You are here: Home / Reviews / Journals / sehepunkte / 16 (2016) / 01 / Social Imagery in Middle Low German
Social Media Buttons fb twitter twitter twitter
  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Wehrli-Johns, Martina
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      English
      Author (Monograph)
      • Heß, Cordelia
      Title
      Social Imagery in Middle Low German
      Subtitle
      Didactical Literature and Metaphorical Representation (1470-1517)
      Year of publication
      2013
      Place of publication
      Leiden
      Publisher
      Brill
      Series
      Studies in Medieval and Reformation Traditions
      Series (vol.)
      167
      Number of pages
      XI, 404
      ISBN
      978-90-04-24775-8
      Subject classification
      History of literature, Historical Linguistics
      Time classification
      Middle Ages, Modern age until 1900 → 16th century
      Regional classification
      Europe → Western Europe → Germany
      Subject headings
      Niederdeutsch
      Lehrdichtung
      Gesellschaft <Motiv>
      Metapher
      Mittelalter
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2016/01/27105.html
      recensio.net-ID
      7ac7a2b5b1de45188dbc46fb96bfcc1e
      DOI
      10.15463/rec.1189737385
  • Citation rules

  • Terms of licence

    • This article may be downloaded and/or used within the private copying exemption. Any further use without permission of the rights owner shall be subject to legal licences (§§ 44a-63a UrhG / German Copyright Act).

Cordelia Heß: Social Imagery in Middle Low German. Didactical Literature and Metaphorical Representation (1470-1517) (reviewed by Martina Wehrli-Johns)

sehepunkte 16 (2016), Nr. 1

Cordelia Heß: Social Imagery in Middle Low German

Die vorliegende Studie über die Metaphern des Sozialen in der didaktischen Literatur des Mittelniederländischen, ist die Frucht eines mehrjährigen Forschungsaufenthaltes, den die Autorin als postdoktorale "Research fellow" an der Königlichen Akademie für Literatur, Geschichte und Altertumswissenschaften in Stockholm verbringen durfte. Dieser vielfachen Förderung von Seiten des schwedischen Staates und insbesondere der "Marianne and Marcus Wallenberg Foundation" ist es zu verdanken, dass der bislang nur Spezialisten bekannte mittelniederdeutsche Sprachraum mit diesem Werk erstmals umschrieben und in seiner kulturellen Eigenheit erkannt wird. Die finanziellen Beiträge der Wallenberg-Foundation ermöglichten schließlich auch, dass das Buch der deutschsprachigen Historikerin im niederländischen Wissenschaftsverlag Brill in englischer Sprache erscheinen konnte und damit trotz seiner thematischen Begrenzung auf eine bestimmte Region auch international zur Kenntnis genommen wird.

Dazu beitragen wird zweifellos das klare theoretische Konzept, das in der Einleitung ausführlich begründet und im Verlauf der Untersuchung auch stringent angewendet wird. Die Autorin folgt hier dem Ansatz der von Dietrich Busse in Anlehnung an Pierre Bourdieu und Michel Foucault eingeführten linguistischen Diskursanalyse und kombiniert sie mit dem strukturalistischen Zeichenbegriff und der Terminologie und Methodik der modernen angelsächsischen Theorie der Metapher. Bei einer linguistischen Diskursanalyse geht es, vereinfacht gesagt, darum, bestimmte Textkorpora, die sowohl zeitlich wie räumlich und inhaltlich miteinander verknüpft sind, einer sprachlichen und kulturwissenschaftlichen Analyse zu unterziehen und auf ihr Aussageverhalten zu gesellschaftsrelevanten Fragen zu untersuchen. Heß stützt sich in ihrer Studie auf das Textkorpus der in Wiegen- und Frühdrucken verbreiteten didaktischen Literatur für Laien in mittelniederländischer Sprache, die mit ihren Metaphern für das Soziale eine wichtige Quelle für die Gesellschaft im ausgehenden Mittelalter darstellt.

