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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (Review)
      • Schmid, Josef Johannes
      Language (Review)
      Deutsch
      Language (Monograph)
      English
      Author (Monograph)
      • Clayton, Anthony
      Title
      Three Republics One Navy
      Subtitle
      A Naval History of France 1870-1999
      Year of publication
      2014
      Place of publication
      Solihull
      Publisher
      Helion & Company
      Number of pages
      216
      ISBN
      978-1-909982-99-4
      Subject classification
      Military History
      Time classification
      Modern age until 1900 → 19th century, 20th century
      Regional classification
      Europe → Western Europe → France
      Subject headings
      Frankreich
      Marine
      Geschichte 1870-2000
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2016/07/28906.html
      recensio.net-ID
      8dae6656d8cb49dead38cde72247b66b
      DOI
      10.15463/rec.116581357
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Anthony Clayton: Three Republics One Navy. A Naval History of France 1870-1999 (reviewed by Josef Johannes Schmid)

sehepunkte 16 (2016), Nr. 7

Anthony Clayton: Three Republics One Navy

Nationale Mentalitäten können geschichtliche Prozesse ebenso wie Kontinuitäten determinieren. Ein schlagender Beweis für die Richtigkeit dieser an sich wenig originellen These findet sich im historischen (böse Zungen behaupten, auch im aktuellen) Verhältnis Frankreichs zu seiner Marine. Trotz wegweisender Maßnahmen und Initiativen vieler Monarchen und anderer politischer Entscheidungsträger spätestens seit dem 13. Jahrhundert vermochte es das Land nie, sich wirklich als seefahrende Nation zu begreifen. Sicherlich weist Frankreich mit lediglich 3427 Meilen Küstenlänge deutlich weniger potentielles Meereszugangspotential auf als andere europäische Länder; allein darin aber kann sich die Erklärung des oben beschriebenen Phänomens nicht erschöpfen. Vielmehr eröffnet gerade die geostrategische Lage des französischen littoral , von Nordsee und Ärmelkanal über den Atlantik bis hin zu den quasi idealen Mittelmeerhäfen deutliche Perspektiven.

Dass es letztendlich dennoch niemals zu einer mythischen Gleichsetzung von Marine und Nation wie in England, in Ansätzen auch in den Vereinigten Staaten, gekommen ist, lag und liegt eher an der säkularen Wahrnehmung als Landmacht, deren politische Ambitionen zuvorderst auf das nördliche Flandern, dann auf das östliche Rheintal und - in geringerem Maße - auf die Alpen- und Pyrenäenregionen abzielten. Zwar gab es immer wieder, inzwischen historiografisch einigermaßen aufgearbeitete, mächtige Stimmen einer maritimen Orientierung, doch änderte dies an der langfristigen politisch-mentalen Ausrichtung wenig. Einer weiteren offensichtlichen Kontinuität aber folgt die Tatsache, das hier anzuzeigende Werk in englischer Sprache vorzufinden: gerade angelsächsische Autoren widmen seit Jahrzehnten diesem Sujet eine erhöhte Aufmerksamkeit [ 1 ], obwohl der hier interessanterweise gewählte Untersuchungsfokus auf den Zeitraum von 1870 bis 1999 auch dort bislang keine Beachtung fand.

Der Band beginnt sinnvoll mit einer Analyse des Erbes, also des bis dato Erbrachten und Versäumten. Erschöpft sich dieser erste Abschnitt ein wenig in einer dominierenden Erörterung der Schiffsneubauten und technischen Diskussionen, so ändert sich dies im zweiten, mit "Naval Operations 1871-1904" überschriebenen Abschnitt deutlich. Weit davon entfernt, nur eine reine "Operationsgeschichte" im deutschen Sinne des Wortes zu liefern, wird hier vielmehr klar, welche politische, vor allem kolonialpolitische Rolle der Marine zukam und wie sehr deren Stellenwert und gesellschaftliche Rückbindung, beziehungsweise Wertschätzung von den mitunter rasch wechselnden Regierungen und Ministern abhängen konnte.

Diese Bias des Ansatzes wird auch im Weiteren beibehalten, von den technischen Errungenschaften der Vorkriegszeit über die Einsätze im Ersten Weltkrieg bis hin zu den sich immer chaotischer gestaltenden Verhältnissen der Zwischenkriegszeit. Geschickt und objektiv weist der Verfasser dabei zu Recht auf die enge Verflechtung von Flotte, Wirtschaft und (oft unklarem) politischen Willen hin - ein Amalgam, welches natürlich auch in anderen Ländern anzutreffen war, obgleich vielleicht nicht mit diesen Konsequenzen. Die Marinegeschichte erweist sich dabei als exzellenter Indikator und Analyseparameter für Phänomene, welche weit über ihren primär vermeintlich engen Kontext hinausweisen.

