnung des sogenannten Kirchenkampfes in den Widerstand gegen den NS-Staat kritisiert.

Komplizierter wird es, wenn er gegen Ende in wenigen Sätzen - und ohne Belegstellen - die Unterscheidung zwischen einem religiösen Antijudaismus und einem rassistischen Antisemitismus pauschal zurückweist. Dabei geht es meist weniger darum, wie Wippermann meint, den kirchlichen Antijudaismus als "weniger schlimm" (178) zu verharmlosen, sondern unterschiedliche Motive, Traditionen und Begründungszusammenhänge kenntlich zu machen. Dass mit beiden Formen des Judenhasses die Verfolgung und Ermordung von Juden begründet wurde, ist in der Forschung weitgehend unbestritten. In ihrer überaus allgemein gehaltenen Zuspitzung ist auch die These zurückzuweisen, dass "von Teilen der Kirche geradezu verboten" (180) werde, Antijudaismus zu überwinden, um nach wie vor zu antisemitischen Ideologien und Handlungen - an dieser Stelle nennt er explizit die Bekehrung von Juden - aufzurufen. Hier schießt Wippermann über das Ziel hinaus. Derartige Positionen werden heute wahrlich nur von kleinen Minderheiten vertreten.

Wippermann hat sein Werk erklärtermaßen in religions- und kirchenkritischer Absicht abgefasst. Er wendet sich nicht an ein Fachpublikum, sondern an eine breite Leserschaft (worunter er wohl vor allem kirchlich interessierte Laien versteht). Auch dies erklärt die einfache Sprache und die grobkörnige, zugespitzte Darstellung der einzelnen Kapitel. Wer eine differenzierte Betrachtung erwartet, wird enttäuscht. Wippermann verzichtet weitgehend auf die historische, gesellschaftliche und soziale Kontextualisierung des Gesagten und auf die Benennung damals vorhandener Entscheidungsmöglichkeiten; auch auf die durchaus vorhandenen Kritiken des heute von ihm Kritisierten geht er nur sehr bedingt ein. Damit aber werden heutige Wertesysteme zum Maßstab seiner Urteilsbildung, was den moralischen, oftmals moralisierenden Charakter des Buches zusätzlich unterstreicht. So verwandeln sich berechtigte Einwände in eine letztendlich indifferente Pauschalkritik. Mit seinem Ansatz einer Ideologiekritik kommt Wippermann an der Stelle an eine Grenze, wo die bloße Aneinanderreihung von Ereignissen nichts mehr erklärt.

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