Die Untersuchung ist in acht unterschiedlich umfangreichen Hauptkapitel gegliedert. Im ersten Kapitel beschäftigt sich die Autorin zunächst sehr ausführlich mit den kulturellen und sprachlichen Gegebenheiten ihres Untersuchungsgebietes. Sie verfolgt die Entwicklung und Verbreitung der mittelniederdeutschen Sprache im Umfeld der norddeutschen Hansestädte, wo die Volkssprache erst seit Ende des 14. Jahrhunderts das Latein als Kommunikationsmittel der Kaufleute zu verdrängen begann. Unter dem Einfluss der Devotio moderna öffnete sich das Mittelniederdeutsche im 15. Jahrhundert dann vermehrt auch dem religiösen Bereich. Sehr ausführlich geht Heß auf den in den Siebzigerjahren des 15. Jahrhunderts einsetzenden Buchdruck von religiös /didaktischer Literatur in dieser Sprache ein. Es handelt sich vorwiegend um Erbauungsschriften für ein gebildetes Publikum, wobei die Autorin zwei distinktive Gruppen unterscheidet: Einmal die Gruppe der aus dem Lateinischen oder einer anderen Sprachregion übersetzten "Bestseller" mit bekannten Autorennamen wie Thomas von Kempis "Nachfolge Christi", zum anderen die Gruppe der zumeist anonym überlieferten Texte in original mittelniederdeutscher Sprache, bei denen Heß in vielen Fällen eine laikale Autorschaft vermutet. Nur diese Gruppe darf ihr zufolge als genuines Zeugnis für die kulturelle Eigenständigkeit der gewählten Sprachregion gelten. Für den weiteren Verlauf der Untersuchung ist diese Unterscheidung wesentlich, da die Texte der ersten Gruppe einem anderen, eher klerikalen, überlokalen Diskurs mit wenig Kritik an der Geistlichkeit angehören, während in der zweiten Textgruppe progressivere, kritischere Ansichten vertreten wurden, die näher an der gesellschaftlichen Realität waren.

Im zweiten Kapitel bezieht die Autorin zum Vergleich Texte der pragmatischen Schriftlichkeit aus dem staatlichen und sozialen Leben ein und befragt sie auf ihre Sicht der sozialen Struktur der Gesellschaft. Es sind Texte normativen Charakters wie Stadtrechte, Steuerbücher, Ratsprotokolle und Zunftverzeichnisse, die Auskunft geben über die soziale Schichtung, das Selbstverständnis der Kaufleute und Handwerker, über die Stellung des Klerus und der Frauen innerhalb der Gesellschaft, namentlich der Beginen, und schließlich auch der Bevölkerungsgruppen, die nicht zu den Stadtbürgern gezählt wurden, wie die wenig zahlreiche Gemeinschaft der Juden. Die in diesen Texten verwendete Terminologie mit ihrer Bevorzugung von verschiedenen ternären Ordnungssystemen und Gegenstellungen (Oppositionen wie "reich und arm"), weist nach Heß auf ihre Herkunft aus der lateinischen Gelehrtensprache, die möglicherweise mit ihrem Diskurs auch den Diskurs der didaktischen Literatur bestimmt haben könnte.

Nach diesen beiden grundlegenden Kapiteln geht die Autorin in den Kapiteln III-V dieser Hypothese weiter nach. Sie behandelt zuerst das bekannte funktionale Ordnungsschema der oratores-bellatores-laboratores und dessen Umsetzung in die mittelniederländische Sprache. Dort zeigt sich allein anhand der mangelhaften Übersetzungsmöglichkeiten, wie sehr dieses Ständeschema überlebt war. Das gleiche gilt auch für das moralische Ternär der virgines-continentes-coniugati , das nach Heß interessanterweise in der Literatur des 15. Jahrhunderts als Modell des sozialen Lebens vollkommen verschwindet. Mit der Auflösung des Jungfrauenstandes sei das Jungfrauenideal zu einem Tugendmodell mutiert, das allen Christen zur Nachahmung empfohlen wird und nicht nur der Geistlichkeit in den Klöstern. Ein Bedeutungswandel lässt sich Heß zufolge auch beim Stand der Witwen und der Verheirateten feststellen. Die Witwe galt nicht mehr als eine Metapher für den Stand der Büßer, und die Verheirateten verharrten nicht mehr auf der ersten Stufe der "Beginner" auf dem Heilsweg der Erlösung.

Den ternären Metaphern im weiteren Sinn zuzurechnen ist das auf Pseudo-Dionysius Areopagita zurückgehende Bild der dreimal neun Chöre der Engel, das sich vor allem in der Kunst großer Beliebtheit erfreute. Als Metapher für das Soziale diente es in der Scholastik als Sinnbild der hierarchischen Ordnung der Kirche, um dann wenig später in der volkssprachlichen Predigt der Bettelorden auch für die Gesellschaft als Ganzes eingesetzt zu werden. Welche Veränderungen die Metapher in der volkssprachlichen Literatur des ausgehenden Mittelalters erfuhr, kann Heß am Beispiel der Inkunabel doernenkrantz van collen anschaulich zeigen. Dieser Fall ist besonders interessant, weil die Autorin hier eine direkte Übernahme aus der lateinischen Schrift De coniecturis des Nikolaus von Kues nachweisen kann, die freilich inhaltlich mit der Tendenz des doernenkrantz selber gar nichts mehr gemein hat. Das heißt, dass die volkssprachliche Literatur die gelehrte Auslegung zwar kennt, sich aber dennoch von ihr entfernt zugunsten einer die Laien in den Chor der Engel einbeziehenden Deutung der Metapher.

