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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Foerster, Thomas
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Français
      Author (Monograph)
      • de Laborderie, Olivier
      Title
      Histoire, mémoire et pouvoir
      Subtitle
      Les généalogies en rouleau des rois d'Angleterre (1250-1422)
      Year of publication
      2013
      Place of publication
      Paris
      Publisher
      Classiques Garnier
      Series
      Bibliothèque d'Histoire Médiévale
      Series (vol.)
      7
      Number of pages
      507
      ISBN
      978-2-8124-1207-3
      Subject classification
      Biographies, genealogy, History, Auxiliary sciences of history
      Time classification
      Middle Ages → 13th century, Middle Ages → 14th century, Middle Ages → 15th century
      Regional classification
      Europe → Western Europe → France, Europe → Western Europe → Great Britain
      Subject headings
      Matthaeus <Parisiensis>
      Großbritannien
      König
      Genealogie
      Geschichtsschreibung
      Geschichte 1250-1422
      Quelle
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2016/01/27005.html
      recensio.net-ID
      28ec877044294f95a1328104a40a761f
      DOI
      10.15463/rec.1189737382
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Olivier de Laborderie: Histoire, mémoire et pouvoir. Les généalogies en rouleau des rois d'Angleterre (1250-1422) (reviewed by Thomas Foerster)

sehepunkte 16 (2016), Nr. 1

Olivier de Laborderie: Histoire, mémoire et pouvoir

In der Forschung der letzten Jahre wird die Zeit des 13. und 14. Jahrhunderts immer wieder als wichtige formative Phase der verschiedenen nationalen Identitäten in Europa diskutiert. Mit der hier zu besprechenden Monographie aus der Feder Olivier de Laborderies liegt nun auch eine - dies sei schon einleitend gesagt - hervorragende Studie zur Formation englischen Nationalbewusstseins und historischer Kultur in dieser Zeit vor. Es handelt sich um eine Zusammenfassung einer Doktorarbeit, die der Autor bei dem kürzlich verstorbenen Jacques Le Goff erarbeitet und zunächst 2002 in fünfbändiger Form vorgelegt hat. Le Goff hat die Arbeit nicht nur betreut und ihre monographische Form mit einem Vorwort versehen, sein Einfluss ist im gesamten Buch bemerkbar, sowohl in den Forschungsansätzen als auch in den Interpretationslinien.

De Laborderie untersucht in seinem Buch eine bislang kaum beachtete Textgattung, die englischen Königsgenealogien, die im späten Mittelalter in der Form von Rotuli weite Verbreitung fanden. In der modernen Forschung blickten aber lediglich einige wenige Kunsthistoriker und Sprach- und Literaturwissenschaftler auf diese Texte, und auch dies nur marginal. Schon bei der Lektüre der ersten Seiten wird deutlich, dass das Desinteresse gerade der historischen Forschung der Bedeutung dieser Texte für Geschichtskonstruktionen und Nationalbewusstsein nicht gerecht wird. Sie haben nämlich ein viel weiteres Publikum erreicht, als die meisten monumentalen Geschichtswerke oder Königsspiegel ihrer Zeit.

Die Forschungsleistung dieses Buches ist imposant. Ein großer Teil der Arbeit bestand in der Transkription von Dutzenden Rotuli in ganz Europa und Nordamerika. Die weite Verbreitung der Rotuli macht somit auch deutlich, dass es sich bei dieser Textgattung eben nicht nur um Propaganda handelte, sondern vielmehr um eine generelle Reflexion des politischen Konsenses in England, der die Könige unbestritten an der Spitze des englischen Gemeinwesens sah. Damit wird die Textgruppe auch zu einer wichtigen Quelle für die historische Kultur der englischen Eliten des Mittelalters: als Ausdruck des Königskonsenses beleuchten sie die Rolle des dynastisch legitimierten Königtums innerhalb der Herausbildung einer englischen Identität und eines englischen Nationalbewusstseins, der natürlich gerade im Vergleich mit der genealogischen Kontinuität der Kapetinger besondere Bedeutung zukam. Grundgedanke der Rotuli war die Einigung des einen Landes unter dem einen König. Das wurde natürlich besonders bedeutend, nachdem die englischen Könige 1204 ihre Festlandsbesitzungen verloren hatten und im Vertrag von Paris von 1259 auch offiziell - zumindest teilweise - darauf verzichteten. Die Quellengruppe bietet wichtige Einblicke in diesen Prozess, insbesondere wie sich diese Zentralisierung propagandistisch innerhalb der englischen Eliten durchsetzte.