Der Zweite Weltkrieg mit seinen bekannten Fraktionsbildungen und Fragmentierungen der französischen Gesellschaft wie Sphäre bildet sodann einen weiteren Schwerpunkt. Hierzu liegen bereits zahlreiche Untersuchungen vor [ 2 ], doch gelingt es Clayton auch an dieser Stelle, seinen durch prägnante Kürze überzeugenden Ansatz durchzuhalten: von der Ausgangslage über den Zusammenbruch 1940, die Existenz zweier Flotten (Vichy und France Libre) sowie die damit verbundenen Tragödien (Mers-el-Kébir, Dakar) und Persönlichkeiten (François Darlan) bis hin zur großen strategischen Wende 1943/1944.

Mit den restlichen beiden Kapiteln betritt der Band den Bereich der Zeitgeschichte und damit den des Abschieds von den großen Überwassereinheiten, der gaullistischen Zielsetzungen, der mitunter blutigen Dekolonisation (Indochinakrieg, Algerienkrieg), des Entstehens der U-Boot-gestützten force de frappe (die seit 1971 bestehende Force Océanique Stratégique ). Bis zur Jahrtausendwende wird auch hier das Wechselspiel zwischen politischem Willen (so erkenn- beziehungsweise umsetzbar), technischer Innovation und maritimer Wirklichkeit deutlich gemacht.

Die klare Sprache des Verfassers, sein unleugbares Geschick, auch komplexe Zusammenhänge kurz und treffend darzustellen, ein brillantes Argumentations- wie Analysekonzept sowie die Verbindung eines bewusst breiten Betrachtungsrahmens mit einer Unmenge von fachspezifischen Erläuterungen verhindern, dass die vorliegende promenade durch 120 Jahre nationale Marinegeschichte zu einer verkürzenden und den Leser überanstrengenden tour de force werden. Tatsächlich können wenige - und beileibe nicht nur genreverhaftete - Autoren für sich in Anspruch nehmen, auf so geringem Raum so nachdrücklich Wesentliches und Umfassendes dargelegt zu haben. Dass dabei zwangsläufig publikationsökonomische Kompromisse eingegangen werden mussten, sich etwa etliche zugrundeliegende Werke nur in den Anmerkungen, nicht aber in der sehr knappen Bibliografie wiederfinden, auf Illustrationen in Form von Bildern verzichtet wurde (wobei die in den Text inserierten Schiffsaufrisszeichnungen sehr willkommen sind), ist naheliegend und zu verschmerzen.

All dies mindert nicht im Geringsten den Eindruck eines großartigen Werkes, das nicht nur hinsichtlich des Verhältnisses von Aussagegehalt und Umfang, sondern vor allem auch hinsichtlich einer überfälligen Neubewertung der Marinegeschichte als wichtiges Element der politischen wie allgemeinen Geschichte zur Nachahmung einlädt.


Anmerkungen :

[ 1 ] Zu Einzelbetreffen s. John R. Walser: France's Search for a Battlefleet. French Naval Policy, 1898-1914, Chapel Hill, N.C. 1976; Theodore Ropp / Stephen S. Roberts: The Development of a Modern Navy: French Naval Policy 1871-1904, Annapolis 1987; Charles W. Koburger: The French Navy in Indochina, New York 1991; Piotr Olender: Sino-French Naval War 1884-1885, Sandomierz / Petersfield 2012. - s.a. Anm. 2.

[ 2 ] Paul Auphan / Jacques Mordal: La marine française dans la Seconde Guerre mondiale, Paris 1958 (2. Aufl. 1967) [The French Navy in World War II, Annapolis 1959 (2. Aufl. 2016)]; Charles W. Koburger: The Cyrano Fleet: France and Its Navy, 1940-42, New York 1989; Claude Huan / Hervé Coutau-Bégarie: Darlan, Paris 1989; George E. Melton: Darlan. Admiral and Statesman of France, 1881-1942, Westport, Conn. 1998; Philippe Masson: La Marine française et la guerre 1939-1945, Paris 2000; David W. Wragg: Sink the French! The French Navy after the Fall of France 1940, Barnsley 2007.