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  • Metadata

    • Document type
      Review (monograph)
      Journal
      sehepunkte
      Author (review)
      • Czock, Miriam
      Language (review)
      Deutsch
      Language (monograph)
      Français
      Author (monograph)
      • Schroeder, Nicolas
      Title
      Les hommes et la terre de saint Remacle. Histoire sociale et économique de l'abbaye de Stavelot-Malmedy, VIIe-XIVe siècle
      Subtitle
      Histoire sociale et économique de l'abbaye de Stavelot-Malmedy, VIIe-XIVe siècle
      Year of publication
      2015
      Place of publication
      Bruxelles
      Publisher
      Editions de l'Université de Bruxelles
      Series
      Histoire
      Number of pages
      357
      ISBN
      978-2-8004-1587-1
      Subject classification
      History of religion, Social and Cultural History, Economic History
      Time classification
      Middle Ages → 6th - 12th century, Middle Ages → 13th century, Middle Ages → 14th century
      Regional classification
      Europe → Western Europe → Belgium
      Subject headings
      Kloster Stavelot
      Geschichte 648-1400
      Original source URL
      http://www.sehepunkte.de/2016/09/28289.html
      recensio.net-ID
      3c78bdcc41fc4b13a4e4cc3ca62dbd01
      DOI
      10.15463/rec.2022588878
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Nicolas Schroeder: Les hommes et la terre de saint Remacle. Histoire sociale et économique de l'abbaye de Stavelot-Malmedy, VIIe-XIVe siècle (reviewed by Miriam Czock)

sehepunkte 16 (2016), Nr. 9

Nicolas Schroeder: Les hommes et la terre de saint Remacle

Arbeiten, die sich ausführlich mit der mittelalterlichen Grundherrschaft von Einzelklöstern in der Langzeitperspektive befassen, sind rar. Eine besondere Forschungslücke stellen Studien zum Zusammenhang von ökonomischen und sozio-politischen Prozessen im Kontext der Entwicklung klösterlich-institutioneller Strukturen dar. Daher ist es zu begrüßen, dass sich Nicolas Schroeder in seiner nun im Druck vorliegenden Brüsseler Dissertation aus dem Jahr 2012 gerade unter diesen Aspekten mit Stablo-Malmedy vom 7.-14. Jahrhundert beschäftigt. Dezidiert hat er sich zum Ziel gesetzt, die sozio-ökonomische und die sozio-politische / anthropologische Perspektive in Dialog treten zu lassen (11) und damit die bislang jeweils nur auf eine der beiden Seiten konzentrierte Forschung um neue Aspekte zu bereichern. Eine klassische politische Geschichte Stablo-Malmedys ist also nicht zu erwarten, es geht vielmehr um die forschungsrelevante Frage, wie sozial-politische Strukturen, ökonomische Grundlagen und transformatorische Prozesse zusammenhängen.

Um das Programm umzusetzen, ist die Arbeit zweigeteilt angelegt: Während der erste Abschnitt die Einbettung Stablo-Malmedys in die Entwicklung von Besitzstrukturen und die damit einhergehenden Institutionalisierungsprozesse innerhalb des Klosters vom 7.-14. Jahrhundert beleuchtet, wendet sich der zweite Abschnitt der inneren Organisation der Herrschaft zu. Dem Text beigegebene Karten und Tabellen visualisieren räumliche Gegebenheiten und einzelne Ergebnisse. Ein sorgfältig gearbeitetes Register hilft, Orte bzw. Klöster und Personen schnell zu finden. Die Fülle an Detailbefunden wird durch prägnante Zusammenfassungen der einzelnen Abschnitte sowie auch der gesamten Arbeit zu einer stringenten Darstellung zusammengebunden. Um diese grundlegenden Ergebnisse und weniger um die Details soll es daher auch im Weiteren gehen.

Der erste große Abschnitt ist unter ereignis-, politik-, institutions- und besitzgeschichtlicher Perspektive dem Verhältnis von Abt und Kloster gewidmet sowie der Einbettung dieser Beziehung in weitere soziale Figurationen (König, Papst und Adel). Aufgearbeitet werden hier besonders die Rolle des klösterlichen Besitzes und die damit zusammenhängenden Besitzstrategien der verschiedenen Parteien bei Herausbildung und Wandel der institutionellen Strukturen des Klosters. Eine der Leitfragen des Abschnittes zielt dabei auf die Widerlegung der bisher von der belgischen Forschung vertretenen These, die Geschichte des Kloster Stablo-Malmedy sei geprägt von Reformen, die auf spirituellen Verfall folgten. Schroeder tritt dem entgegen, indem er nachweist, dass nicht die spirituelle Erneuerung, sondern Umstrukturierungen des Besitzes (z.B. die Trennung von Abts- und Konventsgut) und gleichzeitige Selbstversicherungen, die mit der Nutzbarmachung spiritueller Ressourcen wie beispielsweise der réécriture der Vita Remacli einherging, im Mittelpunkt der Konflikte und Reformen gestanden haben. Konfliktpotential, das zur Reform führte, wird damit weniger in einer Spannung zwischen Regelverfall und Regeldurchsetzung verortet, sondern in der Frage der Besitzverteilung erblickt. Reformen, die durchaus auch auf die spirituellen Grundlagen zielten, werden so aus der Abgrenzung des Konvents vom Abt, der Fragmentierung des Klostergutes und den jeweiligen Interessenslagen der Schenker und Unterstützer interpretiert.