Aus diesen Gründen begrenzt der Verfasser seinen Untersuchungszeitraum auf die Zeit von der Mitte des 13. Jahrhunderts bis zum Regierungsantritt Heinrichs VI. im Jahre 1422, da sich die nachfolgenden Rotuli immer mehr zur politischen Propaganda im Rahmen der Rosenkriege entwickelten und auch an Zahl stark zunahmen (insbesondere unter Edward IV). Am Beginn seines Untersuchungszeitraumes schreibt de Laborderie die erste Königsgenealogie dem Mönchschronisten Matthew Paris und seinen Kreisen in St. Albans zu. Waren diese ersten Rollen noch als Unterrichtsmaterial für Kleriker gedacht, wurden die Folgetexte immer mehr zum Ausdruck säkularer Geschichtsbilder. Laborderie hebt dabei vor allem die Rolle der Hofzirkel um Eleonore von der Provence, der Königin Englands, bei der Verbreitung der Texte innerhalb der englischen Eliten - und deren Durchdringung durch diese Texte - hervor.

Er erzielt seine Ergebnisse zunächst durch einen interdisziplinären Zugriff, der eben nicht nur Paläographie und Kodikologie einbindet, sondern auch Linguistik, Literaturgeschichte, Heraldik, Sphragistik und Ikonographie umfasst. Dass all diese Disziplinen natürlich nicht in gleicher Bedeutung in die Untersuchung einfließen konnten, stellt hierbei keineswegs eine Schwäche des Buches dar. Die grundwissenschaftlichen Herangehensweisen erscheinen durchweg solide und bilden lediglich die Basis für das eigentliche Interesse des Verfassers, nämlich die Mentalitäten, verdichtet insbesondere in den Begriffen der 'Valeurs' und 'idéologies'. Wie schon einleitend angemerkt, steht das Buch hierbei stark in der Tradition der Forschungen eines Jacques Le Goff zur Propaganda und zu Geschichtsbildern, vor allem im Rahmen der "nouvelle histoire politique". Von ähnlich großer Bedeutung sind die Arbeiten Hervé Martins und Bernard Guenées. Hier vermisst man vielleicht einige Forschungen aus der neueren politischen Geschichte, insbesondere aus dem angelsächsischen Raum zur 'administrative history', und nicht zuletzt auch Beiträge zur politischen und historischen Kultur des Mittelalters aus der Feder deutschsprachiger Autoren, wie etwa Gerd Althoff, Gert Melville oder Otto Gerhard Oexle. Da dies die Ergebnisse de Laborderies aber in den meisten Fällen lediglich bestätigen würde, fällt ihr Fehlen nur bedingt ins Gewicht.

Diese Ergebnisse und Deutungen legt de Laborderie in klarer Form vor, hervorragend argumentiert und reich belegt. Es wäre unmöglich, die gesamte Breite seiner Forschungen in einer kurzen Rezension ausreichend zu würdigen, selbst wenn es sich beim zu besprechenden Buch "nur" um eine Zusammenfassung seiner eigentlich fünfbändigen Arbeit handelt. Sein Verdienst ist zunächst, eine lange unbeachtete Quellengruppe ausgiebig erforscht und für den an Geschichtskulturen, Ideologien und Mentalitäten interessierten Historiker äußerst fruchtbar gemacht zu haben, indem er die Texte in beispielhafter Weise in die verschiedenen historischen und politischen Diskurse ihrer Zeit einordnet. Er hat damit einen fundamentalen Beitrag zur Erforschung europäischer Geschichtsbilder, zu politischer Propaganda, zur Entwicklung von Nationalbewusstsein und zu Vorstellungen von Königssouveränität im späten Mittelalter geleistet. Wer auch immer sich in Zukunft auch nur entfernt mit einem dieser Themenbereiche befasst, kann und muss in de Laborderies Buch einen reichen Katalog von Quellen und eine historische Interpretation finden, die nicht nur weitere Forschungen anregen dürften, sondern für solche auch unverzichtbare Grundlage sein werden.