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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Rebitsch, Robert
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      Deutsch
      Editor (Monograph)
      • Brendecke, Arndt
      Title
      Praktiken der Frühen Neuzeit
      Subtitle
      Akteure - Handlungen - Artefakte
      Year of publication
      2015
      Place of publication
      Köln
      Publisher
      Böhlau
      Series
      Frühneuzeit-Impulse
      Series (vol.)
      3
      Number of pages
      714
      ISBN
      978-3-412-50135-8
      Subject classification
      History of education
      Time classification
      Modern age until 1900
      Regional classification
      Europe
      Subject headings
      Europa
      Neuzeit
      Wissensproduktion
      Verwaltung
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2016/06/27616.html
      recensio.net-ID
      2c0177537b6f46a8a5b0dec3c8b4fb92
      DOI
      10.15463/rec.968279486
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Arndt Brendecke (ed.): Praktiken der Frühen Neuzeit. Akteure - Handlungen - Artefakte (reviewed by Robert Rebitsch)

sehepunkte 16 (2016), Nr. 6

Arndt Brendecke (Hg.): Praktiken der Frühen Neuzeit

Der Band "Praktiken der Frühen Neuzeit" dokumentiert die Ergebnisse der 10. Tagung der Arbeitsgemeinschaft Frühe Neuzeit, die vom 12. bis 14. September 2013 an der Ludwig-Maximilians-Universität München stattgefunden hat. 63 Beiträge (inklusive den einführenden Bemerkungen zur jeweiligen Kapitelthematik) veranschaulichen eindrucksvoll neue geschichtswissenschaftliche Forschungsansätze im Bereich der Praktiken, also des menschlichen Tuns. Etwas salopp könnte man sagen, es geht nicht um das "Was" oder "Warum", es geht um das "Wie". Freilich, ganz so einfach lässt sich die Praxis des menschlichen Tuns in der Vergangenheit nicht fassen, steht doch auch hinter den Praktiken des menschlichen Tuns eine Theorie. Arndt Brendecke greift in seiner Einleitung auf die breite, aber doch sehr aussagekräftige Definition des Philosophen Theodor R. Schatzkis zurück, der unter einer Praktik ein "typisiertes, routinisiertes und sozial verstehbares Bündel von Aktivitäten" versteht. "Besonders auffällig", so der Herausgeber erklärend "ist die enorme Offenheit der Definition, denn potentiell ist demnach alles humane Tun mit dem Konzept der Praktiken fassbar, wenn es denn typisiert, routinisiert und sozial verstehbar erfolgt." (15) Dabei unterstreicht Brendecke in seinen einleitenden Ausführungen auch den Wert und die potentielle Funktion des praxeologischen Ansatzes für die historischen Wissenschaften: "die Überwindung von Individualismus und Strukturalismus", also die seit Jahrzehnten diskutierten, gegensätzlichen Anschauungen in der Geschichtswissenschaft.

Der praxeologische Ansatz ist natürlich nicht neu, vor allem die Soziologie beschäftigt sich schon lange mit "Theorien der sozialen Praxis", mit "Praxistheorien" bzw. mit der "Praxeologie". Unter den zahlreichen "Turns", die bereits in den Geistes- und Sozialwissenschaften kreiert worden sind, kennt man daher auch den "Practice Turn" in der Sozialtheorie und in der empirischen Forschungspraxis. Folgerichtig stehen bei diesem Band theoretische Überlegungen zur Praxis der Theorie am Beginn. Marian Füssel, Frank Hillebrandt, Sven Reichhardt und Dagmar Feist erörtern die historische Praxeologie aus unterschiedlichen Ansätzen. Füssel, der in Kürze auch die Historie der praxeologischen Soziologie und Geschichtsforschung sowie deren - nicht unbedingt wechselseitig bedingte - Beeinflussung darstellt, bringt zum Abschluss seiner Betrachtung das besonders anschauliche Beispiel einer Schlacht, die aus einer Vielzahl von Praktiken besteht (Planung, Aufmarsch, Kampfpraktiken, Gesänge, Plünderungen, usw.). Im zweiten Kapitel beschäftigen sich die Beiträge - es könnte wohl passender für das Thema kaum sein, denn schon der Ort des ärztlichen Schaffens nennt sich "Praxis" - mit "Ärztlichen Praktiken". Das dritte Kapitel geht auf die "Praktiken der Wissensproduktion und Räume der Wissenszirkulation zwischen Italien und dem Deutschen Reich im 17. Jahrhundert" ein, Kapitel 4 beleuchtet die "Praktiken frühneuzeitlicher Amtsträger und die Praxis der Verwaltung", Kapitel 5 die "Religiöse Praxis im Exil", Kapitel 6 "Materielle Praktiken in der Frühen Neuzeit" und Kapitel 7 die "Praktiken der römischen Bücherzensur im 17. und 18. Jahrhundert". Mit dem Kapitel "Can you hear the light?" werden Forschungen zu den "Sinnes- und Wahrnehmungspraktiken" vorgestellt. Die durchgehend in englischer Sprache verfassten Beiträge des Kapitels 9 gehen auf "Archival Practices" ein, Kapitel 10 thematisiert "Praktiken des Verhandelns" und Kapitel 11 "Praktiken der Heuchelei" (mit einem Fragezeichen versehen). Die "Praktiken des Entscheidens" und die "Ökonomie sozialer Beziehungen" bilden Kapitel 12 und 13.

Den Abschluss des Bandes besorgt Justus Nipperdey mit dem Beitrag zur "Institutionalisierung des Faches Geschichte der Frühen Neuzeit", einem von der DFG finanzierten Forschungsprojekt, das mit dem Thema des Bandes nichts mehr zu tun hat. Es handelt sich hier um den Abendvortrag der Tagung, der für diesen Band verschriftlicht wurde und für Insider des Faches durchaus interessant ist.

Es soll hier nicht auf die Beiträge im Einzelnen eingegangen werden, das würde bei 63 sehr engagierten sowie thematisch sehr diversifizierten Artikeln den Rahmen einer Rezension sprengen und wäre zudem vermessen. Auch sollen hier nicht einzelne Beiträge herausgegriffen werden, was ohnehin einer problematischen Selektion gleichkommen würde. Allgemein darf festgestellt werden, dass es sich beim vorliegenden Band um ein äußerst spannendes Panoptikum praxeologisch ausgerichteter Forschungsansätze handelt. Freilich, nicht alles, was geboten wird, ist inhaltlich neu. Aber der fokussierte Blick auf die Praktiken menschlichen Handelns erlaubt doch so manch neue Fragestellung und bietet in vielerlei Hinsicht neue Aufschlüsse und Erklärungen. Besonders erfreulich ist dabei, dass viele Beiträge jüngerer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen Eingang gefunden haben. Der Verzicht auf ein Register (das bei der Vielzahl der Beiträge offenkundig sehr aufwendig zu gestalten gewesen wäre) sowie auch der Verzicht auf ein Verzeichnis der Autoren und Autorinnen sind allerdings zu bedauern.