Der zweite Abschnitt gilt der inneren Organisation der Herrschaft. Dabei fällt der Blick zum einen auf ihre soziale, zum anderen auf ihre wirtschaftliche Struktur. Auch hier steht die Überprüfung eines Forschungsmodells im Mittelpunkt der Ausführungen, nämlich des Wandels der Grundherrschaft durch den Zerfall der Villikationsverfassung im Hochmittelalter. Schlaglichtartig zusammengefasst können die Ergebnisse der detaillierten Herausarbeitung wie folgt dargestellt werden: In der Wirtschaft des sich langsam herauskristallisierenden bipartiten Systems des 9. Jahrhunderts war die familia inhomogen und die einzelnen Bauern in unterschiedlicher Weise an Stablo-Malmedy gebunden, allerdings kam es im Laufe der Zeit vor allem am Ende des 10. Jahrhunderts und im 11. Jahrhundert zu einer Homogenisierung von deren Status. Die Veränderungen des 11. und vor allem 12. Jahrhunderts, die räumlich heterogen verliefen, lagen unter anderem in der Ablösung der Dienste, einer Zentralisierung der Herrenwirtschaft, der Verdichtung der rechtlichen Strukturen unter anderem durch villici und Vögte sowie der Einrichtung von Märkten. Der Wandel, den Schroeder lieber als Reorganisation verstanden wissen möchte, betraf dabei weniger die wirtschaftliche Stellung der Abtei, als die Organisation der familia. Erst im 14. Jahrhundert kam es dann zu grundlegenden Veränderungen, die unter anderem mit dem Verschwinden des Konzepts der familia, der Auseinandersetzung mit anderen weltlichen Mächten, der Modifikation der Betriebswirtschaft sowie der Trennung von Gerichtsherrschaft und Grundherrschaft einhergingen und letztlich in die Rentenherrschaft führten. Während sich aus dem Abtsgut in dieser Zeit die Fürstabtei als geistliches Territorium herausschälte, verlor Stablo, da es seine Rechte nicht gegen die Ansprüche weltlicher Herren schützen konnte, zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert die Hälfte seines Besitzes.

Durch die Betrachtung des langen Zeitraums greift die Arbeit mehr oder weniger explizit auf Forschungsmodelle wie beispielsweise die Entwicklung der Fürstentümer / principauté, die Feudalisierung, den Herrschaftsbegriff / domination und die Grundherrschaft / seigneurie zurück, die hiermit zusammenhängenden, oft verwirrenden fachbegrifflichen Konventionen und Modellbildungen (besonders in den verschiedenen nationalen Forschungstraditionen) werden jedoch höchstens implizit - eine Ausnahme sind die verschiedenen Konzeptionen der Grundherrschaft - erörtert. Gerade die Betrachtungsweise des langen Verlaufs sowie der Transformationen und die Einbettung der historischen Phänomene in ihre sozial-ökonomischen und herrschaftlichen Grundlagen hätte allerdings eine stärker reflektierte Einführung in und Auseinandersetzung mit den verschiedenen Konzeptionen und ihren Begrifflichkeiten wünschenswert gemacht. Zwar wird auf theoretischer Ebene nicht umfassend genug eingeführt, in der Arbeit wird der Ansatz der Verknüpfung verschiedener Analysekategorien mit der sozial-ökonomischen Perspektive jedoch konsequent umgesetzt.

Schroeders Studie bereichert die Forschungslandschaft, indem sie manche Forschungslücke schließt, ältere Forschungsergebnisse revidiert oder modifiziert und neue Perspektiven erschließt. Nicht nur wer zu Stablo-Malmedy arbeiten möchte, sollte dieses Buch zur Kenntnis nehmen, denn es eröffnet nicht nur einen Zugang zur Geschichte der Abtei, vielmehr zeigt es, dass die Einbeziehung der ökonomischen Grundlagen zu einer facettenreicheren Darstellung von Klostergeschichte als Teil gesellschaftspolitischer Entwicklungen als bislang führt.