Ähnliche Tendenzen lassen sich Heß zufolge auch bei den Metaphern für das Soziale feststellen, die die Sprachwissenschaft als Zwillingsformeln (Binomiale) bezeichnet. Formeln wie "arm und reich", "Mann und Frau", "Klerus und Laien" bieten im Unterschied zu den erwähnten ternären Ordnungsschemata keine hierarchisch strukturierten Aufstiegsmodelle, sondern bilden Gegensatzpaare, die sich komplementär ergänzen können, oder als Opponenten in einem dialektischen Verhältnis zueinander stehen. Derartige Paarformeln als Metaphern des Sozialen sind in der mittelniederländischen didaktischen Literatur offenbar sehr zahlreich anzutreffen. Heß teilt sie nach einer minutiösen Einzelanalyse je nach ihrer Funktion in drei Kategorien ein. Zur ersten gehören die Binomiale zur Kennzeichnung bestimmter sozialer Gruppen innerhalb der christlichen Gesellschaft, zur zweiten Kategorie diejenigen, die einen Gegensatz zwischen "Christen und Juden" postulieren und zur dritten diejenigen, die mit der Paarformel "Juden und Heiden" alle diejenigen Menschen subsumieren, die von der christlichen Gemeinschaft ausgeschlossen sind. Was die zur ersten Kategorie gehörende Opposition von "Klerus und Laien" anbelangt, so bestätigt die Verfasserin die Analyse der trifunktionalen Ordnungsschemata: Klerus und Laien stehen sich im ausgehenden Mittelalter nicht mehr als Opponenten mit unterschiedlichen Pflichten und Rechten gegenüber, sondern sind beide gleichermaßen gehalten, durch ein tugendhaftes christliches Leben den Weg des Heils zu beschreiten. Besonders aufschlussreich sind die Ergebnisse der Verfasserin hinsichtlich der letzten beiden Binomiale. Hier kann Heß mit der Diskursanalyse sehr genau aufzeigen, dass die erschreckenden antisemitischen Tendenzen in dieser Literatur keineswegs auf direkten Erfahrungen jüdischen Lebens beruhten, sondern allein der christlichen Selbstwahrnehmung dienten. Während in der Formel "Christen und Juden" noch gewisse Ambivalenzen zu spüren seien, ziele die zweite Formel "Juden und Heiden" eindeutig auf den Ausschluss der jüdischen Bevölkerung aus der christlichen Gemeinschaft.

In den drei letzten Kapiteln untersucht die Verfasserin eine ganze Reihe von Metaphern, die ursprünglich einer klerikalen Ideologie zuzurechnen sind, später in der mittelniederländischen Literatur jedoch einen ähnlichen Bedeutungswandel erlebten wie die funktionalen Ordnungsschemata. Das gilt insbesondere für die "Ständereihen", die in der Form des "Totentanzes" antiklerikale Tendenzen aufwiesen, oder die von der Vorstellung der Kirche als mystischer Leib Christi geprägte Körper-Metapher für die Gesellschaft, die Heß zufolge im Spätmittelalter zur Verleumdung und Ausschließung der jüdischen Bevölkerung eingesetzt wurde. Zu den Metaphern aus den Bereichen der Technik zählt Heß das Bild der geistlichen Mühle und des Karrenpfluges als Allegorie für das Funktionieren der Gesellschaft, während die Metaphorik des Schachspiels bemerkenswerter Weise der Königin als Repräsentantin des weiblichen Geschlechts besondere Aufmerksamkeit schenkt.

Im Ergebnis kann die Verfasserin mit der Methode der linguistischen Diskursanalyse eine Fülle von Einsichten zum sozialen und mentalen Zustand der Gesellschaft der norddeutschen Hansestädte am Ausgang des Mittelalters präsentieren - Einsichten auch in eine Literatur, die mit Blick auf die Umwälzungen der Reformationszeit einen grundlegenden Wandel im Verhältnis zwischen Klerus und städtischer Führungsschicht ankündigt und dennoch in vieler Hinsicht alten Denkmustern verhaftet zu sein scheint.

Ein Verzeichnis aller Inkunabeln und Frühdrucke in mittelniederländischer Sprache im Anhang zeigt die Fülle der bearbeiteten Quellentexte. Ein kluges Sach- und Namensregister erleichtert die Lektüre dieser ebenso komplexen wie methodisch anregenden Studie.